Human Resources
84 Prozent der Bewerber:innen erleben Ghosting: Sinkender Selbstwert und Frust als Folge

84 Prozent der Bewerber:innen erleben Ghosting: Sinkender Selbstwert und Frust als Folge

Marié Detlefsen | 18.03.26

Ein Großteil der Bewerber:innen erlebt Ghosting durch HR Teams. Diese Funkstille ist weit verbreitet und hat enorme Auswirkungen auf Motivation, Selbstwertgefühl und die psychische Belastung von Jobsuchenden.

Eine Bewerbung abschicken, vielleicht sogar ein Gespräch führen – und dann: nichts. Kein Feedback, keine Absage, keine Rückmeldung. Nur Stille. Was viele Arbeitnehmer:innen inzwischen aus der Dating-Welt kennen, ist längst auch auf dem Arbeitsmarkt angekommen. Ghosting nennt sich dieses Phänomen, bei dem Arbeitgeber:innen nach Bewerbungen oder Gesprächen schlicht nicht mehr reagieren. Eine aktuelle Befragung der Jobplattform Jooble zeigt: Für Jobsuchende in Deutschland ist das längst kein Ausnahmefall mehr, sondern oft Teil des Bewerbungsalltags.

Lediglich 15,8 Prozent haben noch nie Ghosting erlebt

Für die Studie wurden 1.052 aktiv nach Arbeit suchende Menschen in Deutschland befragt. Das Ergebnis macht deutlich, wie verbreitet das Problem inzwischen ist: 84,2 Prozent der Befragten haben bereits erlebt, dass potenzielle Arbeitgeber:innen nach einer Bewerbung oder sogar nach einem Vorstellungsgespräch nicht mehr reagieren. Lediglich 15,8 Prozent sagen, dass ihnen so etwas noch nie passiert ist. Anders gesagt: Mehr als acht von zehn Jobsuchenden kennen diese Situation.

Dabei tritt Ghosting nicht immer gleich häufig auf. Manche erleben es nur gelegentlich, andere fast ständig. Laut Studie berichten:

  • 22,1 Prozent, dass sie nur selten geghostet werden (bei weniger als einem Viertel ihrer Bewerbungen)
  • 22,1 Prozent, dass es gelegentlich passiert (bei etwa einem Viertel bis zur Hälfte der Bewerbungen)
  • 22,5 Prozent, dass es sogar bei mehr als der Hälfte ihrer Bewerbungen vorkommt
  • 17,5 Prozent erleben Ghosting besonders häufig, nämlich bei über drei Vierteln aller Bewerbungen

Das bedeutet: Für einen beträchtlichen Teil der Bewerbenden gehört Funkstille inzwischen zum Standardprozess. Diese Erkenntnis wird noch einmal durch das Ergebnis unterstrichen, dass gerade einmal knapp zwei von zehn Befragten noch nie Ghosting erlebt haben.

Wenn Ghosting das berufliche Selbstbild verändert

Was diese Erfahrung mit Menschen macht, zeigt sich besonders deutlich bei den emotionalen Reaktionen der Befragten. Viele versuchen, professionell damit umzugehen, doch nicht immer gelingt das. Laut Studie berichten 32,6 Prozent, dass sie zwar kurz enttäuscht sind, sich aber relativ schnell wieder fangen. 20,6 Prozent sagen sogar, dass Ablehnungen oder fehlende Rückmeldungen ihre Motivation kaum beeinflussen.

Doch ein erheblicher Teil der Jobsuchenden reagiert deutlich sensibler: 22,7 Prozent empfinden jede weitere Absage als zunehmend frustrierend. Und bei 17,1 Prozent beginnen Zweifel zu wachsen: Sie hinterfragen ihre Fähigkeiten oder ihren Wert auf dem Arbeitsmarkt. Sieben Prozent der Befragten fühlen sich sogar so entmutigt, dass sie darüber nachdenken, die Jobsuche komplett aufzugeben.


Mit zunehmender Ghosting-Erfahrung steigt das negative Selbstbild der Bewerber:innen (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Jooble
Mit zunehmender Ghosting-Erfahrung entwickelt sich das negative Selbstbild mancher Bewerber:innen (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Jooble

Je häufiger Menschen ignoriert werden, desto stärker verändert sich die Wahrnehmung ihrer eigenen beruflichen Fähigkeiten. Selbst unter denjenigen, die noch nie Ghosting erlebt haben, sagen bereits 31,3 Prozent, dass die Jobsuche ihr berufliches Selbstbild negativ beeinflusst. Doch mit zunehmender Ghosting-Erfahrung steigt dieser Wert deutlich:

  • Bei gelegentlichem Ghosting (weniger als 25 Prozent der Bewerbungen) berichten 50,6 Prozent von einem negativen Einfluss
  • Wenn Ghosting bei etwa einem Viertel bis zur Hälfte der Bewerbungen auftritt, steigt der Anteil auf 69 Prozent
  • Bei häufigem Ghosting (50 bis 75 Prozent der Bewerbungen) fühlen sich 77,2 Prozent in ihrem beruflichen Selbstwert beeinträchtigt
  • Selbst bei extrem häufigem Ghosting (über 75 Prozent der Bewerbungen) liegt der Wert mit 76,1 Prozent weiterhin sehr hoch

Mit anderen Worten: Rund drei von vier Kandidat:innen, die regelmäßig ignoriert werden, haben das Gefühl, dass diese Erfahrung ihr Bild vom eigenen beruflichen Wert verändert.


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Junge Bewerber:innen reagieren besonders sensibel auf Absagen

Interessant sind auch die Unterschiede zwischen den Generationen. Die Studie zeigt, dass jüngere Bewerber:innen besonders sensibel auf Ablehnung und Ghosting reagieren. So geben bei den über 55-Jährigen 23,3 Prozent an, dass Absagen sie kaum beeinflussen. Bei den 18- bis 24-Jährigen sind es dagegen nur 10,9 Prozent. Jüngere Menschen scheinen also deutlich stärker emotional betroffen zu sein.

Auch beim Gedanken, die Jobsuche ganz hinzuschmeißen, zeigt sich dieser Unterschied: 11,8 Prozent der jüngsten Befragten denken darüber nach, aufzugeben. Bei Menschen zwischen 45 und 54 Jahren sind es nur 4,2 Prozent, bei den über 55-Jährigen 5,9 Prozent.

11,8 Prozent der jüngsten Befragten denken darüber nach, aufzugeben (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Jooble

11,8 Prozent der jüngsten Befragten denken darüber nach, aufzugeben (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © Jooble

Hinzu kommt eine Art kumulativer Frust. Besonders bei jungen Menschen wächst die Frustration mit jeder weiteren Absage. 29,1 Prozent der 18- bis 24-Jährigen und 26,9 Prozent der 25- bis 34-Jährigen berichten, dass jede neue Zurückweisung sie stärker belastet als die vorherige. Mit zunehmendem Alter nimmt dieser Effekt allerdings deutlich ab.

Die Ergebnisse legen nahe, dass Ghosting längst mehr ist als nur ein unhöfliches Verhalten einzelner Unternehmen. Für viele Arbeitnehmer:innen gehört es traurigerweise mittlerweile zum Alltag der Jobsuche. Die Konsequenz: Enttäuschung, Frustration und in vielen Fällen auch Zweifel am eigenen beruflichen Wert. Dabei geht es nicht nur um fehlende Höflichkeit. Gerade für Menschen, die aktiv nach Arbeit suchen, kann eine Rückmeldung – selbst eine Absage – Orientierung geben. Stille dagegen lässt Fragen offen: War die Bewerbung schlecht? Passten die Qualifikationen nicht? Oder wurde sie vielleicht gar nicht gelesen?


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