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Wenn Bewerber:innen plötzlich verschwinden: Wie KI Candidate Ghosting im Recruiting verstärkt

Wenn Bewerber:innen plötzlich verschwinden: Wie KI Candidate Ghosting im Recruiting verstärkt

Marié Detlefsen | 04.03.26

Immer mehr Recruiter erleben ein frustrierendes Phänomen: Bewerber:innen verschwinden mitten im Einstellungsprozess – ohne Absage, ohne Erklärung. Eine aktuelle Studie von LiveCareer zeigt nun, dass ausgerechnet Künstliche Intelligenz den Trend des Candidate Ghosting verstärken könnte.

Künstliche Intelligenz schreibt mittlerweile ganze Bewerbungen, optimiert Lebensläufe oder generiert gut formulierte Motivationsschreiben. Immer häufiger mischt sie auch im Recruiting-Prozess selbst mit. Was zunächst nach Effizienzsteigerung klingt, bringt jedoch eine unerwartete Nebenwirkung mit sich: Candidate Ghosting. Gemeint ist damit das plötzliche Verschwinden von Bewerber:innen aus dem Auswahlprozess, ohne Absage, ohne Erklärung, manchmal sogar kurz vor Vertragsabschluss. Eine aktuelle Studie des Karriereservices LiveCareer zeigt nun, dass immer mehr Personalverantwortliche genau dieses Verhalten beobachten – und viele von ihnen machen KI dafür verantwortlich.

Immer mehr Recruiter erleben Candidate Ghosting

In der Untersuchung, für die 918 HR-Expert:innen aus den USA befragt wurden, berichten 88 Prozent der Personalverantwortlichen, dass Bewerber:innen während eines Einstellungsprozesses einfach den Kontakt abgebrochen haben. Noch bemerkenswerter: 71 Prozent beobachten, dass dieses Verhalten im Vergleich zum Vorjahr häufiger geworden ist. Recruiting scheint damit zunehmend zu einem Spiel aus Annäherung und plötzlichem Rückzug zu werden. Für Unternehmen bedeutet das verlorene Zeit, zusätzliche Kosten und oftmals einen kompletten Neustart im Bewerbungsprozess.

Viele Personaler:innen sehen eine:n zentrale:n Treiber:in für diese Entwicklung: automatisierte Systeme. 65 Prozent der Befragten glauben, dass KI- und Automatisierungs-Tools maßgeblich dazu beitragen, dass Bewerber:innen aus dem Prozess aussteigen. Weitere 33 Prozent sehen zumindest einen gewissen Einfluss. Zusammengefasst heißt das, dass für nahezu alle Befragten KI in irgendeiner Form eine Rolle beim Candidate Ghosting spielt.

KI befeuert Candidate Ghosting

Diese Erkenntnis ist zunächst paradox. Schließlich werden KI-Tools gerade vor allem eingesetzt, um Bewerbungen schneller zu bearbeiten, Vorauswahlen zu automatisieren und Kommunikationsprozesse zu vereinfachen. Doch genau hier liegt möglicherweise das Problem. Wenn Bewerber:innen das Gefühl haben, vor allem mit KI-Bots statt mit echten Menschen zu kommunizieren, sinkt die emotionale Bindung an den Prozess und zum Unternehmen. Der Bewerbungsweg wirkt dann weniger wie ein persönlicher Austausch und eher wie ein automatisiertes Formularsystem. Die Konsequenz: Wer sich nicht wertgeschätzt fühlt oder unsicher ist, ob überhaupt jemand die Bewerbung liest, verabschiedet sich im Zweifel still und heimlich.

Dass Ghosting inzwischen zum Alltag vieler Recruiter gehört, zeigt ein weiterer Blick auf die Daten. 40 Prozent der Personalverantwortlichen geben an, sehr häufig von Bewerber:innen geghostet zu werden, während 48 Prozent zumindest gelegentlich damit konfrontiert sind. Nur eine kleine Gruppe von drei Prozent sagt, dieses Problem noch nie erlebt zu haben. Das Phänomen ist damit längst kein Einzelfall mehr, sondern ein strukturelles Problem im Recruiting.

An diesen Stellen im Recruiting-Prozess springen die meisten Bewerber:innen ab (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von LiveCareer mithilfe von ChatGPT erstellt)
An diesen Stellen im Recruiting-Prozess springen die meisten Bewerber:innen ab (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von LiveCareer mithilfe von ChatGPT erstellt)

Die Studie zeigt auch, an welchen Punkten im Bewerbungsprozess der Kontakt besonders häufig abbricht:

  • 36 Prozent der Kandidat:innen verschwinden nach der ersten Vorauswahl durch Recruiter.
  • 26 Prozent nach dem ersten Vorstellungsgespräch.
  • 22 Prozent direkt nach dem Einreichen der Bewerbung.
  • 12 Prozent sogar nach einem konkreten Jobangebot.
  • Fünf Prozent erst nachdem sie ein Angebot bereits angenommen haben.

Gerade die letzten beiden Zahlen zeigen, wie drastisch sich das Verhalten verändert hat. Ghosting endet längst nicht mehr beim Bewerbungsgespräch – in manchen Fällen ziehen sich Kandidat:innen sogar aus bereits zugesagten Jobs zurück.


Ohne KI chancenlos?

58 Prozent der Beschäftigten nutzen KI im Bewerbungsprozess

Ohne KI chancenlos? 58 Prozent der Beschäftigten nutzen KI im Bewerbungsprozess
© olia danilevich – Pexels


Aus diesen Gründen betreiben Bewerber:innen Candidate Ghosting

Doch KI ist nur ein Teil der Geschichte. Laut der Befragung sehen HR-Verantwortliche mehrere Gründe, warum Kandidat:innen plötzlich nicht mehr reagieren:

  • 54 Prozent vermuten, dass unklare oder unzureichende Kommunikation seitens der Arbeitgeber:innen zu Ghosting führt.
  • 42 Prozent glauben, dass Kandidat:innen parallel bessere Angebote erhalten.
  • 39 Prozent führen Ghosting auf lange oder frustrierende Einstellungsprozesse zurück.
  • 27 Prozent sagen, Bewerber:innen hätten Zweifel an der Stelle entwickelt.
  • Acht Prozent nennen eine negative Candidate Experience.
  • Zwei Prozent gehen davon aus, dass Kandidat:innen schlicht keine neue Stelle mehr benötigen.
Aus diesen Gründen betreiben Bewerber:innen Candidate Ghosting (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von LiveCareer mithilfe von ChatGPT erstellt)
Aus diesen Gründen betreiben Bewerber:innen Candidate Ghosting (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von LiveCareer mithilfe von ChatGPT erstellt)

Interessant ist dabei, dass viele dieser Faktoren indirekt mit digitalisierten Recruiting-Prozessen zusammenhängen. Lange automatisierte Screening-Phasen, standardisierte E-Mails oder algorithmische Vorauswahlen können Bewerber:innen den Eindruck vermitteln, nur eine Nummer im System zu sein. Gleichzeitig erlaubt KI auf der anderen Seite auch Kandidat:innen, ihre Bewerbungen massenhaft zu automatisieren, etwa durch automatisch generierte Anschreiben oder schnelle Bewerbungsoptimierungen. Das führt zu mehr Bewerbungen, mehr Auswahlmöglichkeiten und damit auch zu einer geringeren Bindung an Unternehmen.

Ein Recruiting-Prozess ohne echte Begegnung

Die Digitalisierung des Recruitings hat damit eine neue Dynamik geschaffen. Bewerbungen entstehen schneller, Auswahlprozesse werden automatisierter – und die Beziehung zwischen Unternehmen und Kandidat:innen wird zunehmend unpersönlich. Wenn Kommunikation hauptsächlich über automatisierte E-Mails oder KI-gestützte Systeme läuft, sinkt die Hemmschwelle, den Prozess einfach abzubrechen. Jasmine Escalera, Karriereexpertin bei LiveCareer, sagt hierzu:

Ghosting war früher selten – heute ist es ein ständiges Problem. Was wir hier sehen, ist die Schattenseite der digitalen Personalbeschaffung. Wenn Arbeitssuchende das Gefühl haben, mit einer Maschine statt mit einem Menschen zu sprechen, ist es wahrscheinlicher, dass sie ohne Vorwarnung abspringen. Für Arbeitgeber kann diese Entfremdung zu Zeitverschwendung, Verlust von Talenten und großer Frustration führen.

Für Unternehmen bedeutet das eine doppelte Herausforderung. Einerseits möchten sie KI nutzen, um effizienter zu rekrutieren. Andererseits riskieren sie damit genau das Verhalten, das sie vermeiden wollen: Bewerber:innen, die plötzlich verschwinden.


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