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Meta bezahlt Consulting-Firma für Kampagne gegen TikTok

Meta bezahlt Consulting-Firma für Kampagne gegen TikTok

Niklas Lewanczik | 31.03.22

Die Schmutzkampagne der Facebook-Mutter wird von Targeted Victory geleitet und bedient sich politischer Muster, um gezielt Missgunst gegenüber TikTok zu säen. Ziel der Kampagne ist, von Metas eigenen Problemen abzulenken und TikTok als die „wahre Gefahr“ darzustellen.

Im politischen Wahlkampf ist es sowohl schlechter Stil als auch gang und gäbe, die Konkurrenz – mit zuweilen höchst unmoralischen Mitteln – schlecht zu machen. Dabei soll das eigene Image im Rahmen der Verfehlungen oder Mängel anderer indirekt aufpoliert werden. Derlei Praktiken sind längst auch im Tech-Sektor angekommen: Meta bezahlt Targeted Victory, ein republikanisches Consulting-Unternehmen, um eine massive und die gesamte USA umfassende Schmutzkampagne gegen die erfolgreiche Social App TikTok durchzuführen. Das haben Taylor Lorenz und Drew Harwell in ihrem Scoop-Beitrag in der Washington Post publik gemacht. Die Kampagne zielt darauf ab, TikTok als Gefahr für Jugendliche und die US-Gesellschaft insgesamt darzustellen. Das rasante Wachstum der Kurzvideo-App sowie Metas eigene Image-Probleme hinsichtlich Datenschutz, Hate Speech und einem toxischen Einfluss auf Jugendliche dürften Anlass zu diesem Manöver gewesen sein.

„TikTok is the real threat“ – interne E-Mails von Targeted Victory zeigen Ausmaß der Kampagne

Wie Lorenz und Harwell berichten, hat Targeted Victory, als eines der größten Consulting-Unternehmen, Meinungsnachrichten und Briefe an große regionale Zeitungen und Verlage geschickt, in denen das Gefahrenpotential TikToks, insbesondere für junge Menschen, aufgerufen wird. Zum Teil werden dabei auch Trends, die angeblich von TikTok stammen und potentiell gefährlich sind, angeführt – obwohl diese häufig auf Metas Plattformen zuerst aufgetaucht waren. Ein internes Google-Dokument mit dem Titel „Bad TikTok Clips“ war eigens angelegt worden. Darin findet sich auch die „Devious Licks“ Challenge, bei der junge Leute animiert werden, Schuleigentum zu demolieren oder zu verunreinigen. Diese sei jedoch zuerst auf Facebook aufgetaucht, wie in einer Podcast-Folge von Investigativ-Journalistin Anna Foley erklärt wird.

In internen E-Mails der Consulting-Firma, die die Washington Post einsehen konnte, wird offenbart, welche Ziele mit der Kampagne verfolgt werden:

[…] get the message out that while Meta is the current punching bag, TikTok is the real threat especially as a foreign owned app that is #1 in sharing data that young teens are using,

schrieb ein Director des Unternehmens im Februar 2022. Besonders gut sei es laut dieser Mails auch, wenn man nicht nur TikTok in schlechtem Licht dastehen lassen, sondern auch die Probleme, die Meta hat, aus der Öffentlichkeit fernhalten könne. Der Bericht der Washington Post erklärt auch, dass Targeted Victory versucht habe, lokale Reporter:innen zu gewinnen, um negative Stories über TikTok einer breiten Öffentlichkeit auszuspielen. Ein Team-Mitglied der Consulting-Firma schrieb in einer Mail beispielsweise:

Any local examples of bad TikTok trends/stories in your markets? Dream would be to get stories with headlines like ‘From dances to danger: how TikTok has become the most harmful social media space for kids,’ 

Meta selbst bestreitet die Kooperation mit Targeted Victory nicht und erklärt per Statement:

We believe all platforms, including TikTok, should face a level of scrutiny consistent with their growing success.

Bedrohung durch TikToks Wachstum?

Seit Jahren ist die TikTok eine der populärsten Apps überhaupt. Schon 2022 könnte sie, nachdem im vergangenen Jahr die Marke von einer Milliarde Usern geknackt wurde, 1,5 Milliarden User zählen. Zwar bleibt Meta mit Facebook und Instagram in Sachen User-Zahl weiterhin das Maß aller Dinge im Social-Bereich. Doch Anfang des Jahres gab es erstmals einen Rückgang bei den monatlich aktiven Usern auf Facebook. Das trug zu einem enormen Börsensturz des Konzerns bei, der rund 200 Milliarden US-Dollar Wertverlust bedeutete.

Zudem steht Meta seit Jahren wegen verschiedenster Probleme stark in der Kritik. 2018 sorgte der Fall Cambridge Analytica weltweit für Aufsehen und Unklarheit bezüglich der Sicherheit von User-Daten auf Facebook. Weitere Vorwürfe gegen Meta beziehen sich auf die Rolle, die Facebook und Instagram bei der Verfolgung der Rohingya in Myanmar oder bei der US-Wahl 2016 spielten, aber auch auf das Zulassen von Gewaltaufrufen gegen das russische Militär in der Ukraine im Zuge der Invasion Russlands.

Ein besonders großes Problem stellen für Meta jedoch die sogenannten Facebook Files dar. Die Ex-Mitarbeiterin und Whistleblowerin Frances Haugen hat dem Wall Street Journal diverse Interna mitgeteilt und beispielsweise erklärt, dass Meta den Profit vor das Wohl der User stelle. Des Weiteren hatte Meta eine Studie, die belegt, dass Instagram auf Teenager eine toxische Wirkung hat, bewusst unveröffentlicht gelassen. Infolge des Bekanntwerdens dieser Problematik hatte die Öffentlichkeit Meta zu mehr Transparenz gedrängt; das Unternehmen hatte außerdem die Entwicklung von Instagram for Kids eingestellt.

Vor dem Hintergrund dieser Image-Probleme – die bereits einige Aussagen von hohen Meta-Verantwortlichen vor dem Kongress nach sich gezogen haben – und der teils stagnierenden User-Zahlen möchte Meta die wohl größte Konkurrenz auf dem Markt schwächen. Und ist dafür bereit, auf unmoralische Mittel zurückzugreifen. So wird TikTok unter anderem auch als Gefahr dargestellt, weil die App sehr viele Daten sammle und das Mutterunternehmen aus China stammt. Und mit China befinde sich die USA schließlich in einem technologischen Wettstreit, so das Narrativ von Targeted Victory.

Meta zahlt Milliarden für Lobbyarbeit

Um das eigene Unternehmen möglichst positiv, andere möglichst negativ dastehen zu lassen, zahlt Meta jährlich riesige Summen für Lobbyarbeit. Einer Untersuchung von OpenSecrets zufolge waren es im Jahr 2021 in den USA über 20 Milliarden US-Dollar. Das ist mehr, als Lockheed, Boeing, Comcast und Amazon für Lobbyarbeit im gleichen Zeitraum zahlten.

Das Ansehen Metas leidet trotz dieser Zahlungen weiterhin. Allerdings hat der Konzern trotz dessen eine Vormachtstellung im Social-Media-Bereich; nicht zuletzt, weil rivalisierende und populäre Dienste wie Instagram und WhatsApp vor Jahren zu vergleichsweise geringen Preisen aufgekauft wurden. Oder weil Angeboten wie Vine durch Entzug des Zugriffs auf die Friends API von Facebook Steine in den Weg gelegt wurden. Durch sehr unikale Nutzungs- und Entertainment-Optionen heben sich insbesondere Twitter, Snapchat, YouTube und TikTok von Metas Diensten ab und stellen die stärkste Social-Konkurrenz für den Konzern dar. Obwohl all diese Dienste ihre eigenen Probleme haben – sei es bezüglich des Datenschutzes oder gesellschaftlichen Gefahrenpotentials –, legitimieren diese grundsätzlich keine Schmutzkampagne eines marktführenden Konzerns. Kontrollen und Überprüfungen der großen Tech-Konzerne sind notwendig; und die EU möchte mit dem Digital Markets Act gegen Monopolstellungen vorgehen. Bewusste Image-Schädigungen der Konkurrenz, basierend auf zum Teil fehlerhaften oder dekontextualisierten Angaben, zeugen hingegen keineswegs von Unternehmens- und Entwickler:innengeist.

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