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Human Resources
„Die Kommunikation ist entscheidend“ – Expert:inneninterview über das Modell der Doppelspitze in Unternehmen

„Die Kommunikation ist entscheidend“ – Expert:inneninterview über das Modell der Doppelspitze in Unternehmen

Marié Detlefsen | 19.03.24

Im Interview mit OnlineMarketing.de erklären Anne-Marie Kilpert und Dr. Matthias Berg vom Fraunhofer-Institut IESE, wie eine Unternehmens-Doppelspitze funktionieren kann, welche Grundvoraussetzungen herrschen müssen und welche Vorteile das Konzept mit sich bringen kann.

Nur 25 Prozent der Angestellten in Deutschland sind derzeit mit ihrer direkten Führungskraft rundum zufrieden. Zu diesem Ergebnis kam der Gallup Engagement Index 2023. Damit ist die emotionale Bindung der Beschäftigten so niedrig wie seit 2012 nicht mehr. Immer mehr Unternehmen überlegen deshalb, wie man diesem Problem entgegenwirken kann. Ein möglicher Lösungsansatz lässt sich in der Einführung einer Doppelspitze finden. Ein sogenanntes Führungstandem besteht aus der gleichrangigen Besetzung von zwei Personen auf der höchsten operativen Entscheidungsebene eines Unternehmens. Doch wie gestaltet sich das Führen in dieser Doppelspitze wirklich? Bietet sie tatsächlich einen echten Mehrwert oder lauern hinter den vordergründigen Vorteilen unerwartete Herausforderungen?

Um diese Fragen zu beantworten, haben wir mit Anne-Marie Kilpert und Dr. Matthias Berg gesprochen, welche seit einem Jahr die gemeinsame Spitze der Abteilung „Smart City Design“ am Fraunhofer-Institut für Experimentelles Software Engineering IESE in Kaiserslautern bilden. Beide sind der Ansicht, dass sich ein Führungstandem aus dem Gleichgewicht von Selbstreflexion, klaren Aufgabenverteilungen und einem Fundament aus Vertrauen und Ehrlichkeit zusammensetzt.

Die Doppelspitze als neuer Ansatz

Die Doppelspitze für die Abteilung am Fraunhofer-Institut wurde vor rund eineinhalb Jahren neu geschaffen. Die Idee dahinter war, einmal neue Führungsmodelle auszuprobieren und zu schauen, wie diese in der Praxis funktionieren. Anne-Marie Kilpert hatte bereits zuvor in einer Doppelspitze gearbeitet und Dr. Matthias Berg war bereits seit einigen Jahren mit dem Institut vertraut. Laut den beiden war dies das perfekte Match, weil sie einerseits von bestehenden Erfahrungen am Institut profitieren konnten und gleichzeitig einen ganz neuen Blick von außerhalb auf die Situation hatten. Wie genau sie das Führungstandem im Unternehmen umgesetzt haben und welche Vor- und Nachteile das neue Konzept bringt, berichten sie in unserem Interview.

Das Interview

OnlineMarketing.deNach einem Jahr als Führungstandem: Welche Vorteile seht ihr in der Doppelspitze? Wie hat sich diese Konstellation auf die Effizienz und Zusammenarbeit in eurer Abteilung ausgewirkt?

Anne-Marie: Ich habe schon vor meinem Job am Fraunhofer IESE in einer Doppelspitze gearbeitet und kann heute gleich mit zweifacher Erfahrung sagen: Ich finde dieses Führungsmodell super. Vorausgesetzt, man hat einen Tandempartner oder eine Tandempartnerin, mit dem oder der es persönlich harmoniert, sind Doppelspitzen für die Führenden selbst, aber auch für das Team von großem Vorteil.

Zum einen habe ich mit Matthias natürlich immer einen Sparringspartner an meiner Seite. Wir können wichtige Entscheidungen gemeinsam durchsprechen und so von unseren unterschiedlichen Sichtweisen profitieren. Umgekehrt hat das Team gleich zwei Ansprechpersonen, an die sich unsere Kolleg:innen mit ihren Themen wenden können.

Matthias: Das stimmt absolut. Gibt es umgekehrt nur eine Führungsperson, ist sie bei Team-Angelegenheiten ja ansonsten oft das Bottleneck. Ein weiterer Vorteil ist für mich noch, dass wir gezielt unsere Arbeitsbereiche anhand unserer Stärken und Schwächen aufteilen können und so auch jeder von uns vorrangig das machen kann, in dem wir besonders gut sind.

Welche Schwächen des Konzepts habt ihr identifiziert und wie geht ihr mit diesen um?

Anne-Marie: Bei einer Doppelspitze nimmt das Thema Kommunikation einen vielfach höheren Stellenwert ein. Natürlich sollte eine gute Kommunikationskultur auch bei einfach besetzten Führungspositionen immer das Ziel sein. Im Tandem gilt es aber, gleich drei Ebenen viel Aufmerksamkeit zu widmen: der Kommunikation zwischen den Führenden, der Kommunikation mit dem Team und der Kommunikation nach außen.

Matthias: Anni spricht da einen ganz wichtigen Punkt an. Sind nämlich Zuständigkeiten und Ansprechpartner:innen nicht ganz klar definiert, gibt es Chaos. Dann wissen zum Beispiel Kund:innen nicht, an wen sie sich vorrangig wenden sollen. Oder im Führungstandem wird im schlechtesten Fall Arbeit doppelt erledigt, weil man sich nicht gut genug abgesprochen hat. All das lässt sich aber gut vermeiden, wenn die Doppelspitze wirklich klar und transparent kommuniziert – und zwar nach innen und nach außen.

Welche Rolle spielt Selbstreflexion in eurer Führungsarbeit als Doppelspitze, und wie fördert dies die positive Entwicklung eurer Abteilung?

Matthias: Ein hohes Maß an Selbstreflexion ist ein absolutes Must-have in der geteilten Führungsrolle. Wir beide müssen bereit sein, unser Handeln auch kritisch zu hinterfragen und aus Fehlern zu lernen. Ansonsten würden wir zusammen in einer Sackgasse landen und uns überhaupt nicht fortentwickeln.

Anne-Marie: Aus meiner Sicht ist auch hier die Art und Weise der Kommunikation ganz entscheidend. Ich finde es zum Beispiel wichtig, dass Matthias und ich Themen erst zwischen uns durchdiskutieren und danach aber geschlossen vor das Team treten. Dann hat jeder von uns die Chance, das eigene Handeln zu reflektieren und die Perspektive des anderen besser kennen zu lernen und vielleicht auch in Teilen anzunehmen. Die Alternative wäre, dass wir uns gegenseitig vor dem Team in den Rücken fallen, was für alle Beteiligten nur von Nachteil ist.


Unternehmenswerte und interne Kommunikation als Treiber der Mitarbeiter:innenbindung

Kommunikation ist nicht nur wichtig bei der Doppelspitze sondern auch bei der Mitarbeiter:innenbindung.
© Jason Goodman – Unsplash


Auf welche Weise habt ihr ein Vertrauensverhältnis als Basis für die Doppelspitze aufgebaut, und wie pflegt ihr dieses Vertrauen kontinuierlich (sowohl zueinander als auch zu euren Mitarbeitenden)?

Anne-Marie: Noch bevor wir mit unserer Arbeit gestartet sind, haben Matthias und ich uns zusammengesetzt und sehr offen miteinander über unsere Stärken und Schwächen gesprochen. Ich zum Beispiel neige dazu, Probleme pragmatisch zu lösen. Matthias ist umgekehrt eher der Typ, der möglichst viele verschiedene Lösungswege abwägen möchte. Dieses Gespräch war für uns total wichtig, schließlich kannten wir uns vor Arbeitsstart überhaupt nicht und brauchten erst einmal eine gemeinsame Vertrauensbasis. 

Matthias: Einen solchen ehrlichen Austausch kann ich auch nur jeder Doppelspitze dringend empfehlen – und zwar nicht nur einmal zu Beginn. Wann immer wir Zeit finden, tauschen Anni und ich uns auch sonst sehr offen darüber aus, was gerade gut läuft, was wir verbessern können und woran das individuell gerade liegt.

Welchen Unternehmen würdet ihr das Konzept einer Doppelspitze empfehlen?

Anne-Marie: Aus meiner Sicht sind das vor allem Unternehmen, deren Führungspositionen anspruchsvolle Aufgabenprofile haben. Denn die Wahrscheinlichkeit, das ganze Skillset in nur einer Person zu finden, ist relativ gering. Hinzu kommt der bereits viel diskutierte Fachkräftemangel, der die Suche erschwert. Das Modell eignet sich aber auch für Unternehmen, die ihren Mitarbeitenden mehr als nur eine Führungskraft „anbieten“ wollen – auch das kann man unter Fachkräftesicherung verbuchen. Wenn ich zwei Chefs habe, wird vermutlich zumindest einer davon näher an meinem Werteprofil liegen und die Mitarbeitenden fühlen sich gehört und verstanden.

Welche Tipps würdet ihr anderen Unternehmen geben, die darüber nachdenken, eine Doppelspitze einzuführen, basierend auf euren Erfahrungen?

Anne-Marie: Es ist wichtig, keine Angst vor neuen Ufern zu haben und es wirklich so zu meinen. Natürlich wird man dafür bestimmte Organisationsprozesse umstellen müssen, aber das ist alles machbar. Noch wichtiger finde ich aber auch eine ehrliche Reflexion – vor allem auch, wenn das Modell aufgrund von individuellen Rahmenbedingungen zum Beispiel nicht klappt. Dann sollte man auch so mutig sein und Option C ausprobieren.


Wir bedanken uns recht herzlich für das schriftliche Interview mit Anne-Marie Kilpert und Dr. Matthias Berg sowie für die spannenden Insights aus ihrer Perspektive.


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Als Gegensatz zur Doppelspitze: Arbeiten ohne Chef.
© Redd F – Unsplash


Dieser Beitrag erschien erstmals am 19. Februar 2024.

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