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Digitalpolitik
Bahnbrechendes Gesetz: Influencer in Norwegen müssen retuschierte Fotos kennzeichnen

Bahnbrechendes Gesetz: Influencer in Norwegen müssen retuschierte Fotos kennzeichnen

Caroline Immer | 06.07.21

Norwegen geht einen möglicherweise wegweisenden Schritt: Ein neues Gesetz sieht vor, dass Advertiser und Influencer retuschierte Bilder nun kennzeichnen müssen. Wer sich nicht daran hält, muss mit harten Konsequenzen rechnen.

Die Verwendung von Bildbearbeitungsprogrammen und Filtern ist bei Ads und Influencer Posts schon längst zur Normalität geworden. Häufig können User jedoch nur schwer erkennen, ob ein Bild retuschiert wurde. Dies ist nicht nur aufgrund der oftmals falschen Werbeversprechen problematisch, sondern kann auch das Selbstbild der Nutzer:innen negativ beeinflussen. Um dem entgegenzuwirken, haben norwegische Gesetzgeber:innen nun beschlossen, Werbetreibende und Influencer dazu zu verpflichten, retuschierte Fotos mit einem standardisierten Label zu kennzeichnen, wie Vice berichtet.

Mit dem neuen Gesetz, welches als Änderung des norwegischen Marketing Acts umgesetzt wurde, soll unrealistischen Schönheitsidealen entgegengewirkt werden. Betroffen sind Advertiser ebenso wie Influencer, wenn diese für einen Social Media Post Geld oder andere Vorteile erhalten. Diese müssen die Bilder kennzeichnen, wenn Teile des Körpers – wie etwa Taille, Lippen oder Muskeln – in ihrem Aussehen verändert wurden. Unklar ist, ob das Gesetz auch bei Änderungen der Lichtverhältnisse oder Sättigung des Fotos greift.

Zum Schutz von jungen Menschen

Die scheinbare Perfektion auf Instagram und Co. kann sich negativ auf die psychische Gesundheit der User auswirken. Insbesondere Kinder und Jugendliche sind gefährdet, weshalb sich etwa Kinderschutzorganisationen dafür einsetzen, die Entwicklung einer Instagram App für Kinder zu stoppen. Und auch das Ministerium für Kinder und Familie in Norwegen hatte bei dem neuen Gesetz insbesondere den Schutz junger Menschen im Blick:

Body pressure is present in the workplace, in the public space, in the home, and in various media, etc. […] A requirement for retouched or otherwise manipulated advertising to be marked is one measure against body pressure. The measure will hopefully make a useful and significant contribution to curbing the negative impact that such advertising has, especially on children and young people.

Geld- oder Haftstrafe – doch die Umsetzung ist schwierig

Sollten sich Werbetreibende oder Influencer nicht an die neuen Regelungen halten, müssen sie mit schwerwiegenden Konsequenzen rechnen. Meistens wird sich die Nichtbeachtung des Gesetzes auf eine Geldstrafe belaufen. Doch in Extremfällen kommt auch eine Inhaftierung in Frage. Die Umsetzung dieser Maßnahmen könnte sich laut Ministerium jedoch schwierig gestalten, da im Nachhinein oft schwer einsehbar ist, ob ein Bild retuschiert wurde. Darüber hinaus könnte eine ungewollte Folge der Maßnahme sein, dass sich mehr Influencer Schönheitsoperationen unterziehen, um mit dem Schönheitsideal mithalten zu können.

Trotz allem geht Norwegen mit dem Gesetz einen wichtigen Schritt, welcher hoffentlich auch andere Länder dazu inspirieren wird, ihren Umgang mit retuschierten Bildern zu überdenken. Eine realistischere Darstellung von Körpern aller Größen und Formen ist auch aus Marketingperspektive sinnvoll. Denn mehrere Studien zeigen, dass Body-Positivity-Kampagnen bei den Usern deutlich besser ankommen als Werbung, die ein unrealistisches Schönheitsideal propagiert.

Kommentare aus der Community

Stefan W. am 07.07.2021 um 11:58 Uhr

Und der Zielgruppe auf Instagram, facebook & Co ist nicht klar, dass alles im Bereich Social Media ebenso inszeniert ist?
Glauben die auch, dass Pornos dokumentarisch sind?

Vielleicht sollte man mal in Elternhäusern und der Schule eine gewisse Medienkompetenz antrainieren. Und damit meine ich nicht die Kompetenz ein Smartphone einzuschalten und die eigenen Daten in Facebook, Google & Co. einzugeben…

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Steffen Buchert am 07.07.2021 um 10:10 Uhr

Als professioneller Fotograf und Bildbearbeiter sehe ich mindestens Komponenten in dieser Problematik:
1. Der legitime Umgang mit den modernen Möglichkeiten zur Kreation eines Bildes (dazu gehört MakeUp, gekonntes Posing und Auswahl der Location genau so wie Postproduction in Photoshop & Co.)
2. die Wahrnehmung des Bildes durch die Zielgruppe.

Leider sehe ich dass die kritische Wahrnehmung eines Bildes oft nicht funktioniert. Fotos von Menschen werden als „dokumentarisch“ wahrgenommen, obwohl klar sein dürfte, dass das heute nur noch gelegentlich der Fall ist. Fotos sind immer bearbeitet (alleine, um sie druckfähig zu machen), teilweise verändert, oft komplett „zusammengebastelt“.

Eine Markierung von Bilder die als „manipuliert“ zur Information der Betrachter ist in meinen Augen daher nicht so falsch. Man kann sogar darüber nachdenken, dies auch auf Bilder auszuweiten, die „Nachrichtencharakter“ haben.

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Christopher Hille am 07.07.2021 um 08:38 Uhr

Im Fernsehen hat das jahrelang keinen interessiert, tut es auch heute nicht. Es wird doch überall „geschummelt“. 3h geschminkt, die richtige Pose und ne gut gewählte Location, ist doch mindestens genau so manipulierend. Jeder will doch zeigen was er hat und tolles kann, die Schattenseiten ihres bedeutungsvollen Lebens beleuchten nur die wenigsten. Besser als Verbote und Strafen wäre doch Aufklärung. Man könnte doch den Kinder im Kunstunterricht zeigen wie leicht es ist eine tolles Foto zu inszenieren, statt Obst zu malen. Wenn man versteht was man sieht, verliert es schneller seinen Reiz. Naja „lösungsorientierte Lösungen“ darf man von Politikern und Politikerinnen wohl nicht erwarten.

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Nadine W. am 07.07.2021 um 09:42 Uhr

Sehe ich anders. Im Fernsehen ist klar, dass es eine Inszenierung ist, eine Show ist eine Show, da gehört das dazu.
Gerade im Social Media ist das eben oft nicht eindeutig: hier wird einem die Inszenierung als normal vorgegaukelt und das führt dann am Ende zu falschen Selbstbildern, einer verzerrten Wahrnehmung der Realität.

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