Human Resources
AI Pressure: Wenn Künstliche Intelligenz zur mentalen Belastung wird

AI Pressure: Wenn Künstliche Intelligenz zur mentalen Belastung wird

Marié Detlefsen | 07.07.26

KI arbeitet rund um die Uhr – und genau das setzt viele Führungskräfte zunehmend unter Druck. Im Interview erklärt KI-Experte Stefan Müller, warum AI Pressure zur echten Herausforderung wird und wie Unternehmen gegensteuern können.

Deadlines, sich häufende Aufgaben und Zeitdruck? Kein Problem – mithilfe von KI lassen sich diese Probleme ganz schnell lösen. Oder auch nicht? Während Chatbots lange Zeit vor allem als digitale Assistent:innen dienten, übernehmen moderne KI-Agents inzwischen immer häufiger eigenständig Aufgaben, treffen Entscheidungen oder stoßen Prozesse an – und das rund um die Uhr. Was Unternehmen mehr Effizienz verspricht, bringt für viele Beschäftigte dennoch eine neue Herausforderung mit sich: den sogenannten AI Pressure. 

Gemeint ist der mentale Druck, mit einer Technologie Schritt halten zu müssen, die nie pausiert und ständig neue Möglichkeiten eröffnet. Besonders Führungskräfte stehen dabei unter besonderer Belastung. Sie müssen KI-Ergebnisse einordnen, Entscheidungen absichern und Verantwortung übernehmen, häufig unter hohem Zeit- und Erwartungsdruck. Hinzu kommt das Gefühl, jederzeit weitere Aufgaben an die KI delegieren oder ihre Ergebnisse überprüfen zu können. Die Folge: Die Grenzen zwischen produktiver Unterstützung und permanenter mentaler Verfügbarkeit verschwimmen zunehmend. 



Claude Tag als Claude Code-Fortschritt:

Einfach Claude bei Slack beauftragen

@-Zeichen und Claude-Schriftzug vor verschwommenem Hintergrund
© Anthropic via Canva


Was genau ist AI Pressure?

Wie real dieses Phänomen bereits ist, zeigt eine aktuelle Studie des BCG Henderson Institute aus dem Jahr 2026. Demnach berichten 14 Prozent der KI-nutzenden Beschäftigten von einer akuten kognitiven Überlastung, dem sogenannten „Brain Fry“. Mitarbeitende mit hoher Aufsichts- und Kontrollverantwortung sind sogar noch häufiger von mentaler Erschöpfung betroffen.

Doch wie lässt sich verhindern, dass KI vom Entlastungsinstrument zum zusätzlichen Stressfaktor wird? Warum geraten gerade Führungskräfte unter Druck – und welche Strategien helfen, gesund und souverän mit der neuen Technologie umzugehen?

In unserem Interview sprechen wir mit KI-Experte Stefan Müller von StefanAI Solutions. Als Referent, Berater und Software-Entwickler begleitet er Unternehmen bei der Einführung und dem Einsatz Künstlicher Intelligenz und erlebt in seiner täglichen Arbeit, welche Chancen, aber auch welche neuen Belastungen, KI für Führungskräfte mit sich bringt.

Das Interview

OnlineMarketing.de: Der Begriff AI Pressure taucht immer häufiger auf. Was genau verbirgt sich dahinter – und worin unterscheidet sich dieser Druck von klassischem Arbeitsstress oder digitaler Überlastung?

Stefan Müller: Die Produktivitätssteigerung durch KI hat ihren Preis. Schließlich bist immer noch du die Person, die die Eingaben und Aufträge macht und auch die Ergebnisse überprüfen und weiterverarbeiten muss. Auch wenn du gar nicht den Hauptteil der Arbeit erledigst. Steuern musst du ein Vielfaches dessen, was bislang möglich war. Und plötzlich entstehen in deinem Kopf neue Fragen: Was könnte ich mit dieser Technologie noch alles leisten? Welche Aufgaben sollte ich zusätzlich delegieren?

Warum habe ich das nicht schon längst an die KI gegeben? All diese Fragen laugen dich mental zusätzlich aus und erzeugen genau das, was ich AI Pressure nenne: den Druck, die KI immer stärker zu nutzen, um kein Potenzial, keine Gelegenheit und keine Chance verstreichen zu lassen – ganz egal, wie müde du eigentlich schon bist. Und genau darin unterscheidet sich AI Pressure von klassischem Arbeitsstress oder digitaler Überlastung: Der Druck entsteht nicht primär durch zu viel Arbeit oder zu viele Reize, sondern durch das nagende Gefühl, ein praktisch grenzenloses Potenzial nicht voll auszuschöpfen.

Warum sind aus deiner Erfahrung gerade Führungskräfte besonders anfällig für AI Pressure? Welche Rolle spielen Verantwortung, Kontrolle und Entscheidungsdruck dabei?

AI Pressure trifft vor allem jene, die eine sehr starke intrinsische Motivation haben und sich selbst zudem eher als introvertiert beschreiben würden. Auf der einen Seite stehen große Ziele und Ambitionen, auf der anderen der Wunsch, die Dinge eher mit sich allein auszumachen. Genau diese Menschen bekommen mit Künstlicher Intelligenz ein unheimlich mächtiges Werkzeug in die Hand. Die Menschen übernehmen Verantwortung, wollen Kontrolle über ihre Umgebung und müssen Ergebnisse liefern. Diese Kombination ist der Nährboden, auf dem AI Pressure erst so richtig gedeihen kann.

KI-Agents können heute eigenständig Aufgaben übernehmen und arbeiten theoretisch rund um die Uhr. Verändert das die Erwartungshaltung an Führungskräfte – und wenn ja, wie?

Der NVIDIA-Chef Jensen Huang sagte einmal sinngemäß, dass etwas gewaltig schieflaufe, wenn Software-Entwickler:innen nicht mindestens mehrere Millionen Token an KI-Nutzung pro Zeitraum verbrauchten. Das gehört eingeordnet – immerhin verdient er mit genau dieser Nutzung sehr viel Geld. Und doch glaube ich, dass diese Aussage eine gesellschaftliche Erwartungshaltung unserer Zeit treffend widerspiegelt. Die macht vor Führungskräften selbstverständlich nicht halt – erst recht nicht, wenn Boni von der Erreichung wirtschaftlicher Ziele abhängen. Hinzu kommt, dass ihnen ihre eigenen Vorgesetzten nur allzu oft vollkommen unreflektiert die Nutzung von KI empfehlen. Gerade Geschäftsführende sind oft sehr stark darin, ihrer nächsten Führungsebene Druck zu machen, die neuen Möglichkeiten zu nutzen – ohne jemals selbst Expertise im Bereich KI aufgebaut zu haben.


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© Darina Belonogova – Pexels


Du schulst jedes Jahr zahlreiche Unternehmen. Welche typischen Verhaltensmuster beobachtest du bei Führungskräften im Umgang mit KI? Wo entstehen die größten mentalen Belastungen?

Da beobachte ich vor allem zwei gegensätzliche Muster. Die einen winken KI-Ergebnisse blind durch, lesen den Output kaum noch und delegieren an die KI, ohne das Resultat wirklich zu prüfen. Die anderen verfallen ins andere Extrem und gegenprüfen geradezu zwanghaft jede einzelne Zeile oder gar einzelne Worte, aus Sorge, etwas Fehlerhaftes zu verantworten. Beides kostet Kraft, und genau hier setzt die eigentliche Belastung an. Was nämlich nahezu alle unisono nennen, ist die Last, die generierten Ergebnisse überprüfen zu müssen – und zwar nicht nur die aus der eigenen KI-Nutzung, sondern auch die der eigenen Mitarbeitenden. Das ist allerdings teilweise hausgemacht. Wer eine Information dringend, sofort, in den nächsten fünf Minuten per Mail haben will, darf sich nicht wundern, wenn diese in weniger als 30 Sekunden von der KI generiert und per Copy and Paste über Mail oder Chat weitergereicht wird. 

Auf der anderen Seite stehen viele der Technologie noch skeptisch gegenüber. Die Frage, inwiefern die Ergebnisse der KI wirklich verlässlich sind, steht oft im Raum. Was Führungskräfte vor allem in der öffentlichen Verwaltung beschäftigt, ist der rechtliche Rahmen, in dem KI im Team oder in der Abteilung genutzt werden kann. Fehlen hier entsprechende Vereinbarungen mit den Mitarbeitenden, eröffnet das eine Vielzahl von Schwierigkeiten.

Viele Manager haben das Gefühl, jede KI-generierte Entscheidung überprüfen zu müssen. Wie gelingt der Spagat zwischen notwendiger Kontrolle und Vertrauen in die Technologie?

Der Schlüssel ist, den Spagat gar nicht als Alles-oder-nichts zu begreifen. Es geht nicht darum, entweder jede Zeile zu prüfen oder blind zu vertrauen, sondern risikobasiert zu kontrollieren: Bei kritischen, folgenreichen Ergebnissen schaue ich genau hin, bei unkritischen lasse ich bewusst los. Wer diese Unterscheidung trifft, befreit sich von der Pflicht, alles gegenprüfen zu müssen. Damit das funktioniert, braucht es eine Kombination aus KI-Know-how, guter KI-Ausstattung und einer auf Ergebnisse ausgerichteten Kultur. Wenn meine Mitarbeitenden wissen, wie man gute Prompts schreibt, wie man die KI so einstellt, dass sie reduzierter und werthaltiger antwortet, und dann auch noch iterativ mit ihr arbeitet, ist schon viel gewonnen. Wo das allein nicht ausreicht, helfen flächendeckend ausgerollte, bezahlte Lizenzen für Chatbots wie ChatGPT und Claude ungemein.

Welche Warnsignale deuten darauf hin, dass AI Pressure bereits gesundheitliche oder mentale Folgen hat? Woran sollten Führungskräfte und Unternehmen erkennen, dass Handlungsbedarf besteht? Und wie kann man AI Pressure bestmöglich lindern?

Die ersten Warnsignale sind meist sehr menschlich und zeigen sich lange, bevor harte Kennzahlen ausschlagen: zunehmende Reizbarkeit, Schlafprobleme, das Gefühl, nie wirklich fertig zu sein, gestrichene Pausen und freiwillig ausgeweitete Arbeitszeiten, weil ja „nur noch schnell“ ein Agent losgeschickt oder dessen Ergebnis überprüft werden muss. Wenn das Abschalten nach Feierabend nicht mehr gelingt, ist das ein deutliches Zeichen. AI Pressure führt weiter zu mentaler Belastung – und diese Erschöpfung wiederum zu schlechten Entscheidungen in der Organisation. Hohe Verbräuche bei der KI-Nutzung und wiederholt schlechte Entscheidungen deuten also auf eine mentale Erschöpfung der Führungskräfte und ihrer Mitarbeitenden hin. 

Was dagegen hilft? So banal es klingt: unter anderem harte Nutzungslimits. Niemand sollte das 20-Fache seiner eigenen Produktivität mit KI-Agents hebeln können, ohne irgendwann an ein Limit zu stoßen. Erschöpfte Credits und Token sind dann keine Einschränkung, sondern ein natürlicher Schutz vor Übernutzung. Zudem müssen Führungskräfte erneut lernen, bewusst Pausen einzulegen.


Hier wächst der KI-Einsatz in Unternehmen am stärksten

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© Vitaly Gariev – Pexels


Mit Blick auf die nächsten Jahre: Wird AI Pressure eher zu- oder abnehmen? Was müssen Unternehmen schon heute tun, damit KI langfristig entlastet statt zusätzlich belastet?

Führungskräfte sind beim Thema KI die Early Adopter. Dem gegenüber steht ein großer Teil der Menschen, die agentische KI noch nie genutzt haben. Mit zunehmender Reife der Systeme und wachsendem Kenntnisstand werden also immer mehr Menschen AI Pressure wahrnehmen. Um das abzumildern, braucht es die Qualifizierung des Personals und ein schrittweises Heranführen an agentisches Arbeiten. Bei aller Liebe zur Technologie braucht es aber auch den Fokus auf den Menschen – Kreativität, Reflexion und Resilienz sind hier die Stichworte. Das ist allerdings deutlich schwieriger zu trainieren als ein guter Prompt, den die KI im Zweifel sogar selbst schreiben kann. Genau deshalb gehört für mich das Prozess-Controlling zu den Führungsaufgaben: Erst wenn ich weiß, wo der Schuh wirklich drückt, kann ich sinnvoll über den Einsatz von KI nachdenken.

Welche Entwicklungschancen drohen Unternehmen zu verpassen, wenn sie aufgrund unstrukturierter KI-Prozesse und zu viel Druck Prozessoptimierungen auf die lange Bank schieben.

So gut wie alle verlassen sich darauf, dass am Ende der Mensch die losen Prozessfäden miteinander verknüpft. Das hat allerdings schon in den vergangenen zehn Jahren nicht mehr richtig funktioniert; ein gescheitertes IT-Projekt hat wohl fast jeder schon erlebt. Gleichzeitig fehlt in den Unternehmen meist die Expertise und die zeitliche Ressource im Bereich KI und Digitalisierung oder Prozess-Management, um das schnell zu ändern. Die Folge ist ein Deadlock: Es geht weder vor noch zurück. Unternehmen, die hier klar auf KI setzen, dabei auch regulatorische Risiken eingehen, konsequent schulen und große, evidenzbasierte KI-Integrationsprogramme umsetzen, werden mit gesteigerter Produktivität belohnt – und das bedeutet am Ende niedrigere Kosten bei höheren Umsätzen.

Muss man AI Pressure in Bürojobs heutzutage aushalten können?

Ich würde weniger von Aushalten sprechen als vielmehr von Erkennen und Benennen. Wir alle sind auf einer großen, faszinierenden Reise und begegnen dabei Schritt für Schritt auch den negativen Konsequenzen des KI-Hypes: Schatten-KI, AI Workslop und nun AI Pressure. Bei aller Euphorie darf das kritische Denken nicht auf der Strecke bleiben. Solche Effekte müssen benannt und gezielt abgemildert werden.


Wir bedanken uns recht herzlich für das schriftliche Interview mit Stefan Müller sowie für die spannenden Insights aus seiner Perspektive.


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© Vitaly Gariev – Unsplash


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