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Mehr krank als der Rest Europas? Was wirklich hinter Deutschlands Fehlzeiten steckt

Mehr krank als der Rest Europas? Was wirklich hinter Deutschlands Fehlzeiten steckt

Marié Detlefsen | 26.03.26

Deutschlands hohe Fehlzeiten sorgen regelmäßig für hitzige Debatten – doch wie häufig sind wir eigentlich krank und wo liegen wir im Vergleich? Warum Arbeitnehmer:innen hierzulande gar nicht so oft fehlen wie gedacht und welche Faktoren wirklich dahinterstecken, zeigt ein überraschender Blick auf Europa.

Deutschlands Arbeitnehmer:innen sind zu oft krank – zumindest, wenn man den Schlagzeilen der vergangenen Jahre glaubt. Von „Rekord-Fehlzeiten“ bis hin zur angeblichen „Krankheitskrise“ war die Rede. Doch wer tiefer in die Zahlen eintaucht, merkt schnell: Ganz so einfach ist die Lage nicht. Denn im europäischen Vergleich steht Deutschland längst nicht dort, wo viele es vermuten, und die Gründe für Fehlzeiten liegen nicht in Faulheit.

Deutschland im Europa-Vergleich: Mittelfeld statt Spitzenreiter:in

Auf den ersten Blick wirken 3,6 Wochen Krankheitsausfall pro Jahr viel. Doch im europäischen Kontext relativiert sich dieser Wert deutlich. Länder wie Norwegen kommen auf fast sechs Wochen, Finnland auf etwa fünf Wochen, das sind rund 39 Prozent mehr als in Deutschland. Damit landet Deutschland lediglich auf Platz sieben und gehört zum oberen Mittelfeld, nicht zur Spitze.

Deutschland landet beim Krankenstand auf Platz sieben im europäischen Vergleich (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb
Deutschland landet beim Krankenstand auf Platz sieben im europäischen Vergleich (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb

Der europäische Durchschnitt liegt bei etwa 2,6 Wochen pro Jahr. Gleichzeitig zeigen besonders niedrige Werte, etwa in Griechenland oder Rumänien, ein anderes Problem: Dort fehlen Beschäftigte oft nicht, weil sie es sich schlicht nicht leisten können, denn nicht in allen Ländern werden Krankheitstage bezahlt. Fehlzeiten sind also nicht nur eine Frage der Gesundheit, sondern auch von Arbeitskultur und sozialer Absicherung.

Wer zudem nur auf Krankheitstage schaut, übersieht einen wichtigen Teil des Gesamtbildes. Denn auch Urlaub, Elternzeit oder Feiertage beeinflussen die tatsächliche Anwesenheit. In Deutschland sind im Schnitt rund zwölf Prozent der Beschäftigten zu einem beliebigen Zeitpunkt nicht am Arbeitsplatz – ein Wert, der nur leicht über dem europäischen Durchschnitt liegt. Zum Vergleich: In Norwegen liegt dieser Anteil bei fast 19 Prozent, in Italien dagegen unter vier Prozent. Deutschland bewegt sich also auch hier im soliden Mittelfeld. Von einer flächendeckenden Abwesenheitskrise kann kaum die Rede sein.

In Deutschland sind 12,3 Prozent der Beschäftigten zu einem beliebigen Zeitpunkt nicht am Arbeitsplatz (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb
In Deutschland sind 12,3 Prozent der Beschäftigten zu einem beliebigen Zeitpunkt nicht am Arbeitsplatz (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb

Produktivität trotz Fehlzeiten

Ein häufiger Vorwurf lautet: Viele Krankheitstage schaden der Wirtschaft massiv. Tatsächlich schätzt die Studie den wirtschaftlichen Effekt auf etwa 0,5 Prozent weniger Wirtschaftsleistung und damit rund 26 Milliarden Euro. Doch die Gleichung „mehr Fehlzeiten = weniger Leistung“ greift zu kurz.

Ein Blick auf Europa zeigt: Länder mit hohen Fehlzeiten wie Norwegen oder Belgien gehören gleichzeitig zu den produktivsten Volkswirtschaften. So weist Norwegen vergleichsweise die zweithöchste Produktivitätsrate auf, obwohl die Beschäftigten die höchste Abwesenheit in Europa haben. Im Gegensatz dazu haben Länder wie Griechenland und Ungarn weniger als eine Woche Krankenzeit pro beschäftigter Person und gehören dennoch zu den Ländern mit den niedrigsten Produktivitätsraten. Deutschland belegt auch hier den siebten Platz und liegt auch hier leicht über dem Durchschnitt. Entscheidend ist also nicht nur, an wie vielen Tagen gearbeitet wird, sondern wie produktiv diese genutzt werden.

Länder mit hohen Fehlzeiten wie Norwegen oder Belgien gehören gleichzeitig zu den produktivsten Volkswirtschaften (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb
Länder mit hohen Fehlzeiten wie Norwegen oder Belgien gehören gleichzeitig zu den produktivsten Volkswirtschaften (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb

Wie entstehen die Fehlzeiten?

Die spannendste Frage ist nicht, wie oft Menschen krank sind, sondern warum. Und hier zeigt die Studie ein klares Bild: Klassische Erkrankungen wie Herz-Kreislauf-Probleme oder Verdauungsbeschwerden sind seit Jahren stabil. Stattdessen treiben andere Entwicklungen die Zahlen nach oben:

  • Neues Verhalten bei Erkältungen: Seit der Pandemie gehen viele bewusster mit Infekten um. Wer krank ist, bleibt zu Hause, statt sich ins Büro zu schleppen. Der Wert der Atemwegserkrankungen liegt seit 2021 auf einem dauerhaft höheren Niveau.
  • Psychische Gesundheit im Fokus: 12,5 Prozent aller Krankheitstage entfallen inzwischen auf psychische Erkrankungen. Seit 2014 ist ihre Bedeutung massiv gestiegen: plus 47 Prozent bei den Fehltagen und fast 30 Prozent mehr Fälle.
  • Langzeiterkrankungen als Schlüsselfaktor: Weniger als sechs Prozent der Beschäftigten fehlen länger als 29 Tage, verursachen aber mehr als die Hälfte aller Krankheitstage.

Ein genauer Blick auf die Dauer von Krankmeldungen zeigt zudem, dass die meisten Fehlzeiten deutlich kürzer sind, als oft angenommen wird. So dauern rund 40 Prozent aller Krankheitsfälle lediglich ein bis drei Tage, während etwa ein weiteres Drittel der Arbeitnehmer:innen nach vier bis sieben Tagen wieder arbeitsfähig ist. Längere Ausfälle ab acht Tagen machen zwar ebenfalls einen relevanten Anteil aus, doch das eigentliche Gewicht liegt woanders: Es sind vor allem die vergleichsweise wenigen Langzeiterkrankungen, die ins Gewicht fallen. Denn obwohl weniger als sechs Prozent der Beschäftigten länger als 29 Tage krankgeschrieben sind, verursachen sie mehr als die Hälfte aller Fehltage. Das zeigt deutlich, dass nicht die Vielzahl kurzer Krankmeldungen das System belastet, sondern vor allem die Dauer einzelner, schwerwiegender Erkrankungen.

Die Langzeit- und Kurzzeitkrankmeldungen in Deutschland (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb
Die Langzeit- und Kurzzeitkrankmeldungen in Deutschland (mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht), © ifb

Die viel diskutierte „Krankheitskrise“ in Deutschland entpuppt sich somit bei genauer Betrachtung als verzerrte Wahrnehmung. Weder im europäischen Vergleich noch bei der Arbeitsverfügbarkeit fällt Deutschland besonders negativ auf. Vielmehr zeigen die Daten ein differenziertes Bild: gesellschaftliche Veränderungen, ein bewussterer Umgang mit Gesundheit und vor allem der Anstieg psychischer Erkrankungen prägen die Entwicklung. Die eigentliche Herausforderung liegt also nicht darin, Fehlzeiten pauschal zu senken – sondern die Ursachen zu verstehen und nicht stattdessen auf Präsentismus zu setzen.


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© Karola G – Pexels

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