Marketing Strategie

Schnell, schneller, Baqend: Diese Hamburger Techies träumen vom Internet ohne Ladezeiten

Lange Wartezeiten machen das Surfen im Netz zur Tortur. Felix Gessert, Mitgründer von Baqend, arbeitet mit seinem Team gegenan.

Baqend gewinnt das Mediabudget beim Startups@Reeperbahn von Hamburg Startups beim Reeperbahn Festival 2016, © Stefan Groenveld

Das Hamburger Startup Baqend hat es sich zur Aufgabe gemacht, Ladezeiten im Netz drastisch zu verkürzen. Die Vision ist ein Internet gänzlich ohne Wartezeiten. Im Interview verrät Gründer Felix Gessert, wie er auf diese Idee gekommen ist und wie genau die Technologie funktioniert.

Mit Baqend direkt aus der Forschung in die Hamburger Tech-Branche

Ladezeiten strapazieren die Geduld der User und führen nicht selten dazu, dass Nutzer eine Website verlassen, bevor sie sich überhaupt aufgebaut hat. Felix Gessert und Florian Bücklers haben sich schon immer die Frage gestellt, wieso Webseiten im Netz scheinbar immer langsamer werden, obwohl die technische Infrastruktur eigentlich stetig besser wird. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit an der Universität Hamburg versuchten sie daher eine Möglichkeit zu finden, Seiten mithilfe der bereits vorhandenen Zwischenspeicher im Web zu beschleunigen. Das Thema lies sie nicht mehr los und mündete in einer Datenbankforschungsgruppe und dem Projekt Orestes.

Nach dem Master der beiden wurde 2014 mithilfe eines Exist-Gründerstipendiums Baqend geboren, das auf den Erkenntnissen der fünfjährigen Forschungen fußt. Dafür holten sie sich die Unterstützung von zwei Mitgründern: Malte Lauenroth und Hannes Kuhlmann. Die Hamburgische Investions- und Förderbank sicherte ihnen eine weitere Förderung für knapp anderthalb Jahre zu, um das Produkt voranzutreiben.

Das Baqend-Team: Malte Lauenroth, Florian Bücklers, Erik Witt, Hannes Kuhlmann und Felix Gessert

Das Baqend-Team: Malte Lauenroth, Florian Bücklers, Erik Witt, Hannes Kuhlmann und Felix Gessert

Der erste Härtetest der Baqend Cloud erfolgte im Herbst 2016. Die Website des Sporthandtuchs Towell basiert auf den Lösungen der Forscher und konnte den riesigen Besucherstrom bewältigen, den der TV-Pitch mit sich brachte. Auch auf dem Reeperbahn Festival hinterließ die Cloud Eindruck und gewann ein Media-Budget in Höhe von 100.000 Euro. Ende 2016 stiegen dann zwei Investoren in Baqend ein, die der Hamburger Digitalbranche wohlbekannt sind: Martin Dräger und Jens Schumann. Die Finanzierungsrunde brachte knapp eine Million Euro frisches Kapital mit sich.

Mittlerweile besteht das Team aus sieben Informatikern, einem Betriebswirt und zwei Forschern. Jetzt steht die Internationalisierung auf der Agenda. Mitgründer Felix Gessert stellt sich im Interview unseren Fragen.

Interview mit Felix Gessert, CEO & Co-Founder Baqend

OnlineMarketing.de: Eure Mission ist es, das Internet schneller zu machen. Warum? 

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Felix Gessert beim Startups@Reeperbahn von Hamburg Startups beim Reeperbahn Festival 2016, © Stefan Groenveld

Felix Gessert: Das Problem am Internet ist, dass Webseiten immer komplexer werden, die Ladezeiten sich über die Jahre aber kaum verbessern und immer mehr Online Businesses an technische Skalierbarkeitsgrenzen stoßen. Gleichzeitig hängen an Ladezeiten aber enorme Umsätze. Amazon hat zum Beispiel gemessen, dass eine um 100 Millisekunden gesteigerte Wartezeit den Umsatz um ein Prozent zurückgehen lässt. Nicht nur im E-Commerce ist Ladezeit reines Geld. Die Zufriedenheit von Nutzern hängt sehr stark von der gebotenen Geschwindigkeit ab. Deshalb ist es heute für Webshops, Online-Plattformen, Marketingkampagnen, mobile Apps und alle digitalen Unternehmen von entscheidender Wichtigkeit, immer verfügbar zu sein und schnell zu laden.

Seit Google Ladezeiten zudem stärker in das Ranking einfließen lässt, ist das auch ein Kernthema für Onlinemarketing und SEO. Mit Baqend lösen wir das Problem von langsamen Webseiten, indem wir einen Cloud-Service bereitstellen, mit dem Entwickler extrem schnelle und skalierbare Anwendungen umsetzen können. Wir wollen Ladezeiten so stark reduzieren, dass sie auf Webseiten unserer Kunden nicht mehr wahrnehmbar sind.

Warum glaubt ihr, dass ihr das besser könnt als die großen Tech-Schmieden? Hat nicht jeder relevante Player eigene schlaue Entwickler?

Das Problem ist, dass viele der cleversten Entwickler in Unternehmen sich oft repetitiven und wenig anspruchsvollen Aufgaben widmen müssen. In Baqend stecken in Summe 20 Jahre intensive Forschung und Entwicklung. Im Tagesgeschäft haben auch schlaue Entwickler schlicht keine Zeit, einen wiederverwendbaren und effektiven Ansatz zu entwickeln, der nicht nur in einem, sondern in allen Projekten funktioniert. Wir hatten gewissermaßen das Glück, dass bei uns der richtige technische Ansatz, die richtigen Köpfe und ein relevantes Problem zusammenkamen. Mit unserer darauf zugeschnittenen Cloud-Infrastruktur und unseren Caching-Verfahren konnten wir so eine im Markt einzigartige Lösung entwickeln.

Viele der große Tech-Schmieden wie Google und Facebook haben das Ladezeitproblem auch erkannt, konnten aber bisher keine vergleichbare Lösung liefern.

Ihre jeweiligen Ansätze – Instant Articles und Accelerated Mobile Pages (AMP) – sind nur sehr speziell einsetzbar. Wir haben den Anspruch, dass selbst sehr dynamische und anspruchsvolle Webseiten mit Baqend beschleunigt werden können. Googles AMP ist beispielsweise auf die Darstellung ganz bestimmter mobiler Webseiten optimiert. AMP schreibt detailliert vor, wie eine Seite auszusehen hat und welche Arten von Inhalt erlaubt sind. Außerdem wird der gesamte Traffic über Google Server umgeleitet und es wird eine Google-Leiste eingeblendet. Die größte Einschränkung ist jedoch, dass nur weitestgehend statische Inhalte beschleunigt werden können, beispielsweise redaktionelle Artikel.

Mit Baqend beschleunigen wir nicht nur statische Inhalte, sondern selbst hochveränderliche Inhalte wie Suchergebnisse, Nutzerkommentare, einen Warenkorb oder Produktempfehlungen. Die Algorithmen dafür, diese Daten schnell auszuliefern und in Echtzeit zu aktualisieren, haben derzeit nur wir.

Das Gründer-Team von Baqend

Das Gründer-Team von Baqend bei den Blind Dates in den Startup-Lovemobilen von Hamburg Startups, © Stefan Groenveld

Ihr seid nicht die ersten, die Ladezeiten im Netz verringern möchten. Es gibt verschiedene Anbieter auf dem Markt, die ein ähnliches Produkt vertreiben. Wie könnt ihr euch gegen die Konkurrenz behaupten? Was ist euer USP?

Das Schöne an unserem Versprechen ist, dass es jeder in wenigen Sekunden überprüfen kann. Auf unserer Webseite haben wir einen Open-Source-Benchmark veröffentlicht, auf dem man Baqend gegen andere Konkurrenten auf seinem eigenen Gerät antreten lassen kann. Schaut man sich die Ladezeiten von verschiedenen, über den Globus verteilten Standorten an, sind wir im Schnitt über 15 Mal schneller als Konkurrenten wie Firebase und Kinvey. Das ist ein extremer Unterschied, wenn man bedenkt, welche Auswirkungen schon wenige Millisekunden haben.

Mit Baqend vereinen wir im Wesentlichen zwei Märkte: Backend-as-a-Service und Content Delivery Networks (CDNs). Als Backend-as-a-Service bezeichnet man Cloud-Plattformen, bei denen man gegen eine API mit einer kurzen Time-to-Market Webseiten und Apps entwickeln kann. CDNs sind verteilte Caching-Netzwerke, mit denen die Auslieferung von statischen Daten wie Bildern und Skripten beschleunigt wird. Backend-as-a-Service-Systeme stehen vor der Herausforderung, dass sie oft wenig skalierbar sind, d.h. unter hoher Last zusammenbrechen und nur durchschnittliche Ladezeiten ermöglichen. CDNs wiederum haben das Problem, dass sie bei einer modernen dynamischen Webseite einen Großteil der Auslieferung nicht beschleunigen können und in mühsamer Arbeit in Anwendungen integriert werden müssen.

Wir verheiraten beide Ansätze: minimale Ladezeiten für alle Daten und vereinfachte Entwicklung.

Das Besondere an unserer Plattform ist zudem, dass Kunden keinerlei Vorwissen über Web-Beschleunigung und Caching mitbringen müssen – unser Cloud-Dienst optimiert sich mit Machine Learning-Verfahren automatisch für die bestmöglichen Ladezeiten.

Unser USP ist also kurz gesagt: maximale Web Performance und hohe Skalierbarkeit.

Wie genau funktioniert eure Methode? Was steckt dahinter?

Für langsame Webseiten gibt es zwei technische Ursachen. Die erste Ursache ist, dass hohe Verarbeitungszeiten im Server entstehen, wenn Webseiten zusammengebaut werden. Die zweite Ursache ist die Auslieferung über das Netzwerk, bei der jede einzelne Teilanfrage – das sind pro Seitenaufruf etwa 100 Stück – vom Webseitenbesucher durch das Internet bis zum Server und zurück wandern muss.

Wir verwenden vorhandene Web Caches (Zwischenspeicher), die sich überall auf der Welt befinden, um Daten dichter bei den Nutzern zu speichern. Beispiele für solche Caches sind Content Delivery-Netzwerke (z.B. Akamai) und der Browser Cache in jedem Endgerät. Bisher wurden Caches lediglich zum Speichern von unveränderlichen Inhalten wie beispielsweise Bildern verwendet.

Durch die Algorithmen, die wir entwickelt haben, können wir beliebige Daten zwischenspeichern und sie dabei stets aktuell halten.

Das wird möglich gemacht durch die Cache-Sketch-Datenstruktur, die wir konzipiert haben, um vom Endgerät bis zu Internetknotenpunkten jeden Cache zu benutzen und innerhalb von Millisekunden zu aktualisieren.

Die Verarbeitungszeiten sind damit auch entschärft, denn die allermeisten Anfragen erreichen den Server nicht mehr. Der Nutzer merkt von diesem ganzen Prozess nichts, für ihn fühlt es sich nur so an, als wäre die Seite schon geladen, bevor der Knopf gedrückt wurde.

Felix Gessert mit Investor Jens Schumann

Felix Gessert mit Investor Jens Schumann beim Hamburg Startups Mixer – SXSW Edition, © Hamburg Startups

Wieso brauchen Websites eure Dienstleistung? Die Internetleitungen werden immer schneller. Macht das den Service nicht irgendwann überflüssig?

Was Webseiten langsam macht, ist interessanterweise nicht die Bandbreite, also ob ich einen 5-Mbit/s- oder einen 200-Mbit/s-Anschluss habe, sondern die Netzwerklatenz. Die Latenz – also die Zeit, die eine Anfrage im Netzwerk unterwegs ist, – entsteht allein durch die Distanz zwischen dem Nutzer und den Daten. Deshalb nützt tatsächlich weder ein schnelleres Gerät noch eine höhere Bandbreite viel und die Seiten bleiben langsam.

Das Spannende an unserer Ladezeit-Optimierung ist, dass sie sowohl wirkt, wenn das Netzwerk schnell ist (z. B. mit einer Glasfaseranbindung nach Hause) als auch wenn es schmerzhaft langsam ist (z. B. unterwegs auf der Autobahn).

Weil Baqend die Netzwerklatenzen klein hält, können wir Ladezeiten unabhängig davon verbessern, wie schnell die Anbindung und das Endgerät sind. Auf diese Weise helfen wir Unternehmen dabei, sich nicht aus Gründen der Performance in der kreativen Gestaltung von Webseiten einschränken zu müssen, sondern sich frei zu entfalten.

Was sind die Voraussetzungen für euren Service? Gibt es Einschränkungen für bestimmte Website-Baukästen oder ähnliches?

Wir haben großen Wert darauf gelegt, mit möglichst vielen Technologien kompatibel zu sein. Das Frontend, also die Oberfläche der Webseite oder App, ist mit beliebigen Tools und Frameworks kombinierbar.

Für die im Backend nötigen Hintergrundprozesse und die Geschäftslogik, setzen wir auf das stark wachsende Node.js-Ökosystem.

Wichtig zu verstehen ist, dass Baqend kein Performance-Plugin ist, welches bestehende Webseiten schneller macht. Baqend ist eine Plattform, gegen die man explizit entwickelt, um unkompliziert schnelle und skalierbare Services, Webseiten und Apps auf die Beine zu stellen.

Baqend kommt in zwei Situationen ins Spiel. Die erste ist bei einem Launch: Dort kommt man schneller zu einer funktionsfähigen Anwendung, die zudem fit für künftiges Wachstum ist. Die zweite Situation ist eine Umgestaltung oder ein Relaunch, z.B. der Neuentwurf eines Webshops, der an Skalierbarkeits- oder Performancegrenzen gestoßen ist: In dieser Situation macht es Sinn, auf eine Plattform zu wechseln, die das Entwicklerteam entlastet und bessere Antwortzeiten unter Last ermöglicht. Wir wollen Baqend zur führenden Plattform für skalierbare und schnelle Web-Anwendungen entwickeln. Wir setzen deshalb alles daran, Baqend für möglichst viele Use-Cases einfach einsetzbar zu machen.

Vielen Dank für das Interview!


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