Technologie
Hohe Umsätze, Milliardenverluste und KI-Risiken, die Aktionär:innen kennen sollten: Anthropics Mega-IPO offiziell

Hohe Umsätze, Milliardenverluste und KI-Risiken, die Aktionär:innen kennen sollten: Anthropics Mega-IPO offiziell

Larissa Ceccio | 27.10.26

Anthropic will an die Börse und warnt potenzielle Investor:innen zugleich vor den Gefahren der eigenen Technologie. Im offiziellen Börsenprospekt erklärt das Unternehmen, dass besonders leistungsfähige KI ohne ausreichende Schutzmaßnahmen katastrophale oder sogar existenzielle Risiken für die Menschheit mit sich bringen könnte.

Das Unternehmen hinter Claude hat jüngst ein S-1-Formular bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht und plant eine Notierung an der Nasdaq unter dem Kürzel ANT. Nach der vertraulichen Anmeldung im Juni legt Anthropic damit erstmals umfangreiche Finanzdaten für den geplanten IPO offen. Wann die Aktien gehandelt werden und zu welchem Preis sie angeboten werden sollen, hat Anthropic noch nicht bekannt gegeben.

Mega-IPO trotz Sicherheitsbedenken: Anthropic hält an Börsenplänen fest

Die Börsenpläne seitens Anthropics sowie auch OpenAIs werden allerdings von einer Debatte über die Risiken der KI-Entwicklung begleitet. Im September hatte Anthropic-Chef Dario Amodei eine Verlangsamung der KI-Entwicklung gefordert, um die möglichen Gefahren immer leistungsfähigerer Modelle besser kontrollieren zu können. OpenAI-Chef Sam Altman unterstützte den Vorstoß und stellte angesichts der Sicherheitsbedenken eine Verschiebung des geplanten Börsengangs auf 2027 in Aussicht.

Erste Maßnahmen hat Anthropic inzwischen umgesetzt: So wurde Claude Opus 5.5 vor dem Launch zusätzlich von unabhängigen Prüfstellen wie METR und Frontier Design untersucht. Die später veröffentlichten Modelle Sonnet 5.5 und Haiku 5.5 erhielten weitere Sicherheitsvorkehrungen. Die ebenfalls von Amodei und Altman geforderten international abgestimmten Sicherheitsstandards stehen hingegen weiterhin aus.

In den USA setzt Präsident Donald Trump stattdessen auf die Super Intelligence Force, die vor allem die technologische Führungsposition der USA sichern soll. Der bereits vereinbarte Accord on Super Intelligence sieht zwar unabhängige Sicherheitsprüfungen vor, überlässt die konkrete Umsetzung jedoch weitgehend den KI-Unternehmen. Verbindliche gesetzliche Vorgaben fehlen bislang.

Anthropic hält dennoch an den Börsenplänen fest. Der IPO könnte zusätzliches Kapital für den Ausbau der Rechenzentren und die Entwicklung neuer KI-Modelle erschließen. Die veröffentlichten Finanzdaten zeigen jedoch, dass das starke Umsatzwachstum mit hohen Infrastrukturkosten einhergeht. Für potenzielle Investor:innen wird deshalb entscheidend sein, ob Anthropic die Kosten langfristig decken und die technologischen sowie sicherheitsbezogenen Risiken beherrschen kann.



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Claude Sonnet 4.6-Illustration.
© Anthropic via Canva


Anthropic meldet fast 16,3 Milliarden US-Dollar Umsatz in 6 Monaten

Laut dem bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereichten Börsenprospekt erzielte Anthropic im ersten Halbjahr 2026 einen Umsatz von etwa 16,3 Milliarden US-Dollar, nach 1,2 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum. Damit haben sich die Einnahmen etwa vervierzehnfacht und den Gesamtumsatz von 2025 mit 4,6 Milliarden US-Dollar bereits übertroffen.

Das Wachstum wird vor allem vom Geschäft mit Unternehmen getragen. Ende September zählte Anthropic mehr als 11.900 Geschäftskund:innen, die innerhalb der vergangenen zwölf Monate jeweils mindestens 100.000 US-Dollar Umsatz generierten. Mehr als 1.900 Kund:innen erreichten die Millionengrenze, etwa 250 sogar zehn Millionen US-Dollar. Einnahmen erzielt Anthropic insbesondere über Unternehmensverträge, kostenpflichtige Abonnements und die API. Anwendungen wie Claude Code für die Software-Entwicklung und automatisierte Arbeitsabläufe sollen die Nutzung in Unternehmen weiter ausbauen.

Bei der Monetarisierung setzt Anthropic auf zahlende Kund:innen statt Werbung im Chatbot. Während OpenAI die ChatGPT Ads bereits auf 89 Märkte ausgeweitet hat, verzichtet Anthropic bewusst auf Anzeigen in Claude und bekräftigt diesen Kurs auch im Börsenprospekt.

Milliardenverluste trotz steigender Umsätze

Trotz des Umsatzwachstums schrieb Anthropic im ersten Halbjahr 2026 operativ rote Zahlen. Der Verlust sank allerdings von 2,1 Milliarden US-Dollar im Vorjahreszeitraum auf 693 Millionen US-Dollar. Im zweiten Quartal erzielte das Unternehmen bereits einen operativen Gewinn von 974 Millionen US-Dollar.

Der ausgewiesene Nettoverlust lag dagegen bei 80,7 Milliarden US-Dollar. Davon gingen 72,4 Milliarden US-Dollar auf überwiegend nicht zahlungswirksame Bewertungseffekte bei Finanzierungsinstrumenten zurück. Die Summe spiegelt damit nicht die tatsächlichen Mittelabflüsse des Unternehmens wider.

Hohe Kosten verursacht insbesondere die KI-Infrastruktur: Im ersten Halbjahr 2026 gab Anthropic dafür knapp neun Milliarden US-Dollar aus. Für das Training der KI-Modelle und den Betrieb von Claude nutzt das Unternehmen unter anderem Rechenzentren und Cloud-Dienste von Amazon und Google. Langfristige Verträge sichern zwar die benötigten Kapazitäten, verpflichten Anthropic jedoch auch zu weiteren hohen Ausgaben. Das Unternehmen muss daher trotz verbesserter operativer Ergebnisse erhebliche Investitionen finanzieren.

Anthropics Risikowarnungen: Was Investor:innen wissen sollten

Im Börsenprospekt legt Anthropic nicht nur die Geschäftszahlen offen, sondern benennt auch die möglichen Gefahren immer leistungsfähigerer KI. Dazu zählen Missbrauch, schwer kontrollierbares Modellverhalten und Schäden, die weit über finanzielle Verluste hinausgehen könnten. Anthropic verschob nach eigenen Angaben bereit den Trainingsbeginn eines neuen KI-Basismodells um mehr als einen Monat, um sensible Modelldaten besser vor Diebstahl zu schützen. Solche Verzögerungen können die Wettbewerbsfähigkeit beeinträchtigen und geplante Umsätze verschieben.

Eine vom Mark Institute auf Threads geteilte Grafik auf Threads zeigt, wie häufig bestimmte Risikobegriffe im Börsenprospekt vorkommen. Demnach erscheint „Cyberattack“ 13-mal, „Catastrophic“ zehnmal und „Existential risks“ dreimal. Auch Waffen und Krieg werden erwähnt.

Auf Threads ansehen

Die Offenlegung wesentlicher Geschäftsrisiken ist bei US-Börsengängen allerdings gesetzlich vorgeschrieben. Das Mark Institute sieht in den ausführlichen Warnungen dennoch einen möglichen Hinweis darauf, welche Erwartungen Anthropic bei künftigen Investor:innen wecken möchte. Neben hohen Wachstumschancen müssten sie auch Verzögerungen, Sicherheitsvorfälle und mögliche finanzielle Folgen einkalkulieren

Mega-IPO mit begrenztem Einfluss für Aktionär:innen

Neben den Geschäftszahlen und den Risikohinweisen liefert der Börsenprospekt Einblicke in die geplante Machtverteilung. Die sieben Gründungsmitglieder sollen nach dem IPO gemeinsam 50,1 Prozent der allgemeinen Stimmrechte behalten. Der Long-Term Benefit Trust erhält zudem das Recht, die Mehrheit des Verwaltungsrats zu bestimmen.

Damit will Anthropic verhindern, dass wirtschaftliche Interessen die langfristige Ausrichtung auf KI-Sicherheit und gesellschaftlichen Nutzen verdrängen. Für künftige Aktionär:innen bedeutet die Struktur allerdings, dass sie trotz ihrer Beteiligung nur begrenzten Einfluss auf wichtige Unternehmensentscheidungen haben werden.

Für den geplanten Börsengang sind weder die Zahl der angebotenen Aktien noch die Preisspanne bekannt. Die Bewertung muss sich damit erst noch am Kapitalmarkt bewähren. Entscheidend dürfte dabei sein, ob Anthropic das hohe Umsatzwachstum in langfristige Profitabilität umwandeln kann, ohne bei der KI-Sicherheit Abstriche zu machen.



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Anthropic-Logo auf orangefarbenem Hintergrund als Titelbild zum Urheber:innenrechtsvergleich um das KI-Unternehmen.
© Anthropic


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