Social Media Marketing

Snapchat denkt über bleibende Snaps nach

Die Snapchat App ist für Flüchtigkeit und Privatsphäre bekannt. Beides droht Snap Inc. teilweise aufzugeben, um die Monetarisierung zu stärken.

Snapchat könnte vor Veränderungen stehen, Screenshot YouTube, © Snapchat

Ist es ein Zeichen der Verzweiflung oder eine Anpassung an den Status quo vorherrschender Social Media? Snapchat erwägt öffentliche Posts für 90 Tage oder auch dauerhaft sichtbar zu machen; und mitunter sogar die User-Identitäten zu offenbaren. Das läuft dem Kern der App zuwider, würde diese für Publisher und Werbekunden aber attraktiver machen.

Snapchat muss sich starker Konkurrenz erwehren

Die einst gefeierte und innovative App Snapchat zählt gerade bei jungen Nutzern weiterhin zu den populärsten. Dennoch zeichnete sich Ende 2018 ein Nutzerschwund ab.

Infographic: Has Snapchat Peaked Too Early? | Statista © Statista

Die täglich aktiven Nutzer liegen mit knapp unter 190 Millionen weit hinter Instagram, das inzwischen 500 Millionen DAUs in den Stories vermeldet. Konkurrenz kommt außerdem in der Form von Video App TikTok. Diese hat nach Angaben eines chinesischen Publishers inzwischen 200 Millionen täglich aktive Nutzer (via Technode). Während TikTok nun Ads testet, sind Facebook, WhatsApp und Instagram sowie Twitter bei Werbekunden beliebt. Auch Publisher können bei ihren Artikeln oder Posts eher auf deren Inhalte zurückgreifen, weil sie nicht, wie bei Snapchat, zeitnah verschwinden.

Aus diesen Gründen überlegt Snap Inc. nach Informationen von Reuters, im Bereich „Unsere Story“ Posts langfristig sichtbar zu machen. Eine Person aus dem Umfeld des Unternehmens habe demnach angegeben, dass man diesen Stories durch ein verlängertes Dasein zu mehr Awareness verhelfen möchte. In der Sektion „Unsere Story“ haben Nutzer die Option Posts öffentlich zu machen – und diese könnten künftig 90 Tage verweilen oder sogar permanent sichtbar bleiben. Posts von Berühmtheiten würden unter Umständen gar dauerhaft angezeigt werden, heißt es. Darüber hinaus zieht man beim Unternehmen in Erwägung, auch die Urheber der Posts zu identifizieren. Bisher treten sie dort als anonyme User auf. Snapchat selbst kommentierte das nicht. Diese Bestrebungen könnten im Kontext der Initiative „Stories Eveywhere“ verortet werden, die Snaps zu mehr Wirkmacht außerhalb der App verhelfen sollen.

Länger sichtbare Inhalte würden Advertiser interessieren, aber was sagen die User?

Die Intention hinter den Überlegungen ist erkennbar. Einerseits soll Snapchat auch im alltäglichen digitalen Diskurs als relevante Plattform auftreten. Dazu gehört auch das Einbetten von Content aus der App – wie es mit Instagram Posts oder Tweets gang und gäbe ist. Das ist jedoch nur sinnvoll, wenn diese Inhalte langfristig öffentlich abzurufen sind. Genau dieser Aspekt dürfte für Werbetreibende ebenfalls von Belang sein. Debra Aho Williamson, Analystin von eMarketer, glaubt, dass länger sichtbare Inhalte durchaus mehr Relevanz für den Werbemarkt entwickeln dürften:

The advertising would be visible for longer, and I could see advertisers paying more for it.

Da Snapchat nicht nur eine differente Nutzerschaft aufweist, sondern auch meist einzigartigen Content bereithält, wäre eine Einbeziehung der App für mehr spezifische Marken durchaus lohnenswert; sofern die richtigen Voraussetzungen geschaffen werden. „Unsere Story“ liefert durch eine Themeneingrenzung auf ein Gebiet, ein Event oder ein Thema beste Möglichkeiten für Targeting beim Advertising.

Doch was für die externen Nutznießer wie eine logische Konsequenz erscheint, mag den Nutzern nicht gefallen. Snapchat ist bekannt für seine Snaps, die nach 24 Stunden wieder fort sind. Das würde im privaten Bereich auch nicht geändert werden. Trotzdem wäre bei öffentlichen Posts ein noch stärkerer Bruch mit diesem Ansatz – einige Posts können hier bereits viele Tage angezeigt werden – schwer mit den Werten der App vereinbar. Vor allen Dingen dürfte die Nutzer aber stören, dass die Urheber der Posts ihre Identitäten zeigen sollen. Denn im Gegensatz zu Facebook etwa bauen sie bei Snapchat stark auf die Privatsphäre sowie die enger umrissene Community.

Ob die angedeuteten Veränderungen die App demnächst erreichen, ist derzeit unbestätigt. Snapchat braucht jedoch mehr Einnahmequellen, um sich langfristig gegen die starke Konkurrenz durchzusetzen. Das funktioniert nur über gute Werbelösungen, die Transparenz und Beständigkeit erfordern. Und der Wachstumswille mag die Nutzerinteressen letztendlich überwiegen.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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