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Twitters Kollaps: Alleinherrscher Musk spricht von Bankrott

Twitters Kollaps: Alleinherrscher Musk spricht von Bankrott

Niklas Lewanczik | 11.11.22

Zentrale Führungskräfte verlassen Twitter und Elon Musk, der eine Pleite des Unternehmens nicht ausschließt. Mitarbeiter:innen vergleichen das Chaos mit der Amtszeit Donald Trumps im Weißen Haus, während wichtige Teams komplett wegbrechen: Twitter hat derzeit kein Communications Department mehr.

Der erste Tweet im Jahr 2006, der Beginn des Siegeszugs der Hashtags im Jahr 2007, Content am Puls der Zeit und eine Jahre andauernde Debatte über den Edit Button: All das ist Twitter, doch Twitter könnte bald Geschichte sein. Seit der Übernahme des Social-Media-Unternehmens durch Elon Musk ist der Kurznachrichtendienst im Chaos versunken. Auf die Preiserhöhung für Twitter Blue folgten Massenentlassungen per Mail, gegen die das gechasste Personal bereits in einer Sammelklage vorgeht. Zahlreiche Führungskräfte wurden gefeuert oder verlassen das Unternehmen und lassen zentrale Departments – wie Compliance, Privacy, Communications- verwaist zurück. Auch Creator und User wenden sich zu Hunderttausenden, vielleicht gar Millionen, von Twitter ab.

Während zudem wichtige Werbekund:innen ihre Ads auf der Plattform pausieren, erscheinen Musks Pläne für Twitter als „respektierteste Advertising-Plattform der Welt“ und wichtige Säule für die Zukunft der Zivilisation bereits wie eine ferne Erinnerung. Die Monetarisierungs- und Sanierungspläne wirken unausgereift, dem Unternehmen drohen Milliardenverluste – und sogar der Bankrott, wie Musk dem verbleibenden Team erklärte. Einige Teams glauben, dass schon jetzt der Anfang von Twitters Ende da ist.

Elon Musk stellt Twitters Pleite in den Raum – trotz Paywall-Plänen

Noch gibt es ein Team, dem Elon Musk die aktuellen Entwicklungen Twitters präsentieren kann. Kürzlich hat der neue CEO erstmals direkt mit allen Mitarbeiter:innen in einem Q&A interagiert. Der Tech Publisher The Verge konnte eine Aufnahme der Session erhalten und hat ein Transkript veröffentlicht. Musk erklärt im Gespräch mit den Teams unter anderem, dass ein Bankrott nicht ausgeschlossen werden kann, wenn nicht schleunigst neue Einnahmequellen gesichert werden können:

We just definitely need to bring in more cash than we spend. If we don’t do that and there’s a massive negative cash flow, then bankruptcy is not out of the question. That is a priority. We can’t scale to 1 billion users and take massive losses along the way. That’s not feasible. I don’t think we will.

Wenn das Unternehmen einen negativen Cash-Flow in Milliardenhöhe habe, könne die Zahlungsfähigkeit schon 2023 auf dem Prüfstand stehen. Pläne für eine optimierte Monetarisierung von Twitter gibt es indes einige. Zunächst soll mehr Geld über das Bezahlmodell Twitter Blue eingenommen werden. Dieses kostet jetzt 7,99 US-Dollar pro Monat und beinhaltet exklusive Features sowie den blauen Haken (dieser ist allerdings nicht mehr gleichbedeutend mit einer offiziellen Verifizierung, diese macht Twitter mit einem neuen grauen Haken deutlich). Allerdings ist Twitter Blue, das erst 2,99 und dann 4,99 US-Dollar monatlich kostete, noch immer nicht in mehr als vier Märkten ausgerollt worden. Eine weitere Überlegung von Elon Musk ist es, Twitter komplett hinter eine Paywall zu ziehen.

Dann würde die Plattform als einzige unter den ganz großen Social Media grundsätzlich zahlungspflichtig sein. Ein konkreter Plan steht laut Tech-Experte Casey Newton und Platformer jedoch noch nicht bereit. Auch hat Twitter sich nicht offiziell zu dieser Entwicklung geäußert. Noch kurz nach seiner Übernahme von Twitter hatte Elon Musk erklärt, er habe das Unternehmen nicht übernommen, um damit mehr Geld zu verdienen.

I didn’t do it to make more money. I did it to try to help humanity, whom I love. And I do so with humility, recognizing that failure in pursuing this goal, despite our best efforts, is a very real possibility.

Keine Struktur für die Werbung auf Twitter

Problematisch hinsichtlich der Umsatzsteigerung ist – und das mutet beinahe ironisch an – auch das neue Twitter Blue-Modell. Denn mit diesem verspricht Musk zahlenden Usern, dass sie nur noch halb so viele Ads sehen wie bisher. Berechnungen von Finanzexpert:innen zufolge könnte das aber einen Verlust von knapp sechs Milliarden US-Dollar an Werbeeinnahmen mit sich bringen. Da überrascht es wenig, dass viele Twitter User (die noch nicht bei Twitter Blue sind) derzeit melden, deutlich mehr Ads in ihrer Timeline angezeigt zu bekommen.

Dabei sollten die Werbeeinnahmen den Kern von Twitters finanzieller Genesung darstellen. Elon Musk hatte nach seinem Antritt als Twitter CEO eigens einen offenen Brief an die Advertiser auf der Plattform geteilt. Doch angesichts des Chaos auf der Plattform, die wegen der vorgesehenen Erweichung der Richtlinien zu Hate Speech und Fake News zusätzlich in der Kritik steht, haben viele große Marken ihre Werbung auf Twitter ausgesetzt. Der Neukund:innengewinnung dürfte darüber hinaus kaum mit Optimismus begegnet werden. Denn jetzt brechen Twitter auch intern zentrale Anlaufstellen weg.

„That means it’s over … Trust is gone.“

Schon zu Beginn seiner noch jungen Zeit als Twitter-Chef schwang sich Musk quasi zum Alleinherrscher auf. Er feuerte den CEO Parag Agrawal und übernahm die Rolle selbst. Dann entließ er den gesamten Verwaltungsrat und machte sich zum alleinigen Direktor. Inzwischen wird sein Führungsstil sogar mit Donald Trumps verglichen, er gebe Regeln per „Tweet edict“ vor, wie NBC News-Reporter Ben Collins berichtet.

Tatsächlich ist Musk in der Führungsriege Twitters inzwischen von immer weniger Fachkräften umgeben. Denn kürzlich haben auch Robin Wheeler, Twitters VP of Client Solutions in den USA, und Yoel Roth, Twitters Senior Director of Trust and Safety, das Unternehmen verlassen. Kurz zuvor hatten sie noch einen Twitter Space über die Zukunft der Werbeplattform Twitter mit Elon Musk und namhaften Marken moderiert. Axios-Reporterin Sara Fisher verweist auf Aussagen des verbliebenen Personals, nach denen diese schon an das Ende von Twitter glauben.

Twitter is on life support,

schreibt Fisher. Währenddessen erklärt Alex Heath bei The Verge, dass sich das Medium für Statements direkt an Elon Musk gewendet hat. Denn Twitter habe kein Communications Department mehr. Darüber hinaus teilt der The Verge-Chefredakteur Nilay Patel via Twitter die Nachricht, dass das Unternehmen aktuell auch auf den Chief Privacy Officer, den Chief Compliance Officer und Chief Information Security Officer verzichten muss. Auch sie sind gegangen. Verstößt Twitter gegen das FTC Privacy Settlement, könnte das das Unternehmen ebenso vor das Aus stellen wie die finanzielle Schieflage.

Derzeit sieht es also düster aus für Twitter und eine Kehrtwende ist nicht in Sicht. Vielleicht geht die Ära eines der größten und populärsten sozialen Medien schneller zu Ende, als viele auch nach der Übernahme durch Elon Musk erwartet haben. Denn die Tech-Branche steht indes auch aufgrund der Inflation und wirtschaftlichen Instabilität ohnehin vor enormen Herausforderungen; und Twitter steht in dieser Branche momentan an vorderster Front – aus den falschen Gründen.

Mehr über das Chaos bei Twitter kannst du in unserem ausführlichen Artikel zum Thema nachlesen.

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