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„Hätte nie erlaubt werden dürfen“ – Twitch stoppt Anti-Gewerkschaftswerbung von Mutterunternehmen Amazon

„Hätte nie erlaubt werden dürfen“ – Twitch stoppt Anti-Gewerkschaftswerbung von Mutterunternehmen Amazon

Niklas Lewanczik | 26.02.21

Auf der Streaming-Plattform Twitch liefen jüngst Ads von Amazon, die sich gegen eine Gewerkschaft beim Retail-Riesen aussprechen. Twitch hat diese nun entfernt und distanziert sich.

We really don’t need anyone coming in and telling us what they want to give us, because basically we have everything we need here.

Das sagt eine Amazon-Mitarbeiterin in einer der Ads des Unternehmens, die allesamt in dem Slogan „Vote no for the union“ enden. Die Werbung lief zuletzt auf der populären Streaming-Plattform Twitch, wurde dort jedoch nach kurzer Zeit wieder entfernt. Ein:e Sprecher:in des Unternehmens gab an, dass die Plattform keine politische Werbung dulde und dass diese Werbung niemals auf Twitch hätte erlaubt werden dürfen.

Amazon kämpft mit Ads gegen gewerkschaftliche Organisation

Mitarbeiter:innen des Amazon-Warenhauses am Standort Bessemer in Alabama in den USA können derzeit an einer Wahl teilnehmen, die darüber entscheidet, ob dieser Standort der erste von Amazon ist, der eine Gewerkschaftsvertretung erhält. Amazon hatte sich dagegen gewehrt, aber wie The Guardian berichtet, gab das National Labor Relations Board (NLRB) der USA den Organisator:innen der Wahl grünes Licht. So wurden ab dem 8. Februar Mails an Mitarbeiter:innen versendet, um die Wahl einzuleiten – diese soll am 29. März abgeschlossen sein.

Amazon hatte bereits im Vorfeld dieser Entwicklung gewerkschaftliche Bestrebungen des Personals zu unterdrücken versucht. Nun schaltete das Unternehmen sogar diverse Ads, um Mitarbeiter:innen davon zu überzeugen, sich gegen eine Gewerkschaftsvertretung auszusprechen. Auf dem Twitter Account der More Perfect Union sind zwei dieser Ads zu sehen. Darin erklären ein Mitarbeiter und eine Mitarbeiterin, wie gut es ihnen bei Amazon geht und dass der Einfluss der Gewerkschaft nicht nötig sei, womöglich sogar schädlich sein könnte:

Diese Werbung, die die Bestrebungen der Gewerkschaftsbefürworter:innen untergräbt und, mehr noch, Stimmung gegen diese macht, war sogar auf Twitch zu sehen, hätte dort aber laut Aussage des Unternehmens gar nicht laufen dürfen – obwohl es zu Amazon gehört. Man wolle, so wird ein Mitglied des Presse-Teams bei The Verge zitiert, den Evaluationsprozess zum Advertising auf der Plattform prüfen. Derlei Ads sollen in Zukunft nicht mehr auf Twitch laufen können. Der bekannte E-Sports Consultant Rod Breslau hatte via Twitter zuerst berichtet, dass Twitch die Werbevideos nach kurzer Zeit von der eigenen Plattform entfernt hatte:

Wahl mit Folgen? Amazon sieht keinen Grund für eine Gewerkschaft

Entscheiden sich die Mitarbeiter:innen des Standorts in Alabama schließlich für eine Gewerkschaftsvertretung, wäre das ein Einschnitt in der Geschichte des Unternehmens. Denn bisher gibt es eine solche Vertretung bei Amazon noch nicht. Schließlich lehnt das Unternehmen die gewerkschaftliche Einmischung rundheraus ab. Wie Heise berichtet, hatte Amazon gegenüber diversen Publishern bereits erklärt, dass es keinen Grund für eine Gewerkschaftsvertretung gäbe, weil das Unternehmen den Mitarbeiter:innen alles bieten könne, was eine Gewerkschaft auch möglich mache.

Auf die Benefits, den mit 15 US-Dollar pro Stunde vergleichsweise hohen Mindestlohn in den USA und andere Vorteile gehen auch die Mitarbeiter:innen in den Anti-Gewerkschafts-Ads ein. Allerdings werden häufig kritisierte Aspekte schlichtweg verdrängt. Dazu zählen kolportierte aufgezwungene Zehn-Stunden-Schichten oder eine ständige Überwachung der Lieferfahrzeuge via Kamera, von der The Information berichtet. Auch ungenügende Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Coronapandemie und zum Schutz des Personals wurden häufig öffentlich bemängelt. Gegenüber The Verge erklärte Stuart Appelbaum, Präsident der Retail, Wholesale and Department Store Union (RWDSU):

Amazon feels that it has to go to extremes like this in order to gaslight its workers about the dreadful working conditions at its Bessemer warehouse. Amazon is leaving no stone unturned – including ads on Twitch – in its efforts to deceive and intimidate their employees into voting against the union.

Diese Werbung ist nun bei Twitch nicht mehr zu sehen, aber die Kampagne gegen die internen Gewerkschaftsinteressen bei Amazon läuft weiter. Die Wahlbedingungen sind mindestens kritikwürdig.

+++ Update: Biden spricht sich gegen gewerkschaftsfeindliche Werbung von Amazon aus +++

Der amtierende US-Präsident Joe Biden richtete sich mittlerweile mit einem Video an die Amazon-Mitarbeiter:innen. In dem Clip spricht sich das Staatsoberhaupt für die Formung einer Gewerkschaft, die die Angestellten des E-Commerce-Konzerns vertritt, aus. Weiter verurteilte Biden die gewerkschaftsfeindlichen Ads von Amazon. Er erklärte:

I made it clear during my campaign that my policy would be to support unions organizing and the right to collectively bargain. I’m keeping that promise. […] There should be no intimidation, no coercion, no threats, no anti-union propaganda.

Weiter sagte Biden, dass die Entscheidung, eine Gewerkschaft zu formen und dieser beizutreten, unabhängig von ihm oder sonstigen äußeren Einflüssen getroffen werden sollte. Die Angestellten müssten ihre eigene Meinung zu diesem Thema entwickeln und diese mit ihrer Stimme vertreten. Das Unternehmen sollte sich laut US-Präsident in keinem Fall in diesen Entscheidungsprozess einmischen.

Ob sich die Mitarbeiter:innen von Amazon für oder gegen eine Gewerkschaft entscheiden werden, wird sich Ende März zeigen. Bis zum 29. haben die Angestellten noch Zeit, ihre Stimme abzugeben.

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