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Wohlstand in Deutschland schon seit 2020 unter Druck – Mehrarbeit von vielen abgelehnt

Wohlstand in Deutschland schon seit 2020 unter Druck – Mehrarbeit von vielen abgelehnt

Selina Beck | 29.04.26

Bereits seit 2020 erfahren Wohlstandsindikatoren in Deutschland einen Rückgang. Eine aktuelle Studie zeigt aber auch, dass sich die Mehrheit der Menschen in Deutschland gegen Mehrarbeit ausspricht, um den Wohlstand zu sichern.

Der Wohlstand in Deutschland ist trotz eines hohen Niveaus in einer Negativentwicklung – und das schon seit sechs Jahren. Das zeigt die aktuelle ifo-Studie im Auftrag der Vereinigung der bayerischen Wirtschaft (vbw). ifo-Präsident Clemens Fuest kommentiert die Ergebnisse.

Unsere Analyse zeigt bei mehreren Wohlstandsindikatoren spätestens seit dem Jahr 2020 einen Rückgang oder zumindest eine Stagnation. Ohne tiefgreifende Reformen besteht die Gefahr, dass der Wohlstand in Deutschland verfällt oder die deutsche Bevölkerung von der weltweiten Wohlstandsentwicklung abgekoppelt wird.

Das hat auch die Diskussion um den 1.000-Euro-Krisenbonus gezeigt. Viele Arbeitnehmer:innen erhoffen sich finanzielle Unterstützung durch den Steuerbonus, aber befürchten, dass ihre Chef:innen die Zahlung nicht leisten können oder wollen. Die Empfehlung der Expert:innen des ifo lautet, dass Deutschland der Entwicklung des Wohlstands wieder mehr Aufmerksamkeit widmen soll. Dies sei auch eines der zentralen Ziele der sozialen Marktwirtschaft, die heute wichtiger denn je sei. Allerdings ist die von der Politik oft geforderte Mehrarbeit für viele Arbeitnehmer:innen nicht die Lösung; auch weil sie befürchten könnten, von den zusätzlichen Erträgen selbst nicht besonders zu profitieren.

Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung sinken seit sechs Jahren

Zwar hat Deutschland unter den G7-Staaten ein hohes Wohlstandsniveau erreicht, allerdings gibt es viele beunruhigende Tendenzen: So sinken die Lebenszufriedenheit und Lebenserwartung, das BIP pro Kopf und BIP-Wachstum seit sechs Jahren. Laut den Analyst:innen funktioniert der inländische Wettbewerb, jedoch würden sich negative Effekte globaler Marktkonzentration durch die Digitalisierung auch nach Deutschland verschieben. Hier verweisen die Autor:innen vor allem auf den Einfluss von US-Unternehmen.

Probleme bei der Bildung und im HR

Ein weiteres ernüchterndes Ergebnis der Expert:innen: Die soziale Mobilität in Deutschland sinkt weiterhin. Viele Analysen zeigen, dass der Bildungsabschluss der Kinder vom Elternhaus massiv geprägt wird. Dies zeigt erneut die vielen Defizite im Bildungswesen auf. Jedoch gibt Deutschland 3,1 Prozent des BIP für Forschung aus und liegt damit über dem G7-Durchschnitt. Bei digitalen Technologien gibt es jedoch einen großen Aufholbedarf.

Die Zukunftsfähigkeit der Wirtschaft leidet laut den Analyst:innen auch unter den geringen Investitionen in Humankapital. Das zeigt sich auch auf dem Arbeitsmarkt: Die Personalnachfrage und die Zahl der ausgeschriebenen Stellen sinken. Besonders betroffen waren im vergangenen Jahr technische Berufe.

Die Resilienz und Widerstandsfähigkeit der sozialen Marktwirtschaft stehen wegen geopolitischer Krisen auf dem Prüfstand, so die Expert:innen. Deutschland hat von allen G7-Staaten die höchste Handelsoffenheit, jedoch sei ein Drittel der Importe auf wenige Länder konzentriert, wodurch eine große Abhängigkeit entstehe. Hier hilft laut den Studienautor:innen eine stärkere Diversifizierung – besonders bei der Energieversorgung sei das nötig.

Fast alle Altersgruppen gegen Mehrarbeit

Während sich viele Politiker:innen – vor allem Bundeskanzler Friedrich Merz – für längere Arbeitszeiten zugunsten des Wohlstands aussprechen, lehnt eine Mehrheit der Bevölkerung diese ab. In einer repräsentativen Telefon- und Online-Befragung von infratest dimap im Auftrag des WDR für die ARD wurden mehr als 2.000 Personen ab 16 Jahren zu verschiedenen Themen befragt. 63 Prozent der Befragten lehnen dabei die Prämisse der Aussage „Wir müssen endlich wieder mehr arbeiten, um unseren Wohlstand in Deutschland zu sichern“ ab. Die Ablehnung sieht in jeder Altersklasse – außer bei den über 70-Jährigen – ähnlich aus. Der Prämisse stimmen 49 Prozent der über 70-Jährigen zu und in allen anderen Alterskategorien durchschnittlich 32 Prozent.


Weniger ist mehr

– Arbeitnehmer:innen wollen keine Mehrarbeit

Ein Mann schaut auf seine Armbanduhr.
© Brad Neathery – Unsplash


Fast die Hälfte der Überstunden unbezahlt

Ein weiteres Problem, das oft vergessen wird, wenn es um zusätzliche Arbeitszeit geht: unbezahlte Überstunden. Jede:r neunte Beschäftigte arbeitet in Deutschland mehr als zeitlich vereinbart – und das oft unbezahlt. Besonders betroffen sind dabei Beschäftigte in der Finanz- und Energiebranche.

Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes haben 2024 rund 4,4 Millionen Arbeitnehmer:innen regelmäßig Überstunden geleistet. Jedoch wurde bei der Diskussion um eine 42-Stunden-Woche vor vier Jahren deutlich, dass in Deutschland damals von 1,7 Milliarden Überstunden im Jahr fast die Hälfte unbezahlt geleistet wurde. Zudem wird die Care-Arbeit von Eltern und Pflegenden zeitlich nicht erfasst. Belegt ist jedoch das ehrenamtliche Engagement: 36,7 Prozent der Bürger:innen haben sich im Jahr 2024 ehrenamtlich engagiert.

Wohlstand ungleich verteilt

Die ARD-Umfrage zeigt außerdem, dass 81 Prozent der Befragten den Wohlstand in Deutschland als ungleich verteilt wahrnehmen. Nur 15 Prozent sehen die aktuelle Lage als gerecht an. Viele Umfrageteilnehmer:innen haben laut ARD auch die ungleiche Verteilung zwischen Ost und West angesprochen. Die Unterschiede auf dem Arbeitsmarkt sind bis heute spürbar. 64 Prozent sprechen sich für eine Vermögenssteuer aus, um für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Weitere 61 Prozent befürworten eine höhere Erbschaftssteuer.

Das bevorzugte Gerechtigkeitsprinzip in der Umfrage: Leistung soll besser belohnt werden, © ARD, Balkendiagramm mit Zahlen und Wörtern
Das bevorzugte Gerechtigkeitsprinzip in der Umfrage: Leistung soll besser belohnt werden, © infratest dimap, ARD

Während jede:r zweite Befragte persönliche Einschnitte für die Sicherung der Sozialsysteme in Zukunft nachvollziehen kann, sehen das genauso viele Teilnehmer:innen komplett anders.


Jede:r Neunte arbeitet mehr:

Wo Überstunden in Deutschland zum Alltag gehören

Ein Mann sitzt spät abends alleine am PC und arbeitet
© Tima Miroshnichenko – Pexels

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