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Unternehmensrichtlinien
Nach Eklat um Twitter Files: Der Kurznachrichtendienst lockert das Werbeverbot für politische Inhalte

Nach Eklat um Twitter Files: Der Kurznachrichtendienst lockert das Werbeverbot für politische Inhalte

Larissa Ceccio | 04.01.23

Twitter hat kürzlich die Richtlinien für politische Werbung gelockert und möchte so vermutlich neue Werbekund:innen gewinnen. Die Twitter Files zeigen zudem, dass Twitter, trotz einiger Dementi, Shadow Banning im Kontext von politischen Meinungen betrieben haben soll.

Seitdem viele Advertiser Twitter den Rücken kehren, fehlt es dem Social-Unternehmen an Geld. Um neue Werbepartner:innen zu gewinnen, änderte der Kurznachrichtendienst kürzlich die seit 2019 geltenden Richtlinien für politische Werbung. Die geleakten Twitter Files verweisen außerdem darauf, dass Twitter in der Vergangenheit politisch unliebsame Meinungen eingeschränkt haben soll.

Durch die Unruhen, die bei Twitter nach Musks Übernahme entstanden sind – ausgelöst durch MassenentlassungenUnklarheit bezüglich der Verifizierung, der Preiserhöhung für Twitter Blue und das Hin und Her hinsichtlich der Pläne für Twitter 2.0 –, haben viele Advertiser bereits frühzeitig Abstand von der Plattform als Werbeumfeld genommen. Musks Amnestie für zuvor gesperrte Twitter Accounts führte dazu, dass noch mehr Werbetreibende ihre Kampagnen pausierten oder cancelten. Ende November waren die Werbeeinnahmen von Twitter in Europa, dem Nahen Osten und Afrika (EMEA) im Jahresvergleich um 15 Prozent und die wöchentlichen Buchungen um 49 Prozent zurückgegangen. 

Statt jedoch den ehemaligen Werbekund:innen hinterherzulaufen, entschied sich Twitter für einen anderen Weg: Kürzlich verkündete die Social-Plattform von Neueigentümer Elon Musk, die Richtlinien für politische Werbung zu lockern. Der neue Schritt wird von einigen Expert:innen als Versuch gewertet, die Werbeeinnahmen zu erhöhen.

Der Kurznachrichtendienst hatte 2019 politische Werbung verboten

Der Kurznachrichtendienst möchte die Regeln für „Werbung zu sozialen Belangen“ in den USA überarbeiten und „an die des Fernsehens und anderer Medien angleichen“, teilte das Unternehmen mit. Twitter erklärte zudem, dass das Unternehmen die Richtlinien für anlassbezogene Werbung in den USA anpassen werde. Dabei handelt es sich um Werbung, die das Bewusstsein für Kategorien wie bürgerschaftliches Engagement, wirtschaftliches Wachstum, Umweltschutz oder soziale Gerechtigkeit bei den Menschen schärfen soll.

Twitter sowie weitere Social-Unternehmen wie Facebook standen in der Kritik, nicht umfassend gegen Wahlfehlinformationen vorzugehen. Das Unternehmen schränkte daraufhin auch Anzeigen ein, die sich auf soziale Anliegen bezogen. Geleakte interne Dokumente verweisen jedoch darauf, dass Twitter vor der Übernahme durch Elon Musk Inhalte auf der Social-Media-Plattform gezielt unterdrückt hatte.

Twitter Files: Twitter schränkte die Reichweite bestimmter Inhalte vor Elon Musk gezielt ein

Twitter soll laut internen Dokumenten die Reichweite von Usern mit politisch unliebsamen Meinungen eingeschränkt haben. Das Unternehmen hat vor der Übernahme durch Elon Musk Zensurvorwürfe bestritten und sogenanntes Shadow Banning geleugnet. Doch die US-amerikanischen Journalist:innen Matt Taibbi und Bari Weiss haben Auszüge aus internen Unternehmensdokumenten veröffentlicht und werfen Twitter vor, Inhalte auf der Plattform ohne Kenntnis der Öffentlichkeit und der User zensiert zu haben. Die Vorgänge seien politisch motiviert gewesen, so der Vorwurf. Die sogenannten Twitter Files beweisen Taibbi und Weiss zufolge, dass sowohl Demokrat:innen als auch die Republikaner:innen im ständigen, persönlichen Kontakt mit Teams von Twitter gestanden und unliebsame Tweets zur Überprüfung an sie weitergeleitet hätten.

Taibbi verweist beispielsweise darauf, dass einige der früheren Entscheidungen ohne die Kenntnis des damaligen Twitter CEOs Jack Dorsey getroffen wurden, und beruft sich auf die Geschichte um den Laptop von Hunter Biden, dem Sohn des jetzigen US-amerikanischen Präsidenten. Angeblich sollten die Informationen auf diesem Laptop Korruptionsvorwürfe gegen die Biden-Familie belegen, doch der Artikel der New York Post, der kurz vor den US-Präsidentschaftswahlen im Jahr 2020 von Twitter als Falschinformation eingestuft wurde, durfte nach der Veröffentlichung und wenige Tage vor den Wahlen nicht mehr geteilt werden. Als Kaleigh McEnany, ehemalige Sprecherin des Weißen Hauses für den Ex-US-Präsidenten Donald Trump, einen Link zur Geschichte auf Twitter teilte, wurde ihr Konto gesperrt.

Der zweite Teil der Twitter Files, veröffentlicht von der Journalistin Bari Weiss, zeigt interne Kategorisierungen für prominente User, die überwiegend nicht aus dem Spektrum der demokratischen Partei stammen. Einige Kategorisierungen lauten – ins Deutsche übersetzt, „Trends-Schwarze-Liste“ oder einfach nur „nicht verstärken“.

Twitter bestritt vehement Shadow Banning zu betreiben

In der Vergangenheit hat Twitter oft dementiert, die Inhalte bestimmter User gezielt zu unterdrücken. Das Unternehmen betreibe kein Shadow Banning ohne deren Wissen. Sogar der Twitter-Gründer und ehemalige Twitter-Chef Jack Dorsey hatte das vor dem US-Kongress ausgesagt. Auch die nach der Übernahme von Elon Musk gekündigte Chefin der Rechtsabteilung, Vijay Gadde, hatte 2018 Shadow Banning aufgrund von politischen Meinungen geleugnet. Laut der internen Dokumente zeigt sich jedoch, dass Twitter-Mitarbeiter:innen intern die Einschränkung von Reichweite als „Visibility Filtering“ bezeichnet haben.

In einem seiner Kapitel der Twitter Files widmet sich der US-Journalist David Zweig dem Umgang mit kritischen Inhalten zu Covid-19. In seinem Artikel „How Twitter rigged the Covid Debate“ wirft er dem Kurznachrichtendienst vor, die Debatte um Corona gezielt manipuliert zu haben: Twitter habe ihm zufolge „Informationen zensiert, die wahr, aber für die Politik [der US-Regierung] unbequem waren, indem Ärzt:innen und andere Expert:innen diskreditiert wurden, die anderer Meinung waren“.

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