Unternehmensrichtlinien
Farce um Telegram-Bann von Apple: Do we care?

Farce um Telegram-Bann von Apple: Do we care?

Niklas Lewanczik | 04.08.26

Für ganz kurze Zeit verschwand Telegram aus Apples App Store, weil Inhalte mit Kindesmissbrauch in der App auftauchten, die gegen Apples Richtlinien verstoßen. Doch Telegram wurde nach einer Reaktion auf den einzelnen Fall schnell wieder integriert. Es bleibt die Frage: Geht Apple wirklich konsequent gegen Richtlinienverstöße vor und müssten dann nicht auch andere Plattformen im Fokus stehen?

Am großen Autor Mark Twain orientierte sich der offizielle Telegram Account auf X mit dem verzerrten Zitat:

reports of my demise are greatly exaggerated[.]

Twain hatte einst mit ähnlichen Worten auf eine nicht zutreffende Todesnachricht zu seiner Person reagiert. Telegram postete den Satz samt Apfel-Emoji, nachdem der populäre Dienst im App Store wieder integriert worden war. Zuvor hatte Apple Telegram für kurze Zeit gesperrt.

In der App mit über einer Milliarde Usern war Content aufgetaucht, der gegen Apples Richtlinien zum Thema Kindesmissbrauch verstößt. Allerdings kam der Content in diesem spezifischen Fall von einem einzelnen User. Sobald der Inhalt entfernt und der betreffende User gesperrt waren, ließ Apple Telegram im App Store noch am selben Tag wieder Einzug halten – während die App im Play Store von Google nach wie vor verfügbar ist. Die Messaging App selbst bemängelt derweil Apples Umgang mit dem Richtlinienverstoß und fragt sich, ob für alle Plattformen der gleiche Maßstab angesetzt wird. Nicht außer Acht zu lassen ist indes Telegrams viel kritisierter Umgang mit problematischen Inhalten.

Telegram verweist auf Content-Moderation und hofft auf Gleichbehandlung bei Apple

In verschiedenen Antworten auf der Plattform X hat der Telegram Account das Missfallen des Unternehmens in Bezug auf Apples temporären Bann zum Ausdruck gebracht. Als Antwort auf einen Post vom Publisher Bloomberg zum Bann wunderte sich Telegram darüber, dass Apple offenbar keine Recherche bezüglich der Telegram-Content-Moderation betrieben habe. Demnach verfolgt das Unternehmen eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Child Sexual Abuse Material. Im Jahr 2026 wurden bis zum 3. August bereits knapp 338.000 Gruppen und Channels entfernt, die mit entsprechenden verbotenen Inhalten in Verbindung standen.

Trotz der Richtlinien ist aber Content aus dieser Kategorie auf der Plattform aufgetaucht. Das ist bei einer Plattform dieser Größe nicht ungewöhnlich, trotz der Prüfmechanismen können kaum alle problematischen Fälle identifiziert werden. Auch deshalb dürfte Apple Telegram nach der prompten Sperrung des Users und des betroffenen Inhalts wieder zugelassen haben. Doch solche Einzelfälle von Content, die gegen eigene Plattformrichtlinien sowie Richtlinien in Apples App Store verstoßen, dürften auf großen Plattformen wie Facebook, Instagram, TikTok, YouTube, X und Co. ebenfalls vorkommen. Das ist in der Vergangenheit schon öfter passiert. Nun fragt sich aber Telegram, ob Apple TikTok, YouTube und Instagram ebenso rasch aus dem App Store entfernen würde wie die eigene App.

Damit spielt Telegram auf die große Macht an, die Apple mit dem eigenen App Store ebenso besitzt wie Google mit dem Play Store. Tim Sweeney, CEO und Gründer von Epic Games – das hinter Fortnite steht –, zeigt sich auf X von Apples Vorgehen ebenfalls unbeeindruckt. Apple habe nicht klar kommuniziert, wie unter solchen Voraussetzungen für einen Bann jegliche große Kommunikations-App im großen Stil operieren können, einschließlich iMessage. Denn zu einzelnen Verstößen gegen die Richtlinien wird es bei Plattformen mit hunderten Millionen oder gar Milliarden Nutzer:innen hin und wieder kommen.

Kritischer Blick auf Telegram und Sweeneys Aussage

Sweeneys Aussagen die Monopol-Gatekeeper-Stellung Apples mit dem App Store betreffen, der man zumindest das Duopol von Apple und Google entgegenhalten kann, müssen unterdessen in dem Kontext betrachtet werden, dass Epic Games und Apple jahrelang im Streit liegen. Das Kultspiel Fortnite verschwand wiederholt aus dem App Store, nachdem Epic Games Apple der juristische Streit bereits 2020 begonnen hatte. Das Gaming-Unternehmen umging Apples gängige 30-Prozent-Provision bei In-App-Käufen, woraufhin Fortnite erstmals verschwand. Dann klagte Epic Games – auch gegen Google –, um mehr Rechte bei In-App-Verkäufen zu erstreiten. Es gab Gegenklagen, die Auseinandersetzung hält noch an und sogar der US Supreme Court ist inzwischen involviert.

Telegrams Aussagen bezüglich des Banns der App müssen ebenfalls in den Kontext gestellt werden, welcher die Plattform als notorisch leichtfertig im Umgang mit problematischen Inhalten zeigt. Schon 2018 sperrte Apple sie kurzzeitig, weil Inhalte gegen die App Store-Richtlinien verstießen, die der Gründer Pawel Durow als „unangemessen“ bezeichnete. Durow, der kürzlich von Russland offiziell wegen des Verdachts auf Terrorunterstützung auf der Plattform zur Fahndung ausgeschrieben und schon 2024 in Frankreich wegen des Verdachts auf mangelnde Maßnahmen gegen Gewaltaufrufe auf Telegram festgenommen wurde, ist derzeit untergetaucht, postet aber regelmäßig.

Taskforce für Telegram in Deutschland

2022 führte das BKA in Deutschland sogar eine Taskforce für den Messenger ein.

Telegram entwickelt sich nach Einschätzung der deutschen Sicherheitsbehörden zunehmend zu einem Medium der Radikalisierung,

hieß es seinerzeit in der Meldung des BKA. Telegram gilt bei vielen nicht zuletzt aufgrund dieser Entwicklungen als brisante Plattform. Doch das mag ebenso für X, Instagram und Co. gelten, die in den vergangenen Jahren und Monaten ebenfalls mit unangemessenen Inhalten zu kämpfen hatten und diese etwa im Fall von X durch geringen Moderationsaufwand noch fördern. So bleibt bei Apples Bann von Telegram die Frage, ob ein vergleichbares Problem bei anderen Plattformen und Apps ähnliche Maßnahmen nach sich ziehen würde. Und ob sich Apple tatsächlich konsequent um die Einhaltung schert oder nur ein Zeichen setzen wollte, das genau das zumindest vermitteln soll.



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