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dmexco zerschlagen? Bericht von Tag 1

Ralf Scharnhorst schildert seine Eindrücke vom ersten Tag der größten Online-Marketing-Messe.

dmexco zerschlagen? Bericht von Tag 1

Sie wird nicht viele gute Kritiken bekommen, diese dmexco 2014. Dabei hat sie doch alles richtig gemacht: mehr Besucher und Aussteller als je zuvor, zunehmend international.

Aber wer es allen recht machen will, macht am Ende keinen so richtig glücklich. Vor allem nicht den alt eingesessenen Kern der Branche.

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In Konkurrenz zur ehemaligen Telemesse, auf der die TV-Vermarkter zeigten, wie glamourös sie waren, wollten die Online-Vermarkter eine Leistungsschau der Banner zeigen. Suchmaschinen-Werber und Affiliates fühlten sich vom sogenannten „Online-Vermarkter-Kartell“ anfangs ausgegrenzt, später in die „schäl Hall“ abgeschoben. Inzwischen steht der kleine Stand des indischen Versandkarton-Herstellers gleichberechtigt neben den matt glänzenden Bollwerken der mächtigsten Unternehmen der Welt – oder des Bannerverkaufs, ganz wie man es sehen möchte.

Wohin mit dem Budget?

Die Besuchermassen passten nicht auf das Foto
Die Besuchermassen passten nicht auf das Foto

Die Messe-Konferenz will den Werbung Treibenden Gründe liefern, ihre Anteile für Online zu erhöhen – es ist schließlich Budget-Planungs-Saison. Ein Rundumschlag ist gefragt, aber auch ein Aufzeigen neuer Spezialdisziplinen. Und so bemüht man sich, allen etwas zu bieten, sowohl der Praktikantin aus dem Marketing, als auch dem fünfzigjährigen Marketing-Leiter.

Nur dass die Praktikantin viel besser weiß, wie die jungen Leute das Internet nutzen. Sie wundert sich zwangsläufig darüber, was die präsentierenden Herren im Anzug unter „digital Natives“ verstehen, wozu man Panel-Daten braucht, wenn Google und Facebook doch Vollerhebungen machen und was Vermarkter sind – hat sie doch nebenher schon ein paar Euro mit ihrem Blog und Google Adsense verdient.

Der Marketing-Leiter wird von Jahr zu Jahr stärker verunsichert darüber, was er alles wissen müsste und wie viele neue Vokabeln es gibt – bis er beschließt, nächstes Jahr einfach nicht mehr zu kommen. Vielleicht ahnt er aber auch, dass die selbst ernannten Experten es nur so kompliziert gestalten, um ihn davon abzuhalten, dieses bisschen Online-Werbung selbst in die Hand zu nehmen – oder es die Praktikantin alleine machen zu lassen.

Mediaagentur-Chef Manfred Kluge stellte die entscheidende Frage an sein Publikum in der „Congress Hall“: wie viele Kunden denn im Raum seien? Geschätzt hoben 1-2 Prozent die Hand. Bezeichnenderweise genau so viele hoben später die Hand, als gefragt wurde, wer nicht auf Facebook sei.

Fazit: den Werbungtreibenden hat es die dmexco nicht so ganz recht gemacht.

Wie groß darf die dmexco sein?

Wir bewegen Marken in die Tonne
Wir bewegen Marken in die Tonne

Bleiben die Online-Experten. Abgesehen davon, dass man es denen, die darüber schreiben, ohnehin kaum recht machen kann: sie hätten diskutieren wollen. Interaktiv. Ins Gespräch kommen mit Ihresgleichen. Und Werbungtreibenden. Neues entdecken oder entwickeln.

Das kann eine Messe nicht alleine schaffen. Mindestens müssten die Aussteller einige echte Innovationen zeigen. Einige Experten fordern den Blick über den Tellerrand des Online-Marketings auf das Internet of Things, Wearables – all das Neue, das derzeit entsteht.

Dabei ist die dmexco schon zu groß – so groß, dass es nahe liegen würde, sie in kleinere Events zu zerschlagen, die verteilt sind über das Jahr.

Innovations-Konferenzen gibt es allerdings schon, siehe Next Conference, re:publica, mlove oder die zahlreichen Themen-Barcamps.

Man darf nicht vergessen: dies ist die Messe der Online-Vermarkter. Sie verkaufen Werbeflächen. Sie waren Innovatoren im letzten Jahrhundert. Inzwischen wäre es vielen lieber, die Welt würde stehen bleiben mit den Marktanteilen, die sie derzeit haben.

Das Problem sollte man daher weder bei der Messe Köln, der dmexco und dem OVK suchen. Gefordert wäre der BVDW, ein Event in Deutschland für digitale Innovationen zu organisieren – so wie die CeBIT es in ihren Anfängen war. Und damit seinem Namen „Bundesverband Digitale Wirtschaft“ gerecht zu werden.

Die dmexco bleibt eine Rundumschlag-Bestandsaufnahme für Internet-Werbung. Und das macht sie in 2014 so groß wie selten zuvor.

Hier geht es zum Bericht über den zweiten Tag der Messe.

Über Ralf Scharnhorst

Ralf Scharnhorst

Scharnhorst Media entwickelt Marketing-Strategien und setzt sie um. Schwerpunkt ist die datengetriebene Mediaplanung. Seit 1996 hat Ralf Scharnhorst fast jeden Fehler miterlebt, den man im Online-Marketing machen kann - und hilft seinen Kunden dagegen. Er lehrt an der Macromedia Hochschule. Mit dem neuen Online-Marketing-Check erfährt jeder Werbungtreibende sofort, wo sein Optimierungspotential liegt.

3 Gedanken zu „dmexco zerschlagen? Bericht von Tag 1

  1. Ralf ScharnhorstRalf Scharnhorst Artikelautor

    Vielen Dank erst einmal für die qualifizierten Kommentare, die sich ja zum Glück weniger ironisch mit dem Thema auseinandersetzen als ich das gestern Abend in Bierlaune tat.

    Das zentrale Problem der Messe sehe ich in der Erwartungshaltung, allen gerecht zu werden. Das kann sie nicht – und darauf wollte ich hinweisen.
    Ich sehe die DMEXCO auf das Problem der CeBIT zusteuern: wer zu groß wird und alle Themen abdecken will, verliert an Relevanz für den einzelnen Fachbesucher.
    Und was ich sagen wollte, aber nicht klar rübergebracht habe: die DMEXCO macht einen phänomenal guten Job für den OVK. Aber der OVK will Banner verkaufen und kann nicht die gesamte digitale Wirtschaft repräsentieren.
    Weil es keine andere Leitmesse für die digitale Wirtschaft gibt, erwarten manche Besucher das von der DMEXCO.

    Den Erfolg der Messe kann ich ohnehin nicht kleinreden: sie hat es geschafft, europaweite Leitmesse für das Thema zu werden und genießt weltweites Ansehen.

    Wie viele Kunden oder „Entscheider“ nun wirklich da waren? Nur die Veranstalter werden es genau wissen.

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  2. drikkes

    Denke ähnlich. Die Werbetreibenden findest Du wohl kaum in den an die eigentliche Messe geklatschten Vorträgen, sondern in den Hallen bei den Ausstellern. Mehr könnten es wahrscheinlich schon gerne sein, es ist doch auch ein zu großes Stück weit brancheninterne Leistungsschau. Die kann sich allerdings noch so anstrengen, die Kreativen kämen doch nicht, da muß ich Dir zustimmen – die haben andere Spielplätze. Ob sie dort etwas bewegen/bewirken, ist eine andere Frage.

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  3. Hans

    Ja,

    früher als die Elite noch unter sich war.

    Hallo Ralf, das 20. Jahrhundert hat angerufen und hätte Dich gerne zurückgeholt.

    Die dmexco ist für Werbetreibende. Das ist das Publikum an die sie sich in erster Linie richtet. Diese haben die Möglichkeit alle Dienstleister die ihnen in irgendeiner Weise Reichweite oder Conversion liefern können nebeneinander zu begutachten und sich auf den neusten Stand zu bringen.

    Wenn früher alles besser war, dann geh halt wieder dorthin zurück. Wahrscheinlich dreht sich für Dich die Welt einfach zu schnell. Das arbeiten mit Konzepten und Ideen, geschätzen und irrelevanten Reichweiten ist vorbei. Wir leben in der Zeit der KPIs und dafür sind solche Leistungsshows unerlässlich.

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