Human Resources
Probezeit als Bruchstelle: Weshalb fast jede:r Zweite den Job frühzeitig beendet

Probezeit als Bruchstelle: Weshalb fast jede:r Zweite den Job frühzeitig beendet

Marié Detlefsen | 21.01.26

Der neue Job beginnt mit großen Erwartungen, doch für viele Arbeitnehmer:innen endet er schneller als geplant. Eine aktuelle XING-Studie zeigt, warum fast jede:r Zweite bereits in der Probezeit kündigt und welche Gründe dahinterstecken.

Der Start in einen neuen Job ist oft von Euphorie geprägt. Neue Aufgaben, neue Kolleg:innen, neue Perspektiven. Doch für viele Beschäftigte in Deutschland schwindet dieser Optimismus schneller als erwartet. Noch bevor das erste Jahr im Unternehmen vorbei ist, ziehen zahlreiche Arbeitnehmer:innen die Reißleine – häufig sogar schon während der Probezeit. Eine aktuelle Studie von XING zeigt: Knapp jede:r zweite Beschäftigte hat bereits mindestens einmal innerhalb des ersten Jahres wieder gekündigt.

Die Probezeit als kritische Phase

Die ersten Monate im neuen Job gelten als Bewährungsprobe – für beide Seiten. Arbeitgeber:innen prüfen Leistung und Eignung, Arbeitnehmer:innen hinterfragen Erwartungen, Arbeitsbedingungen und Unternehmenskultur. Genau hier liegt der Knackpunkt, denn stimmen Realität und Versprechen nicht überein, ist die Kündigung oft nur eine Frage der Zeit. Laut der XING-Umfrage nennen Arbeitnehmer:innen besonders häufig folgende Kündigungsgründe im ersten Jahr:

  • Zu niedriges Gehalt: 43 Prozent
  • Unzureichende Führung: 43 Prozent
  • Problematische Team-Kultur: 34 Prozent
  • Hohe psychische Belastung und Stress: 33 Prozent

Die Zahlen zeigen, dass es längst nicht nur um harte Faktoren wie Bezahlung geht. Aspekte wie Führung, Wertschätzung und zwischenmenschliches Klima spielen eine ebenso große Rolle.

Häufigste Gründe für die Kündigung eines neuen Jobs innerhalb des ersten Jahres, © Statista 2026
Häufigste Gründe für die Kündigung eines neuen Jobs innerhalb des ersten Jahres, © Statista 2026

Kündigung in der Probezeit? Das sind die Gründe

1. Das geschönte Bild im Bewerbungsprozess

Bewerbungsgespräche sind selten neutral. Unternehmen präsentieren sich häufig von ihrer besten Seite, betonen flexible Arbeitsmodelle, flache Hierarchien oder ein „familiäres Miteinander“. Was dabei oft fehlt: ein ehrlicher Blick auf Herausforderungen, interne Konflikte oder hohe Arbeitsbelastung. Die Folge: Neue Mitarbeiter:innen starten mit falschen Vorstellungen und erleben im Arbeitsalltag eine ernüchternde Realität.

2. Führung als Kündigungsfaktor Nummer eins

Dass 43 Prozent der Kündigungen im ersten Jahr auf mangelhafte Führung zurückzuführen sind, ist ein deutliches Signal. Fehlende Rückmeldungen, kaum Orientierung, wenig Unterstützung oder ein autoritärer Stil führen schnell zu Frustration. Viele Arbeitnehmer:innen kündigen nicht ihren Job, sondern ihrer Führungskraft. Bleibt Wertschätzung aus oder sind Entwicklungsperspektiven unklar, sinkt die Bindung rapide.

3. Team-Kultur: Willkommen oder Außenseiter:in?

Ein funktionierendes Team läuft nicht von allein. Neue Kolleg:innen spüren sehr schnell, ob sie integriert werden oder lediglich „mitlaufen“. Laut Studie fühlt sich jede:r Dritte, der oder die früh kündigt, im Team nicht angekommen. Ungelöste Konflikte, informelle Machtstrukturen oder fehlende Offenheit können dazu führen, dass neue Mitarbeiter:innen sich isoliert fühlen und innerlich bereits auf dem Absprung sind.

4. Leistungsdruck von Anfang an

Die Probezeit wird von vielen als Hochleistungsphase erlebt. Der Wunsch, sich zu beweisen, trifft auf ambitionierte Zielvorgaben, Überstunden und fehlende Einarbeitung. 33 Prozent nennen zu hohen Stress als Kündigungsgrund. Ohne klare Prioritäten und realistische Erwartungen wird die Anfangszeit schnell zur Dauerbelastung mit entsprechenden Konsequenzen für Motivation und Gesundheit.


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© Hanna Pad – Pexels


Wie Unternehmen in der Probezeit unterstützen können

Frühe Kündigungen sind auch wirtschaftlich relevant. So schätzen Personalexpert:innen die durchschnittlichen Kosten einer Neubesetzung auf rund 43.000 Euro pro Mitarbeiter:in. Fluktuation in der Probezeit ist damit ein teurer Warnhinweis auf strukturelle Probleme. Um Kündigungen in der Probezeit vorzubeugen, sind Unternehmen daher gefordert, frühzeitig die richtigen Weichen zu stellen. Bereits im Bewerbungsprozess entscheidet sich, ob Erwartungen realistisch gesetzt werden oder ob spätere Enttäuschungen vorprogrammiert sind.

Wer offen über den tatsächlichen Arbeitsalltag spricht und nicht nur Vorteile, sondern auch Herausforderungen benennt, schafft Vertrauen und reduziert das Risiko eines schnellen Absprungs. Ebenso zentral ist ein durchdachter Einstieg in den neuen Job. Eine strukturierte Einarbeitung mit klaren Zuständigkeiten, realistischen Zielen und regelmäßigem Feedback gibt neuen Mitarbeiter:innen Orientierung und Sicherheit in einer ohnehin sensiblen Phase.

Darüber hinaus spielt der soziale Anschluss eine entscheidende Rolle. Team-Zusammenhalt entsteht nicht automatisch, sondern muss aktiv gefördert werden. Wenn neue Kolleg:innen feste Ansprechpersonen haben, in Entscheidungsprozesse einbezogen werden und Raum für Fragen sowie Unsicherheiten bekommen, fühlen sie sich schneller als Teil des Ganzen. Gerade in der Probezeit sollten Erwartungen klar priorisiert und Leistungsdruck bewusst begrenzt werden. Eine glaubwürdig gelebte Work-Life-Balance, die von Führungskräften vorgelebt wird, signalisiert Wertschätzung und beugt Überforderung vor.

Probezeit als beidseitiger Realitätscheck

Auch Arbeitnehmer:innen können frühzeitig gegensteuern, unter anderem durch gezielte Fragen im Bewerbungsgespräch:

  • Wie ist die Einarbeitung konkret organisiert?
  • Welche Herausforderungen erwarten mich in den ersten sechs Monaten?
  • Wie funktioniert die Zusammenarbeit im Team?

Wer genauer hinsieht und nachfragt, reduziert das Risiko böser Überraschungen. Die Probezeit ist für Arbeitnehmer:innen nicht nur eine Prüfung der eigenen Leistung, sondern auch eine Chance, das Unternehmen kritisch zu bewerten. Unternehmen können durch frühzeitige Kündigungen hingegen sehen, wo es strukturelle Schwächen gibt, denn wo Führung, Kommunikation und Kultur nicht stimmen, hilft auch der attraktivste Jobtitel wenig.


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