Human Resources
Mehr Zeit statt mehr Geld: Flexible Arbeitsmodelle als Billig-Benefit?

Mehr Zeit statt mehr Geld: Flexible Arbeitsmodelle als Billig-Benefit?

Marié Detlefsen | 21.03.25

Unternehmen stehen vor der Herausforderung, neue Fachkräfte zu gewinnen – und setzen dabei vor allem auf flexible Arbeitszeiten. Eine aktuelle Studie zeigt, dass dieses Modell am häufigsten als Anreiz für Bewerber:innen dargestellt wird und sogar Gehaltserhöhungen in den Schatten stellt. Für das Personal hat das Vor- und Nachteile.

In Zeiten des akuten Arbeits- und Fachkräftemangels müssen Unternehmen kreativ werden, um neue Talente für sich zu gewinnen. Eine aktuelle Erhebung des ifo Instituts in Zusammenarbeit mit Randstad zeigt: Flexible Arbeitszeiten sind das stärkste Argument, mit dem Firmen Bewerber:innen anlocken. Über drei Viertel der befragten Unternehmen setzen in Stellenausschreibungen auf dieses Anreizsystem. Damit liegt die Arbeitszeitgestaltung noch vor Weiterbildungsangeboten oder Zusatzleistungen wie einem Jobticket oder einer Betriebskantine.

Flexible Arbeitszeiten vor Gehaltserhöhungen

Die Ergebnisse der Studie verdeutlichen, dass Unternehmen vor allem mit Flexibilität punkten wollen. 76 Prozent der Betriebe setzen auf flexible Arbeitszeiten, während lediglich 32 Prozent mit einem überdurchschnittlichen Gehalt locken. Allerdings lassen sich flexible Arbeitszeiten in deutlich mehr Betrieben einfacher umsetzen und variabler gestalten als überdurchschnittliche Gehälter – gerade in Krisenzeiten. Insbesondere Dienstleistungsunternehmen nutzen dieses Instrument überdurchschnittlich oft: 78 Prozent der Betriebe in dieser Branche bieten es an. Auch Handelsunternehmen greifen mit 72 Prozent häufig auf diese Strategie zurück.

Diese Anreize nutzen Unternehmen, um Bewerber:innen zu locken.
Diese Anreize nutzen Unternehmen, um Bewerber:innen zu locken, © ifo Institut

Interessanterweise zeigen sich Unterschiede zwischen kleineren und größeren Unternehmen. Während 86 Prozent der Großunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden flexible Arbeitszeiten ermöglichen, sind es bei kleinen Betrieben mit bis zu 49 Beschäftigten etwas weniger. Dennoch bieten gerade kleinere Firmen häufiger eine Vier-Tage-Woche an (16 Prozent) – ein Modell, das in großen Unternehmen mit zehn Prozent weniger verbreitet ist als in kleinen Betrieben.

Dennoch ist es wichtig anzuführen, dass das Angebot von Flexibilität bei Arbeitsort und -zeit als Alternative zu einem vergleichsweise höheren Gehalt anderswo für viele Unternehmen eine langfristig günstigere Option im Recruiting ist, aber über etwaige Mängel oder zu geringe Gehälter für Bewerber:innen nicht hinwegtäuschen sollte. Denn am Ende gibt der Lohn vor allem bei neuen Jobs oft den Ausschlag.

Weiterbildung als weiterer entscheidender Faktor

Obwohl Zusatzleistungen wie Sportangebote oder ein Jobticket von 60 Prozent der Unternehmen als Anreiz genutzt werden, ist der Stellenwert eines flexiblen Arbeitsortes mit 34 Prozent vergleichsweise gering. Nur knapp ein Drittel der befragten Unternehmen bietet diese Möglichkeit an. Vor allem im Handel fällt die Quote mit 20 Prozent deutlich niedriger aus als in anderen Branchen. Auch moderne Konzepte wie Workations oder Sabbaticals spielen derzeit noch eine untergeordnete Rolle. Lediglich fünf Prozent der befragten Unternehmen ermöglichen eine Workation, und nur zwölf Prozent haben Sabbaticals im Angebot.

Insbesondere große Unternehmen fördern die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden.
Insbesondere große Unternehmen fördern die Weiterbildung ihrer Mitarbeitenden, © ifo Institut

Neben der Flexibilisierung der Arbeitszeiten setzen Unternehmen auch verstärkt auf Weiterbildung. 68 Prozent der befragten Firmen sehen darin eine wichtige Maßnahme zur Fachkräftegewinnung und -bindung. Insbesondere große Unternehmen fördern diesen Bereich, was sich in der Teilnehmer:innenquote widerspiegelt: Während in Dienstleistungsunternehmen 36 Prozent der Mitarbeitenden im Jahr 2024 eine Weiterbildung absolvierten, lag dieser Anteil im Handel bei 27 Prozent und in der Industrie bei 28 Prozent.

Balance zwischen Flexibilität und Unternehmensinteressen bleibt Herausforderung

Neben Arbeitszeitmodellen gibt es weitere Faktoren, die bei der Fachkräftegewinnung eine Rolle spielen. Abgesehen von Weiterbildungsmöglichkeiten zählen dazu insbesondere eine wertschätzende Unternehmenskultur, Karriereperspektiven sowie attraktive Zusatzleistungen. Unternehmen, die es schaffen, diese Aspekte in Einklang zu bringen, haben langfristig bessere Chancen, sich auf dem umkämpften Arbeitsmarkt zu behaupten.

So macht die Erhebung zwar deutlich, dass Unternehmen verstärkt auf flexible Arbeitszeiten setzen, um sich als attraktive Arbeitgeber:innen zu positionieren, dennoch zeigt sich, dass viele Betriebe noch mit der richtigen Balance hadern. Während Flexibilität als wichtiger Anreiz dient, fordern viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden zunehmend wieder ins Büro zurück. Dies zeigt, dass die Gestaltung moderner Arbeitsmodelle weiterhin ein Spannungsfeld zwischen Unternehmensinteressen und den Bedürfnissen der Mitarbeitenden bleibt. Denn obwohl Modelle wie Home Office oder Remote Work während der Coronapandemie für einen neuen Aufschwung in der Debatte um flexible Arbeitszeitgestaltung sorgten, geht auch die Breite an diesen Angeboten langsam wieder zurück.

Du möchtest mehr darüber erfahren, welche Work-Trends während der Pandemie entstanden und welche die Arbeitswelt noch immer beeinflussen? Dann schaue dir folgenden Artikel an:


5 Jahre nach Corona:

Was die Arbeitswelt nachhaltig verändert hat

5 Jahre nach Corona: Was die Arbeitswelt nachhaltig verändert hat.
© Ivan Samkov – Pexels

Kommentare aus der Community

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

*
*

Melde dich jetzt zu unserem HR-Update an und erhalte regelmäßig spannende Artikel, Interviews und Hintergrundberichte aus dem Bereich Human Resources.