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DIW-Chef zu Frauen in Teilzeit: Verzicht „auf eine Menge Wohlstand“

DIW-Chef zu Frauen in Teilzeit: Verzicht „auf eine Menge Wohlstand“

Selina Beck | 14.07.26

Fast jede zweite Frau arbeitet in Teilzeit. Für den Ökonomen Marcel Fratzscher bleiben dadurch große Potenziale ungenutzt. Doch wie können Lösungsmöglichkeiten gestaltet werden?

Es gibt viele Gründe dafür, dass fast jede zweite Frau in Deutschland einer Teilzeitarbeit nachgeht. In der Statistik wird deutlich, dass Mütter weiterhin seltener erwerbstätig als Väter sind, allerdings ist der Anteil erwerbstätiger Mütter seit 2005 auffallend gestiegen. Eine Studie des Statistischen Bundesamts zum Muttertag machte deutlich: Mütter von Kleinkindern übernehmen immer noch mehr Care-Arbeit und sind deutlich seltener erwerbstätig als Väter in derselben Familiensituation.

Der Deutsche Gewerkschaftsverbund (DGB) weist darauf hin, dass Frauen noch immer häufiger unter Niedriglöhnen und unsicheren Arbeitsverhältnissen leiden. Viele Frauen leisten unbezahlte Care- und Pflegearbeit, managen das Familienleben und den Haushalt und können dadurch nur in Teilzeitstellen arbeiten. Auch diese Aspekte wirken sich auf den Gender Pay Gap aus: Frauen verdienten im vergangenen Jahr durchschnittlich 16 Prozent weniger Gehalt pro Stunde als Männer. Folglich ist auch ihre Rente deutlich niedriger: Die Rentenlücke beziehungsweise Gender Pension Gap zeigt: Frauen bekommen im Alter durchschnittlich über 30 Prozent weniger Rente als Männer.

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© Yan Krukau – Pexels


Teilzeitquote auf Rekordhoch

Die Teilzeitquote erreichte 2024 mit 49 Prozent der Frauen in Teilzeit und zwölf Prozent der Männer einen neuen Höchststand. Auch Pflegearbeit und ehrenamtliches Engagement können die Teilzeitquote beeinflussen. Zudem muss auch betont werden, dass sich der Geschlechterunterschied bei der Erwerbstätigenquote in den vergangenen 20 Jahren deutlich reduziert hat. Die Erwerbstätigenquote liegt bei Männern mit 81 Prozent nur rund sieben Prozentpunkte höher als bei Frauen mit 74 Prozent. Durch diesen Anstieg steigen natürlich auch die Teilzeitjobs.

Fast sieben von zehn erwerbstätigen Müttern arbeiten im Teilzeitmodell, © Statistisches Bundesamt, Grafik
Fast sieben von zehn erwerbstätigen Müttern arbeiten im Teilzeitmodell, © Statistisches Bundesamt

Meilenweit von Gleichstellung entfernt

Für Marcel Fratzscher, Ökonom und Chef des DIW (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung), ist das Teilzeitmodell, welches viele Frauen wählen, auch ein Verlust von „eine Menge Wohlstand„. Deutschland ist meilenweit von Gleichstellung entfernt, so der Experte, und die Politik unternimmt zu wenig dagegen. Zudem werde dadurch wirtschaftliches Potenzial ungenutzt gelassen.

Er rechnet damit, dass mehrere Hunderttausend neue Vollzeitkräfte gewinnen werden könnten, wenn Hürden abgebaut würden und mehr Frauen ihre Arbeitszeit aufstocken würden. Als Hürden nennt er so etwa die fehlenden Betreuungsplätze für Kinder, Minijobs und die Gender Pay Gap. Für ihn ist die Erhöhung der Arbeitszeit von Frauen auch das beste Instrument, um die gesetzliche Rente über die nächsten 15 bis 20 Jahre stabil zu halten. Fratzscher meint dazu:

Wenn wir die Erwerbsbeteiligung von Frauen erhöhen, dann profitieren alle. […] Es geht nicht nur um die Frauen, denen Chancen genommen werden. Der Gesellschaft als Ganzes, also auch uns Männern, entsteht dadurch großer wirtschaftlicher Schaden.

Welche Lösungsvorschläge gibt es?

Vermutlich wird es bald zur Abschaffung der Steuer- und Abgabefreiheit bei Minijobs kommen, wodurch viele Frauen eventuell ein Teilzeitmodell mit mehr Arbeitsstunden wählen. Jedoch ist die Reform umstritten und auch der gegenteilige Fall kann eintreten, dass Frauen nämlich dann ganz aus der Erwerbsarbeit austreten, etwa weil sie sonst keine Betreuungsmöglichkeit für ihre Kinder oder Pflegebedürftigen haben oder weil Unternehmen nicht bereit sind, zusätzlich anfallende Abgaben zu zahlen. Wann die Reform umgesetzt wird und wie sie sich konkret auswirken wird, bleibt abzuwarten.

Der Ausbau von Betreuungsmöglichkeiten für Kinder – vor allem Kleinkinder – könnte ebenfalls zu höheren Erwerbstätigkeitsquoten von Frauen führen. Das Institut der deutschen Wirtschaft hat errechnet, dass allein 300.000 Kitaplätze für unter Dreijährige fehlen. Folglich haben 14,2 Prozent der unter Dreijährigen keinen Betreuungsplatz und deren Mütter können ohne familiäre Hilfe keinen Job annehmen.


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© Picsea – Unsplash


Auch die wenigen Pflegeplätze und hohen Kosten führen dazu, dass viele Frauen ihre (Schwieger-)Eltern pflegen und deshalb keiner Vollzeitarbeit nachgehen können. In Deutschland werden 60.000 Pflegeplätze zu wenig angeboten. 57 Prozent der teilzeitbeschäftigten Frauen gaben vergangenes Jahr laut Befragungen des DGB (Deutscher Gewerkschaftsbund) Kinderbetreuung als Grund für Teilzeit an und 19 Prozent die Pflege von Angehörigen.

Die Ökonomin Christine Rudolf hat ausgerechnet, dass der Wert von unbezahlter Care-Arbeit nur in Deutschland bei 825 Milliarden Euro pro Jahr liegt. Und: Der Gender Care Gap lag im vergangenen Jahr bei über 43 Prozent. Frauen verwenden also täglich im Durchschnitt 43,4 Prozent mehr Zeit für unbezahlte Care-Arbeit als Männer. Eine faire und gerechte Aufteilung der Care-Arbeit könnte ebenfalls zu höheren Erwerbstätigkeitsquoten führen.

Ein weiteres wichtiges Hindernis: der Gender Pay Gap. Würden Frauen gerecht bezahlt werden, gäbe es sicherlich viele, die ihre Arbeitsstunden aufstocken würden. Auch wenn für Deutschland gesetzlich Equal Pay gilt, sind viele Unternehmen in der Realität davon noch meilenweit entfernt.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert Equal Pay, © Deutscher Gewerkschaftsbund, Screenshot
Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund fordert Equal Pay, © Deutscher Gewerkschaftsbund

Am 7. Juni endete die Umsetzungsfrist für die EU‑Entgelttransparenzrichtlinie, welche die Lohnlücke stoppen sollte, enden, doch die Bundesregierung hat diese Umsetzungspflicht nicht rechtzeitig eingehalten. Das Bundesfamilienministerium hat mitgeteilt, dass die Bundesregierung die neuen Regeln zur Gehaltstransparenz erst in den kommenden Monaten bis Anfang nächsten Jahres in nationales Recht umsetzen wird. Damit wird gegen die EU-Richtlinie verstoßen. Als Grund für die Verzögerung wurde die wirtschaftliche Lage angegeben.

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Die Gründe, warum Frauen ihre Arbeitsstunden nicht erhöhen wollen, sind vielfältig. Auf Platz eins stehen laut Befragung von "Frau und Beruf Freiburg - Südlicher Oberrhein" andere Interessen und ehrenamtliches Engagement, © "Frau und Beruf Freiburg - Südlicher Oberrhein", Screenshot
Die Gründe, warum Frauen ihre Arbeitsstunden nicht erhöhen wollen, sind vielfältig. Auf Platz eins stehen laut Umfrage von „Frau und Beruf Freiburg – Südlicher Oberrhein“ andere Interessen und ehrenamtliches Engagement, © „Frau und Beruf Freiburg – Südlicher Oberrhein“

Auch Unternehmen können mit Remote-Angeboten und Gleitzeit dafür sorgen, dass Erwerbsarbeit für Frauen besser in den Alltag integriert werden kann. Der DGB schreibt dazu in seiner Mitteilung:

Wo Arbeitgeber aktiv werden, verbessert sich die Situation messbar. Frauen, die von ihrem Arbeitgeber bei Kinderbetreuung oder Pflege unterstützt werden, haben deutlich seltener Vereinbarkeitsprobleme. Auch die Möglichkeit zum mobilen Arbeiten reduziert die Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit um 10 Prozentpunkte. Die schlechte Nachricht: Bislang erhalten nur etwa ein Drittel der Frauen eine hohe Unterstützung vom Arbeitgeber bei Kinderbetreuung oder Pflege. Zwei Drittel berichten von keiner oder nur geringer Hilfe. Auch mobiles Arbeiten können nur 30 Prozent der Frauen in hohem Maße für eine bessere Vereinbarkeit nutzen.

Generell ist das Problem ein strukturelles und gesamtgesellschaftliches, an dem Politik, Gesellschaft und die Unternehmen zusammen arbeiten müssen.


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