Human Resources
Schein statt Sein im Job: Zwei Drittel täuschen Produktivität am Arbeitsplatz vor

Schein statt Sein im Job: Zwei Drittel täuschen Produktivität am Arbeitsplatz vor

Marié Detlefsen | 22.04.26

Abends schnell noch eine E-Mail schreiben oder kurz was aus dem Büro holen – viele Beschäftigte arbeiten nicht nur, sie inszenieren ihre Produktivität gezielt. Eine aktuelle Studie zeigt, warum Sichtbarkeit im Job oft wichtiger erscheint als echte Leistung und welche Folgen das für den Arbeitsalltag hat.

Es grenzt schon fast an ein leises Schauspiel, das sich täglich in Büros und Home Offices abspielt. Der Laptop ist aufgeklappt, der Status auf „aktiv“, vielleicht wird noch schnell eine E-Mail um 21:47 Uhr verschickt, nicht unbedingt, weil es nötig wäre, sondern weil es gesehen werden soll. Eine aktuelle Umfrage von Indeed unter 1.000 hybrid arbeitenden Büroangestellten in Deutschland zeigt: Für viele Arbeitnehmer:innen zählt nicht mehr nur, was sie leisten – sondern vor allem, dass ihre Leistung sichtbar wird.

Wenn Anwesenheit wichtiger wird als Ergebnisse und Produktivität

Nur rund 33,3 Prozent der Befragten verlassen sich darauf, dass ihre Arbeitsergebnisse für sich sprechen. Der Rest? Inszeniert zumindest gelegentlich Produktivität. Ganze zwei Drittel geben an, in den vergangenen zwölf Monaten bewusst Signale gesetzt zu haben, um engagierter oder fleißiger zu erscheinen, als sie es tatsächlich waren. Und dabei spielt es keine Rolle, ob digital oder physisch: Arbeitnehmer:innen greifen zu unterschiedlichen Mitteln, um Präsenz zu demonstrieren.

Am häufigsten wird der eigene Online-Status künstlich aktiv gehalten – 27,7 Prozent der Befragten greifen zu diesem Mittel. Dicht dahinter folgt das bewusste längere Verweilen im Büro, etwa weil die Führungskraft noch da ist (25,4 Prozent).

Auf diese Weise inszenieren Angestellte ihre Produktivität (die Grafik wurde anhand der Daten von Indeed mithilfe von ChatGPT erstellt; mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht)
Auf diese Weise inszenieren Angestellte ihre Produktivität (die Grafik wurde anhand der Daten von Indeed mithilfe von ChatGPT erstellt; mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht)

Weiter verschicken 23,2 Prozent E-Mails zu ungewöhnlichen Zeiten, um Engagement zu signalisieren, und 22,3 Prozent melden sich in Meetings zusätzlich zu Wort, nicht unbedingt, weil sie etwas beitragen möchten, sondern um sichtbar zu bleiben. Zudem lassen 17,3 Prozent ihre Jacke oder Tasche demonstrativ am Arbeitsplatz zurück, um Anwesenheit vorzutäuschen.

Gründe für die inszenierte Produktivität

Doch warum machen Arbeitnehmer:innen das überhaupt? An erster Stelle steht mit 32,5 Prozent eine Unternehmenskultur, in der Präsenz offenbar stärker zählt als tatsächliche Ergebnisse. Direkt dahinter folgt mit 31,6 Prozent die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz, was die aktuelle wirtschaftliche Unsicherheit wiederspiegelt.

Aus diesen Gründen täuschen Beschäftigte ihr Produktivität vor (die Grafik wurde anhand der Daten von Indeed mithilfe von ChatGPT erstellt; mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht)
Aus diesen Gründen täuschen Beschäftigte ihr Produktivität vor (die Grafik wurde anhand der Daten von Indeed mithilfe von ChatGPT erstellt; mit einem Klick aufs Bild gelangst du zur größeren Ansicht)

Auch Führung spielt eine Rolle. So nennen 24,4 Prozent Druck oder Mikro-Management durch Vorgesetzte als Auslöser:in für ihr Verhalten. Kurz gesagt: Wer das Gefühl hat, beobachtet zu werden, beginnt sich entsprechend zu verhalten.

Laut der Studie sind mehr als die Hälfte der Befragten (55,9 Prozent) davon überzeugt, dass ihre Arbeitgeber:innen Anwesenheit höher bewerten als messbare Leistung. Das sendet ein klares Signal und viele reagieren darauf, indem sie genau diese Anwesenheit „optimieren“.


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© Antoni Shkraba – Pexels


Gleichzeitig zeigt sich ein bemerkenswerter Widerspruch: 66,2 Prozent der Arbeitnehmer:innen wären bereit, auf mindestens fünf Prozent ihres Gehalts zu verzichten, wenn ihre Leistung ausschließlich an Ergebnissen gemessen würde. Noch deutlicher wird es beim Thema Home Office. So würden unter anderem 70 Prozent finanzielle Einbußen akzeptieren, um dauerhaft von zu Hause arbeiten zu können.

Büro ist keine Bühne – das wünschen sich die Beschäftigten

Auch der klassische Büroalltag wirkt in diesem Kontext etwas widersprüchlich. Laut der Analyse berichten 50,9 Prozent der Befragten, dass sie zwar ins Büro kommen, dort aber hauptsächlich in Videokonferenzen sitzen. Gleichzeitig fühlen sich 69 Prozent regelmäßig durch Lärm, Smalltalk oder spontane Unterbrechungen gestört. Und dann ist da noch diese ehrliche Zahl: 56,6 Prozent geben offen zu, primär ins Büro zu gehen, um „Gesicht zu zeigen“. Die Produktivität ist daher oft zweitrangig. Kein Wunder also, dass sich 48,8 Prozent nach einem Bürotag erschöpfter fühlen als nach einem Tag im Home Office.

Was können Führungskräfte dagegen unternehmen? Die Lösung liegt für viele Angestellte nicht im „Mehr vom Gleichen“. Stattdessen wünschen sich Beschäftigte konkrete Verbesserungen:

  • 47,3 Prozent wollen kürzere Pendelwege oder finanzielle Unterstützung dafür
  • 39,7 Prozent fordern mehr Rückzugsorte für konzentriertes Arbeiten
  • 29,6 Prozent wünschen sich bessere Verpflegung und Team-Angebote

Doch für 14,6 Prozent ist selbst das keine echte Alternative – sie sehen das Home Office grundsätzlich als die bessere Arbeitsumgebung. Frank Hensgens, Geschäftsführer von Indeed Deutschland, sagt über die inszenierte Produktivität:

Wenn Beschäftigte anfangen, ihre Anwesenheit zu inszenieren, statt sich auf Ergebnisse zu konzentrieren, ist das weder effizient für Unternehmen noch nachhaltig für die Beschäftigten. Wenn Arbeitgeber möchten, dass ihre Teams ins Büro kommen, muss das Büro ein Ort sein, an dem echte Zusammenarbeit entsteht und produktives Arbeiten möglich ist. Wer hingegen vor allem Anwesenheit einfordert, darf sich nicht wundern, wenn genau diese optimiert wird.

Was die Studie deutlich macht: Die Leistungsbereitschaft ist da. Aber sie wird in vielen Fällen in die falsche Richtung gelenkt. Wenn Arbeitnehmer:innen anfangen, ihre Produktivität zu inszenieren, statt sie zu entfalten, liegt das selten an fehlender Motivation. Vielmehr ist es ein Zeichen dafür, dass Systeme und Strukturen falsche Anreize setzen, und eventuell auch ein Zeichen, um diese Strukturen zu hinterfragen.


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