Human Resources
Führung verfehlt? Warum Führungskräfte oft die Team-Erwartung nicht erfüllen

Führung verfehlt? Warum Führungskräfte oft die Team-Erwartung nicht erfüllen

Marié Detlefsen | 16.04.26

Mitunter kommen genau die Menschen im Job nach ganz oben, die Teams am wenigsten brauchen. Eine neue Studie zeigt, wie weit die Vorstellungen von guter Führung zwischen Unternehmen und Mitarbeitenden auseinanderliegen – und warum das zum echten Problem werden kann.

Ehrgeiz, Motivation und zielorientiertes Arbeiten – alles Eigenschaften einer guten Führungskraft, oder etwa nicht? Das, was Führungskräfte nach oben bringt, ist offenbar nicht das, was sich Mitarbeitende tatsächlich wünschen. Dies zeigt eine aktuelle globale Studie von Hogan Assessments mit über 21.000 analysierten Führungskräften und knapp 10.000 befragten Arbeitnehmer:innen. Laut der Analyse besteht eine überraschend klare Diskrepanz – und zwar eine ohne jede Überschneidung. Die fünf häufigsten Eigenschaften von Führungskräften? Haben nichts mit den fünf wichtigsten Erwartungen der Teams zu tun. Während Unternehmen nicht selten jene befördern, die sichtbar auftreten, sich durchsetzen und Ideen offensiv vertreten, wünschen sich Mitarbeitende etwas deutlich Bodenständigeres.

Was sich Mitarbeitende konkret von Führungskräften wünschen

Wirft man einen Blick auf die Studie, wird deutlich: Für Mitarbeitende geht es weniger um Glanzleistungen einzelner Persönlichkeiten, sondern um Verlässlichkeit im Alltag. Weltweit nannten fast 97 Prozent der Befragten Eigenschaften rund um Kommunikation und Vertrauen als entscheidend. Integrität, Verantwortungsbewusstsein und fundierte Entscheidungen stehen ganz oben auf der Wunschliste.

In Deutschland zeigt sich zusätzlich ein Spannungsfeld: Einerseits wünschen sich Arbeitnehmer:innen strategisches Denken und Neugier (54 Prozent), andererseits aber auch Tatkraft und Zielorientierung (52 Prozent). Führung soll also gleichzeitig klug und entschlossen sein, aber bitte nicht kalt. Taktgefühl und Empathie spielen eine ebenso große Rolle. Zudem wünschen sich 38 Prozent mehr Freude und Abwechslung im Arbeitsalltag und 37 Prozent legen Wert auf Team-Geist und Zugehörigkeit. Das klingt weniger nach klassischer Top-down-Führung und mehr nach einem sozialen Gefüge, das aktiv gestaltet werden muss.

Fast 97 Prozent der Befragten nennen Kommunikation und Vertrauen als wichtigste Eigenschaft von Führungskräften (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von Hogan Assessments mithilfe von ChatGPT erstellt)
Fast 97 Prozent der Befragten nennen Kommunikation und Vertrauen als wichtigste Eigenschaft von Führungskräften (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von Hogan Assessments mithilfe von ChatGPT erstellt)

Insgesamt fällt auf, dass vor allem Soft Skills gefragt sind. Sie dominieren die Wünsche der Angestellten und stehen weit vor Ehrgeiz oder Produktivität.

Was Führungskräften schadet – aus Sicht der Teams

Die Führungskräfte selbst setzen laut der Studie häufig auf andere Prioritäten als ihre Teams: Im Fokus stehen vor allem Sichtbarkeit, Durchsetzungsstärke und der Wille, etwas zu bewegen. Eigenschaften wie Eigeninitiative, Innovationsdrang und die Fähigkeit, Ideen überzeugend zu präsentieren, gelten in vielen Unternehmen als echte Karriere-Booster. Auch der Wettbewerb mit Kolleg:innen und das Vorantreiben langfristiger Ziele spielen eine große Rolle.


Geringes Vertrauen:

Führungskräfte überschätzen oft ihr eigenes Image

Geringes Vertrauen: Führungskräfte überschätzen oft ihr eigenes Image
© Hunters Race – Unsplash


In diesem Zusammenhang geht die Analyse nicht nur darauf ein, was sich Mitarbeitende wünschen, sondern auch, was sie klar ablehnen. Und hier wird es besonders interessant: Viele der Eigenschaften, die Führungskräfte erfolgreich machen, kippen in der Wahrnehmung der Teams schnell ins Negative. Selbstbewusstsein wird zu Arroganz. Risikofreude zu Unberechenbarkeit. Durchsetzungsfähigkeit zu passiver Aggression. Weltweit sehen Mitarbeitende vor allem diese Verhaltensweisen kritisch:

  • Emotionale Schwankungen und Unberechenbarkeit (72 Prozent)
  • Passive Aggression (62 Prozent)
  • Arroganz und Anspruchsdenken (59 Prozent)
  • Übertriebene Vorsicht (56 Prozent)

In Deutschland zeigt sich ein ähnliches Bild – mit leicht verschobenen Gewichtungen:

In Deutschland sehen Mitarbeitende vor allem diese Verhaltensweisen von Führungskräften kritisch (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von Hogan Assessments mithilfe von ChatGPT erstellt)
In Deutschland sehen Mitarbeitende vor allem diese Verhaltensweisen von Führungskräften kritisch (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht; die Grafik wurde anhand der Daten von Hogan Assessments mithilfe von ChatGPT erstellt)

Gerade der Punkt „passive Aggression“ sollte mit Vorsicht betrachtet werden. So sieht jede zweite befragte Person (50 Prozent) in Deutschland darin ein ernsthaftes Problem für Führungskräfte.

Die große Fehlwahrnehmung in Unternehmen

Was bedeutet das alles für Unternehmen? Kurz gesagt: Viele belohnen noch immer die falschen Dinge. Sichtbarkeit schlägt Substanz. Charisma schlägt Charakter. Doch genau das könnte langfristig zum Problem werden. Denn die Eigenschaften, die Karrieren befeuern, sind nicht automatisch jene, die Teams stärken. Und genau hierin liegt die eigentliche Herausforderung: Führung neu zu denken.

Dabei bringen Führungskräfte in Deutschland bereits vieles mit: Ehrgeiz, Flexibilität, Innovationsfreude. Doch diese Stärken entfalten ihren Wert erst dann vollständig, wenn sie ergänzt werden – durch Verlässlichkeit, Offenheit und echte Beziehungsarbeit. Oder anders gesagt: Gute Führung entsteht nicht durch Lautstärke, sondern durch Wirkung. Dieser Ansicht ist auch Allison Howell, CEO von Hogan Assessments:

Führungskräftepipelines sind dann am stärksten, wenn Unternehmen die Art und Weise, wie sie Führungskräfte identifizieren und fördern, auf das abstimmen, was die Mitarbeiter tatsächlich schätzen. Diese Ergebnisse zeigen, dass Vertrauen, Verantwortungsbewusstsein und ein gesundes Urteilsvermögen keine zweitrangigen Eigenschaften sind. Sie sind entscheidend für die Effektivität des Teams und die langfristige Leistungsfähigkeit.


Zu viel geredet, zu wenig geschafft:

Führungskräfte verbringen 23 Stunden pro Woche in Meetings

Zu viel geredet, zu wenig geschafft: Führungskräfte verbringen 23 Stunden pro Woche in Meetings
© Thirdman – Pexels


Kommentare aus der Community

Andreas Schulze am 17.04.2026 um 15:03 Uhr

Studien sind das Eine, die Realität das Andere. Heutige Führungskräfte – seit dem Drücken der Wirtschaftsschulbank (BWL) perfekt und berufserfahren vom Himmel gefallen sowie mit exorbitanten steuerfinanzierten Gehältern ausgestattet – haben in der Regel noch nie an der Basis eines Produktionsunternehmens oder auf einer Baustelle gearbeitet, bzw. effektiv zur Wertschöpfung beigetragen. Sie erdreisten sich, über Fachkompetenzen technischer Ingenieure ohne Migrationshintergrund dank ihrer hellseherischen Kompetenzen zu entscheiden, ohne selbst auch nur die Spur einer vergleichbaren Kompetenz zu besitzen. Stattdessen setzen sie kompromisslos das Einzige um, was ihnen der Wirtschaftsschule eingetrichtert wurde – Betrieb von Kostenoptimierung auf Teufel komm raus! Und wenn ich hier den Begriff „Assessment“ lese, kommt mir bereits die Galle hoch. Die sogenannten Assessmenttests sind das Werkzeug zur Stigmatisierung, Ausgrenzung, Abqualifizierung und Ablehnung wirklicher Fachkompetenzler.

Antworten
Sascha A. Wagner am 17.04.2026 um 19:47 Uhr

Grundlegend wirkt Deine Rückmeldung auf mich ganz global wie typische Diskrepanzen zwischen Innen- und Außendienst, Praktikern und Theoretikern, Fachleuten des Tagesgeschäfts und Fachleuten der strategischen Ausrichtung usw.
Natürlich ist es mehr als problematisch, wenn eine fachliche Bewertung durch eine Person vorgenommen wird oder werden soll, der es an an fachlichem Wissen fehlt – zugegebenermaßen ist mir die Bedeutung des Migrationshintergrunds, ob mit oder ohne, in diesem Kontext (noch) unklar.
Ich bin ganz bei Dir, das von Dir beschrieben Szenario spiegelt eine kurzsichtige „McKinsey“-Haltung wider, die in ihrer menschenverachtenden Herablassung kaum zu überbieten ist.

(Liebe Mc-Kinseyianer, nicht persönlich nehmen, ich nutze diesen Ausdruck hier als Platzhalter für alle dem Klischee entsprechenden Unternehmensberater, die das berufliche Äquivalent zu Helikopter-Eltern darstellen. Selten da, aber wenn, dann laut und mit viel Wind und Getöse…)

Und daher stützt Deine Rückmeldung in meiner Wahrnehmung die o.g. Ausführungen zur Studie eher, als daß die Realität anders aussieht.

Im Kern geht es letztlich um Auswahl und Einsatz.

1. Die Auswahl der Führungskraft (anhand dessen, was MA, Team & Organisation benötigen)
2. Die Auswahl der passenden Kennzahlen
3. die Auswahl der passenden Messwerkzeuge

Anschließend den zu den unter 1. definierten Faktoren das passende Werkzeug im passenden (dosierten) Maß auszuwählen.
Ein Assessment kann durchaus ein sinnvolles Werkzeug in der Hand desjenigen, der es richtig einzusetzen weiß, sein.
Verurteile nicht das Werkzeug, sieh Dir lieber den Nutzer an ;0)

Im Wesentlichen bleibt es bei der richtigen Auswahl.
Und die wird meiner Erfahrung nach häufig exakt den in der Studie beschriebenen Kriterien und eben nicht anhand derer, was es nun wirklich braucht, getroffen.

Sprich, unabhängig von der Organisation, werden häufig Personen zu FK´´´´’s, denen es sowohl an Führungs- und Sozialkompetenz, als auch entsprechender Ausbildung fehlt.
Was in vielen Fällen in missverstandenem Rollen-, Aufgaben- und Autoritätsverständnis mündet. So glaubt der Esel dem Maikäfer die Freiheit des Fliegens erläutern zu müssen, da er sich fälschlicherweise dazu berufen fühlt.
Die vorprogrammierten Diskrepanzen führen dann i.d.R. in ein höllisches Konfliktkarussel aus Widerspruch, autoritärer Führung, Widerstand, extrem autoritärer Führung usw., bis letztlich mindestens einer kündigt (viele Grüße an Glasl und seine Konfliktstufen) und alle verlieren…

Autoritäre Führung ist schon seit dem letzten Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß – stellt sich die Frage, ob sie das jemals war – und kommt dennoch immer wieder zum Vorschein. Denn die „ausgewählte“ FK kennt weder ihre Werkzeuge, noch weiß sie bzw. wurde sie dazu befähigt zu wissen, wie sie sie einsetzen kann.
In diesem Moment zeigt sich dann ob der/die „Auserwählte“ über Integrität verfügt oder nicht bzw. welchen Weg er/sie wählt.

Frei nach Rousseau, das Böse sucht sich die Schwachen, denn es fürchtet die Starken.

Solange Erkenntnisse, wie die aus obiger Studie nicht im oberen Management einer Organisation ankommen und die richtigen Schlüsse gezogen werden, wird jedes Unternehmen in falsch verstandener Agilität weiterhin gute und qualifizierte MA (wozu auch FK zählen können) immer wieder verbrennen und weit unterhalb der Performanz liegen, die es eigentlich leisten kann.

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