Human Resources
Studie: Fast 80 Prozent der Arbeitnehmer:innen machen nur Dienst nach Vorschrift

Studie: Fast 80 Prozent der Arbeitnehmer:innen machen nur Dienst nach Vorschrift

Marié Detlefsen | 03.04.25

Immer mehr Arbeitnehmer:innen in Deutschland machen nur noch Dienst nach Vorschrift – die emotionale Bindung an den Job ist auf einem historischen Tiefpunkt. Unternehmen stehen damit vor der Herausforderung, Motivation und Loyalität zurückzugewinnen, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.

Noch nie zuvor war die Zahl der Arbeitnehmer:innen in Deutschland, die nur noch das Nötigste im Job erledigen, so hoch wie 2024. Die aktuelle Langzeitstudie des Gallup Engagement Index zeigt ein alarmierendes Bild: 78 Prozent der Beschäftigten erledigen ihre Aufgaben lediglich nach Vorschrift. Damit erreicht die Gleichgültigkeit gegenüber den Arbeitgeber:innen ein Rekordniveau. Gleichzeitig ist die emotionale Bindung an den Arbeitsplatz drastisch gesunken und liegt erstmals seit Beginn der Erhebung im Jahr 2001 nur noch im einstelligen Bereich – bei gerade einmal neun Prozent (2023: 14 Prozent). Doch warum verlieren immer mehr Menschen die Begeisterung für ihre Arbeit? Erfahre, welche Auswirkungen dieser Trend auf Unternehmen hat und wie Arbeitgeber:innen gegensteuern können.

Mehr Dienst nach Vorschrift, geringere emotionale Bindung

Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass eine hohe emotionale Bindung an das Unternehmen in direktem Zusammenhang mit einer positiven Arbeitsatmosphäre steht. Doch in Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit, Fachkräftemangels und struktureller Veränderungen konzentrieren sich viele Führungskräfte darauf, Demotivation zu verhindern, anstatt aktiv eine inspirierende Unternehmenskultur zu schaffen. Das Resultat: Eine wachsende Anzahl von Beschäftigten fühlt sich nicht mehr mit ihrer Arbeit verbunden. Hochgerechnet bedeutet dies, dass fast zwei Millionen Menschen weniger als im Vorjahr mit vollem Einsatz arbeiten.

Dennoch gibt es eine positive Entwicklung: Der Anteil der innerlich bereits gekündigten Arbeitnehmer:innen ist im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Während 2023 noch 19 Prozent aktiv unzufrieden waren, liegt dieser Wert nun bei 13 Prozent – ein historischer Tiefstand. Dennoch ist dieser Rückgang nicht unbedingt ein Zeichen für mehr Engagement, sondern eher ein Indiz dafür, dass viele Beschäftigte zwar nicht aktiv gegen ihre Arbeitgeber:innen arbeiten, aber auch keine besondere Motivation mehr aufbringen.

Wechselbereitschaft steigt weiter

Nicht nur das Engagement, sondern auch die Loyalität zu den Unternehmen nimmt kontinuierlich ab. Nur noch jede:r zweite Beschäftigte plant uneingeschränkt, in einem Jahr weiterhin für das aktuelle Unternehmen tätig zu sein. Das sind drei Prozentpunkte weniger als im Vorjahr und eine dramatische Entwicklung seit 2018, als dieser Wert noch bei 78 Prozent lag. Noch dazu können sich lediglich 34 Prozent vorstellen, auch in drei Jahren noch bei ihren derzeitigen Arbeitgeber:innen zu bleiben – ein deutlicher Rückgang gegenüber den 40 Prozent des Vorjahres.

Auswirkungen von Dienst nach Vorschrift: Nur noch jede:r zweite Beschäftigte plant uneingeschränkt, in einem Jahr weiterhin für das aktuelle Unternehmen tätig zu sein.
Nur noch jede:r zweite Beschäftigte plant uneingeschränkt, in einem Jahr weiterhin für das aktuelle Unternehmen tätig zu sein, © Gallup

Die Gründe für diesen Wandel sind vielfältig. Neben der schwachen emotionalen Bindung spielt auch die Einschätzung des Arbeitsmarktes eine Rolle. Trotz wirtschaftlicher Unsicherheiten und Krisen glauben viele Arbeitnehmer:innen weiterhin an gute Chancen auf eine neue Stelle – auch weil der Fachkräftemangel deutlich spürbar ist. Zudem nehmen gezielte Abwerbeversuche durch Headhunter zu: Ein Drittel der Befragten gab an, in den vergangenen zwölf Monaten ein Jobangebot erhalten zu haben – ebenfalls ein neuer Höchstwert.

Konsequenzen von Dienst nach Vorschrift für die Wirtschaft

Die nachlassende Motivation und steigende Wechselbereitschaft haben nicht nur Auswirkungen auf die betroffenen Unternehmen, sondern auch auf die gesamte Volkswirtschaft. Laut der Studie verursachen Produktivitätsverluste durch innerlich gekündigte Mitarbeitende Kosten in Höhe von bis zu 134,7 Milliarden Euro pro Jahr. Doch nicht nur finanzielle Schäden sind die Folge. Eine geringe emotionale Bindung führt auch zu höheren Fehlzeiten, schlechterer Arbeitsqualität und steigenden Sicherheitsrisiken am Arbeitsplatz. Beschäftigte mit niedriger emotionaler Bindung fehlen im Schnitt 7,7 Tage pro Jahr, während jene mit hoher Bindung nur fünf Tage ausfallen. Bei Unternehmen mit 2.000 Mitarbeitenden könnten die Einsparungen durch eine stärkere Bindung über 1,6 Millionen Euro betragen.


Unzufriedenheit auf Höchststand:

Ein Fünftel der Beschäftigten hat keine emotionale Bindung ans Unternehmen

Unzufriedenheit auf Höchststand: Ein Fünftel der Beschäftigten hat keine emotionale Bindung ans Unternehmen.
© Magnet.me – Unsplash


Gegen Dienst nach Vorschrift und für mehr Motivation

Die Studie zeigt deutlich: Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden emotional stärker an sich binden, profitieren in vielerlei Hinsicht. Eine höhere Bindung reduziert nicht nur die Fluktuation, sondern verbessert auch Produktivität, Kund:innenbewertung und Arbeitsqualität. Führungskräfte sind daher gefordert, eine Unternehmenskultur zu etablieren, die langfristig Motivation und Engagement fördert.

Dazu gehören unter anderem:

  • Gezielte Maßnahmen zur Mitarbeiter:innenbindung: Regelmäßiges Feedback, Weiterbildungsangebote und Karrieremöglichkeiten steigern das Engagement.
  • Wertschätzende Führung: Eine Führungskultur, die nicht nur funktional ist, sondern auf Anerkennung, Vertrauen und Motivation setzt, kann langfristig zu höherer Loyalität führen.
  • Individuelle Entwicklungsmöglichkeiten: Mitarbeitende müssen das Gefühl haben, dass ihre Arbeit geschätzt wird und sie sich innerhalb des Unternehmens weiterentwickeln können.

Unternehmen, die auf diese Punkte setzen, können nicht nur kurzfristige Fluktuation vermeiden, sondern auch langfristig ihre Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität als Arbeitgeber:in steigern. Auch Angebote zur Weiterbildung, wie zum Beispiel Bildungsurlaub, können die eigene Arbeitgeber:innenattraktivität steigern. Mehr dazu erfährst du im folgenden Artikel:


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Wie Bildungsurlaub Loyalität, Gesundheit und Arbeitgeber:innenattraktivität stärkt

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© Kindel Media – Pexels

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