SEO - Suchmaschinenoptimierung

Expertenartikel: Linkbuying 2012 – Werbung in der Linkwüste

SEO-Experte Philipp Klöckner kritisiert die aktuell weit verbreiteten Strategien zum Linkaufbau mit Expired Domains.

Die sprichwörtliche Linkwüste

Eingehende Links sind nach wie vor das wichtigste Ranking-Kriterium in umkämpften Bereichen der Google Suchergebnisseiten. Viele Webmaster und SEOs verwenden dementsprechend erhebliche Zeit und Mittel darauf, dieses Signal über künstlichen Linkaufbau positiv zu beeinflussen. Zahlreiche mehr oder weniger seriöse Dienstleister bieten auf diesem Gebiet echte Hilfe oder wenigstens Möglichkeiten sein Geld loszuwerden an. Doch die Kampagnen, mit denen dann in aller Regel sogenannter “professioneller Linkaufbau” betrieben wird, übertreffen das Niveau von Footerlink-Tausch in Puncto Natürlichkeit und Nachhaltigkeit nur knapp.

Allenfalls kann man der Linkbuilding-Industrie nun zugestehen, dass man verstanden hat, dass es wünschenswert ist, wenn Links aus thematisch benachbarten Seiten stammen und nicht ausschließlich als sitewide Linkliste in Footer oder Sidebar platziert werden. Zudem ist die Erkenntnis gereift, dass PageRank (PR) nicht mehr die einzige Bestimmungsgröße für den Wert eines Link darstellt, sondern es nun eher auf Class-C-IP-Pop ankommt. (Eine Metrik, die sich NOCH einfacher faken lässt als der PR)

Themenrelevante Contentlinks

The Weapon of Choice der professionellen Linkbuilder heißt daher: “Der themenrelevante Contentlink”. Diese Speerspitze der Linkfarm-Evolution kommt in der Regel von einer expired Domain, gestützt von einer Class-C-IP-Popularity von >100 und mindestens einem “Uni-Link” daher. Während die Class-C-Pop der unmissverständliche Beweis dafür ist, dass die empfehlende Seite selbst furchtbar beliebt, vernetzt und verlinkt ist, lässt der Uni-Link ganz klar auf den enormen “Trust” der Seite schließen. So ein themenrelevanter Content-Link kostet in der Regel so viel wie nen Lapdance plus Finger in’ Po (hilft aber weniger!). Solange man aber genügend davon kauft, ist der Erfolg quasi garantiert, möchten einem die Anbieter glauben machen. Zudem sind die Links natürlich durch Google undetektierbar, weil sie ja clever “in den Content der Seite integriert” sind und die Domain ja schon jahrelang den Trust von Google geniesst.

Jetzt aber mal Schluss mit lustig und zur Realität. Hier eine Übersetzung der Sales-Versprechen der Anbieter für Leute, die nicht im Thema stecken:

Neuer Artikel auf einem passenden Blog mit regelmäßiger Posting-Frequenz
Hoffnung: Google mag frische Inhalte und lebendige Domains
Ergebnis: Tatsächlich gibt es fast täglich neue Artikel auf dem thematisch passenden “Mode & Beauty”-Blog, der früher mal die Webvisitenkarte der Friseurinnung Bernkastel-Kues war. Die Anzahl der Postings korreliert dabei mit der Auftragslage der Linkbuildingagentur, die Qualität der Texte und Links mit dem Preis für den die Links angeboten werden.

Themenrelevanz
Hoffnung: Google erkennt das und findet es wichtig!
Ergebnis: “Themenrelevanz” wird in der Regel dadurch hergestellt, dass in liebevoller Handarbeit ein Artikel verfasst wird, der haargenau zum Thema des Kunden passt. Google wird also hoffentlich verstehen, dass die Werbefläche perfekt zum Thema des Kunden passt. (…und zu dem Hunderter anderer Kunden) Gestützt wird dieses Semantik-Cluster auch durch die Tatsache, dass in aller Regel schon bald auch mein Konkurrent die gleichen Links buchen kann und wird. Mein gekaufter Link wird früher oder später also echter “Hub-Link”. Spätestens jetzt kann auch Google nicht mehr die Augen vor der offensichlichen Themenrelevanz der Seite verschliessen.

Natürlichlichkeit 2.0
Hoffnung: Google kann nie und nimmer erkennen, dass die Links gekauft sind
Ergebnis: State-of-the-Art Linkbuilder setzen fast ausschliesslich auf den “Themenrelevanten Contentlink”. Dabei handelt es sich um den “Stealthbomber” unter den Linkaufbau-Waffen. Um nicht aufzufallen wird in jedem Artikel nur genau ein Link mitten aus dem Content verkauft. Verdächtige Artikel OHNE Links werden vermieden. Unnatürliche Links zu Offline-Unternehmen, oder Web-Dilettanten, die kein SEO betreiben gibt es ebenfalls nicht. Die Publikation MUSS auf Google also perfekt natürlich wirken. Schließlich schreiben hier Digital Natives, was sich auch in der geradezu streberhaften Verwendung korrekter Linktexte äußert. Die Auswahl der Linkziele und die Nutzung perfekter Keyword-Links unterstreichen die chirurgische Präzision und Professionalität der Anbieter.

IP-Pop >100 + Trusted-Links
Hoffnung: PageRank ist tot, Google schätzt vertrauenswürdige Inhalte und Empfehlungen in Form von Links
Ergebnis: Sämtliche SEO-Tools bestätigen den vermarkteten Domains eine IP-Popularität von über 100. Es befinden sich sogar .edu-Links im Backlink-Profil. Das heißt: Nachdem niemand von den professionellen Snappern die Expired Domain haben wollte, hat sich ein SEO gefunden, der die Domain mit 40 uralten Links rekonnektiert hat und nochmal richtig in neue Blogkommentare und Bookmarks “Social Links” investiert hat um die IP-Pop auf 100 und mehr zu prügeln. Von nun an sieht die Domain auch im Verkaufsprospekt der Agentur brauchbar aus. Weil der bekloppte Snapper in der Übersicht mal die Spalte “.edu-Links” generiert hat, wird jetzt auch immer eine Presell-Page auf ‘ner Uni-Seite gekauft. Das ist teuer, aber der aufgeklärte Kunde steht drauf!

Fassen wir also noch einmal zusammen: Links sind ein wesentlicher Bestandteil des Google-Algorithmus, weil die Gründer Larry Page und Sergej Brin es als erwiesen ansahen, dass man Links als eine Art “Empfehlung” oder “Referenz” einer Instanz betrachten kann, der eventuell mehr vertraut wird als einem selbst. Und je mehr Empfehlungen man auf sich vereinigen kann, desto mehr ist die eigene Empfehlung wert.

“Wir verkaufen Werbung auf einem Portal im nicht sichtbaren Bereich”*

Was die meisten SEOs aber heutzutage tun ist Folgendes: Sie nehmen sich ein altes Buch aus der Bibliothek, schreiben ein paar neue Kapitel mit Fußnoten hinein und hoffen, dass das Bibliothekar vorbeikommt und irrtümlich anerkennt, dass es sich dabei um die Zeilen des Verfassers handeln würde. In den meisten Fällen wird Google aber auch der Einzige sein, der diese Fußnoten findet. Wodurch ist ein Link validiert, der niemals geklickt wurde? Warum sollte Google einer Empfehlung folgen, die doch offenbar sowieso niemand liest?

Würde in der Offline-Wirtschaft irgendjemand eine Textanzeige im Fachmagazin der Magdeburger Webwirtschaft buchen nur weil es das schon ganz lange gibt? Oder ist eine redaktionelle Empfehlung in einer Tageszeitung mit Tausenden von Lesern nicht aussagekräftiger? Google kann die Relevanz einer Seiter anhand von Sichtkontakten schon sehr genau messen. Auch ob ein Link aktiv genutzt wird oder nicht sollte schon jetzt messbar sein. Und womit ließe sich einfacher ein legitimer Link mit Empfehlungscharakter von einer Fake-Referenz trennen lassen?

Gemessen am Gewicht in Relation zur Internetpopulation entsprach ein wertvoller Link früher der Referenz von mehreren 10.000 Menschen. Heute profiliert sich jeder Internetnutzer über die Traffic-Spuren, die er hinterlässt und seine Social Signals selbst und gibt permanent seine Stimme an Google ab. Und wenn jemand irgendwo im Web ein verfallenes Altersheim kauft und “Disco” ranschreibt weiß Google ganz genau ob da der Bär steppt oder längst die Lichter aus sind…

SEOs haben schon immer dazu geneigt, anstelle wirtschaftlich sinnvoller Größen wie Umsatz oder Gewinn, besser steuerbare Meta-KPIs wie PageRank, IP-Pop oder Sichtbarkeits-Indizes zu manipulieren um ihren Erfolg eindimensional messbar zu machen. Durch die schlechte Messbarkeit von SEO-Erfolgen entstehen daher immer wieder auch Steuerungsprobleme im Online-Marketing. Statt ein natürliches, mit menschliches Verhalten validierbares, Profil an Links zu schaffen werden auf dem einfachsten und billigsten Wege Pseudo-KPIs wie Domainpop oder die Anzahl der Keywords für die eine Seite rankt optimiert.

Um es klar zu sagen: Der größere Teil der Links von expired Domains wird bei entsprechender Masse und sonst vernünftigen Linkprofil (noch) einen durchaus positiven Einfluss auf das Ranking haben. Aber schon jetzt sind Links, die nicht auch von entsprechende Nutzergruppen getragen und validiert werden nur noch die Bauern auf dem Schachfeld der Suchmaschinenoptimierung.

* geflügeltes Wort; eigentlich aus dem Performance Marketing

Über Philipp Klöckner

pip.net

Philipp Klöckner war 5 Jahre lang Inhouse-SEO und Produktmanager bei Idealo.de. Dort hat er sich vor allem mit der OnPage Analyse und den Herausforderungen von Sites mit mit mehr als 1 Mio Pages befasst. Seit 2011 ist Philipp Klöckner als Search Consultant, Social Media Analyst, Domain Name Expert und Business Angel tätig.

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