Video Marketing

Fake Views bei YouTube: Großes Business, gefährlich fürs Advertising

Ein New York Times-Reporter kauft Fake Views für YouTube und deckt auf, wie das Geschäft funktioniert und die Videoplattform diskreditiert. Auch für Advertiser.

© Google

Fake News auf YouTube zu verkaufen ist ein einträgliches Geschäft, der Kauf liefert rasche Resultate. Doch diese sind trügerisch und dienen letztlich nur der Gewinnoptimierung der Verkäufer. Die Views sind von fragwürdiger Qualität und zweifelhaftem Ursprung, was dazu führt, dass Werbetreibende und YouTube selbst sich mit mangelnder Integrität bei Videos konfrontiert sehen.

Ein New York Times-Reporter fühlt den Fake Views auf den Zahn

In einer groß angelegten Analyse von Websites, die Fake Views für YouTube anbieten, hat die New York Times tausende solcher Views bei neun verschiedenen Unternehmen gekauft. Davon berichtet Michael H. Keller auf der Website des renommierten Publishers ausführlich. Alle Unternehmen lieferten mehr oder weniger rasch Ergebnisse. Wie wertvoll diese letztlich aber für den Videoeigner sind, bleibt fraglich. Die Verkäufer der Views machen jedenfalls gutes Geld mit dem Modell, das YouTubes Integrität untergräbt und zugleich schwer zu verbannen ist.

Mehrere Milliarden Views generiert YouTube täglich. Blake Livingston, ehemaliges Mitglied des Teams, das sich bei YouTube um betrügerische Handlungen kümmert, gab an, dass man bei der Videoplattform dafür sorge, dass Fake Views bei unter einem Prozent aller Views blieben. Dennoch können weiterhin Abermillionen von Views, die sich als ,unecht‘ einstufen lassen, ungehindert auf der Plattform zum Tragen kommen. Außerdem schätzen andere Experten, dass die Fake View-Zahlen sich eher zwischen 15 bis 20 Prozent bewegen.

Sind Fake View-Zahlen bei YouTube höher als zunächst angenommen?, © The Economic Times

View count manipulation will be a problem as long as views and the popularity they signal are the currency of YouTube,

wird Livingston in der NYT zitiert. Einer, der diese Optionen zur Manipulation ausnutzt und monetarisiert, ist Martin Vassilev. Er betreibt 500Views.com, das Interessenten mit den Services vernetzt, die Views, Likes oder sogar Dislikes anbieten, welche von Computern generiert wurden. Über 15 Millionen Fake Views hat Vassilev in diesem Jahr schon vermittelt, damit weit über 100.000 US-Dollar eingenommen.

I can deliver an unlimited amount of views to a video […] They’ve tried to stop it for so many years, but they can’t stop it. There’s always a way around,

erklärt Vassilev selbstsicher. Dabei setzt er auf die Gewichtung von Views als Währung bei YouTube. Und diese hat für alle Nutzer dort und die Plattform selbst Relevanz

Die Crux mit den Viewzahlen

Views sind nicht der einzige Rankingfaktor bei YouTube, aber wohl der entscheidende. Nur bei Google suchen Nutzer mehr als bei der Videoplattform. Daher ist es nicht verwunderlich, dass unseriöse Anbieter mit der Steigerung der Viewzahlen auf YouTube werben. Und das zum Teil sogar bei Google selbst. Zwar ist das Werben für „YouTube Views kaufen“ nicht erlaubt; doch kann eine Ad durch falsch geschriebene Wörter und bei mehrmaligem Einreichen letztendlich doch im Werbesystem Googles erscheinen, so Keller. Schon 2013 warnte YouTube selbst in einem Blogbeitrag vor dem Kauf von Views bei der Plattform. In den – zum Teil recht aktuellen – Kommentaren finden sich reihenweise Links zu Seiten, die Fake Views verkaufen.

Links zu Fake View-Verkaufsseiten in den Kommentaren zur Warnung vor Fake Views bei YouTube, Screenshot YouTube Creator Blog

Nun sind die Viewzahlen aber unerlässlich für den Erfolg bei YouTube. Daher bekräftigt Vassilev auch:

The only way YouTube could eliminate this is if they removed the view counter altogether. But that would defeat the purpose of YouTube.

Aber was versprechen die Verkäufer irregulärer Views eigentlich und was davon wird eingehalten?

Ob Conversions oder Aufmerksamkeit, Fake Views helfen kaum

In Michael H. Kellers Bericht ist auch die Rede von Hancock Press, das Autoren mehr Conversions für ihre Bücher verspricht. Dabei zahlte zum Beispiel die Autorin Elizabeth Clayton gutgläubig einige tausend US-Dollar an das Unternehmen, damit es ihr Buch verlegt. Argumentiert wurde, dass 40.000 garantierte YouTube Views ihren Teil zur Promotion und zum Verkauf beitragen würden. Dafür zahlte Hancock Press lapidare 270 Dollar an Devumi.com, dass 55.000 Views für die Videos zum Buch bereitstellen sollte. Am Ende waren es 60.000 Views, doch die Buchverkäufe nahmen trotzdem keine Fahrt auf. Auch, weil die Views allem Anschein nach keine regulär generierten waren.

In einem anderen Beispiel hat der Filmemacher Ami Horowitz mehrere tausend Views für seine Videos bei YouTube gekauft. Wohl in der Annahme, dass Devumi.com wie traditionelle Advertiser operiere. Letzten Endes konnten die Käufer der Fake Views keine wirtschaftlichen oder für das Eigenmarketing relevanten Erfolge aufweisen. Sie stehen stellvertretend für zahlreiche Nutzer, die ihr Geld für trügerische Optimierungsstrategien bei YouTube ausgegeben haben.

Doch selbst wenn die Fake Views keine Conversions steigern, sind sie womöglich dazu in der Lage, unseriösen Publishern oder Verschwörungstheoretikern usw. zu einer (Schein-)Autorität zu verhelfen. Nach Angaben der NYT hat zum Beispiel RT (Russia Today) 30.000 Views und 300 Likes für Videos gekauft, die sich mit der Obdachlosigkeit in Europa beschäftigen. Insofern trägt die Praktik nicht nur durch ihre per se betrügerische Form dazu bei, dass YouTubes Integrität leidet und Advertiser mehr Vorsicht walten lassen (sollten). Auch indirekt führen Fake Views zu einer verzerrten Medienrezeption, die Sachlichkeit der Triebkraft der monetären Anreize unterordnet. Das ist gerade deshalb so gefährlich, weil YouTube unmöglich alle fragwürdigen Videos und Video Views entsprechend filtern kann und da YouTube nach einer Studie des Pew Research Centers die populärste Social Media-Plattform bei US-Teenagern darstellt. Und diese Popularität lässt sich sicherlich auf die globale Nutzung übertragen.

 

Was der NYT-Reporter für sein Geld bekam

Bleibt noch zu klären, was verschiedene Seiten, die Fake View verkaufen, dem Reporter der New York Times schließlich lieferten. Für die Videos, die übrigens nicht im Zusammenhang mit dem Publisher stehen, wurden zumeist 5.000 Views geordert; nur bei Vassilevs 500Views.com war die Order größer: 25.000 Views für 134,99 US-Dollar. Hier wurden die Views in nur einem Tag ,geliefert‘. Nur zwei der neun Seiten lieferten schlussendlich nicht die versprochene Viewzahl, da trotz vorübergehenden Erfolgs YouTubes Filter griffen.

Die Käufe von Fake Views führten meist auch zur Auslieferung der versprochenen Viewzahlen (mit einem Klick aufs Bild gelangt ihr zur größeren Ansicht), © Michael H. Keller, The New York Times

In der Folge der Käufe konfrontierte der Reporter YouTube mit den Ergebnissen. in dem Kontext sprach YouTube von zwei Schwachstellen, die daraufhin gefixt worden seien. Keller kaufte weitere Fake Views, doch obwohl diese ausgeliefert wurden, schritt die Zahl der Views schon deutlich langsamer voran. Das deutet darauf hin, dass YouTube daran arbeitet, die Fake Views zu verbannen. Berichte wie jener von Michael H. Keller tragen zu einer Entwicklung gegen die betrügerischen Taktiken bei.

Jeder Videoproduzent oder Publisher sei aber davor gewarnt, sich Views bei der Videoplattform zu kaufen. Es zeigt sich, dass diese nur von geringem Wert sind und vielmehr zu Imageverlusten führen können. YouTube täte gut daran, sich auch öffentlich stärker von den Fake View-Lieferanten zu distanzieren und darauf zu verweisen, dass nur regulär generierte Views zu besserem Ranking und zu mehr Monetarisierungsmöglichkeiten verhelfen. Die Views zu differenzieren ist allerdings schwer, und es bleibt zu hoffen, dass YouTube weitere geeignete Filter entwickeln kann.

Unabhängig davon ist es aber genauso wichtig, dass die Verkäufer von Fake Views nicht weiter beinah unbehelligt handeln können. Werbeanzeigen bei Google und Co. sollten ihnen verwehrt und ihre Aktivität auch von politischen und übergeordneten Medienorganen strenger überwacht werden. Andernfalls droht die Videolandschaft bei YouTube auch in Zukunft mit dem Makel einer unlauteren Vorspiegelung zu leben.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.