Social Media Marketing

Kunstprojekt: Kann Instagram Themen wie dem Holocaust Platz bieten?

„eva.stories“ lässt positive und negative Stimmen aufkommen. Es stellt die Frage, ob auch ernste Themen wie der Holocaust auf Social Media Platz finden.

© eva.stories - Instagram

Zum israelischen Holocaust-Gedenktag Anfang Mai veröffentlichten Mati Kochavi und seine Tochter Maya ein Projekt, das derzeit die Gemüter auf Social Media spaltet: eva.stories zeigt das Leben eines dreizehnjährigen jüdischen Mädchens im Jahr 1944. Das Besondere daran? Für das Video-Projekt wählten die Initiatoren des Projekts Instagram Stories als Format. Über dreieinhalb Monate nimmt Eva die mittlerweile 1,7 Millionen Zuschauer mit ihrem Smartphone mit. Die Videos lassen die Frage aufkommen, ob eine als oberflächlich geltende Plattform wie Instagram die richtige Bühne sein kann für eine Geschichte wie diese.

Eine wahre Geschichte – aber knapp 60 Jahre her

Die Geschichte basiert auf Eva Heymanns Tagebucheinträgen, die sie in den letzten Monaten ihres Lebens führte – beginnend an ihrem 13. Geburtstag. Eva war eine ungarische Jüdin, die 1944 von den Nazis in Auschwitz ermordet wurde. Zum Jom haScho’a, einem israelischen Gedenktag für die Opfer des Holocaust der Anfang des Monats stattfand, wurden die Stories auf dem eigens für das Projekt erstellten Account gepostet. Eva nimmt die Zuschauer mit durch ihr Leben als Teenager und nutzt dabei alle Funktionen, die Instagram heute in Stories bietet – inklusive Sticker, Umfragen oder Hashtags. Was zunächst nur seltsam in Verbindung mit dem damaligen Umfeld anmutet, wird schnell zur Geschmacksfrage. Während einige das Projekt als gelungen bezeichnen, halten andere es für geschmacklos und unangebracht.

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Eva.Stories Official Trailer

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Neues Format, alte Geschichte

Mehrere hundert Statisten wirkten an der Entstehung des Projekts mit, das Vater und Tochter komplett selbst finanziert haben und bei dem sie auch die Regie führten. Doch warum dieses Format? Das Format unterstützt die Unmittelbarkeit und Authentizität der Geschichte. Die Darstellerin Mia Quiney hat alle Stories selbst aufgenommen – hochkant und mit dem Smartphone.

Im digitalen Zeitalter, in dem die Aufmerksamkeitsspanne kurz und das Bedürfnis nach Nervenkitzel hoch ist, ist es extrem wichtig, neue Modelle der Zeugenaussagen und Erinnerung zu finden – auch angesichts der sinkenden Zahl von Holocaust-Überlebenden,

erzählt Matti Kochavi. Sie wären sich von Anfang an darüber im Klaren gewesen, dass es auch Kritiker des Projekts geben würde, sagte Maya Kochavi. Und mit der Wahl von Instagram als Plattform wollten sie keinesfalls Geschichtsbücher schlecht machen. Bücher, Museen und Geschichtsunterricht seien wichtig und nützlich, doch oft erreichen sie besonders junge Menschen nicht genug. Stattdessen wollte Matti Kochavi die jungen Leute über „ihre Sozialen Medien“ erreichen. Dazu passt das vertikale Format auf Instagram, denn das kennt das junge Publikum.

Das sagen die Kritiker

Natürlich ist es zunächst befremdlich, eine derart ernste Geschichte neben Werbeposts von Influencern und den neusten veganen Rezepten zu sehen. Die Soziologin Yifat Gutmann sagt über eva.stories: „Dieses Projekt geht einen eigenen, nichtstaatlichen Weg und richtet sich direkt an die Jugendlichen mit ihren Worten und ihrer Bildsprache. Abzuwarten bleibt, ob wirkliches Interesse geweckt wird oder das Thema zusammen mit anderen Informationen einfach vorbei zieht.“ Auch der Medienwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann weist auf die Gefahr des Mediums hin:

Die neuen Medien können die Geschichte des Holocaust auch banalisieren, sie zu einer von vielen machen.

Besonders auf Instagram, wo von Story zu Story geswiped und zum Zeitvertreib der Feed durchgescrollt wird, meist ohne Bildunterschriften zu lesen, ist die Befürchtung berechtigt, dass solch relevanter Content untergeht. Besonders weil Instagram als „Wohlfühl“-Plattform gilt, die, statt für Negativität, hauptsächlich Platz für positive Selbstdarstellung bietet. Doch die Abonnentenzahlen sprechen für sich und zeigen, dass ernster Content zumindest als Kunstprojekt auch auf Instagram Gehör finden kann. Auf die Kritik, dass das Medium nicht passend sei, kann nur so viel gesagt werden: Das Zielpublikum sind junge Leute – die Generation Z – die noch mehr als die Millennials mit ihrem Smartphone verwachsen ist, und diese empfinden das Format als ganz natürlich. Sie greifen auch so schon oft auf Instagram zurück, um Nachrichten zu erfahren.

Die Jugend ist heute auf Instagram, während die Jugend zu meiner Zeit Zeitungen las und Fernsehen schaute,

sagte Kochavi dem israelischen Fernsehen. Die Meinung der jungen Zuschauer scheint bis jetzt auch durchweg positiv auszufallen. Die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hatte mit der Produktion zu tun, aber ist der Meinung, dass die Nutzung sozialer Medien für das Gedenken „legitim und effektiv“ sind.

Ein Screenshot der Instagram Stories. © eva.stories – Instagram

Können die modernen Marketing-Kanäle auch anders?

Im Internet gibt es einen Platz für alles, es muss lediglich der Plattform gerecht werden. Ernste Themen werden als Challenges zum gutem Zweck verarbeitet (siehe Ice Bucket Challenge und Co.) und so kann auch die Geschichte des Holocaust, sofern dem Medium angepasst und ohne geschmacklos zu werden, in Social Media eine Plattform finden. Vielleicht können Projekte dieser Art mit dem richtigen Ansatz auch als Vorbild dienen und so zum Beispiel unangemessene Selfies vor Holocaust-Denkmälern unterbinden. Das Kunstprojekt des Berliner Satirikers Shahak Shapira prangerte vor zwei Jahren das allzu fröhliche Fotografieren meist junger Leute am Berliner Holocaust-Denkmal auf seiner Seite yolocaust.de an.

Ob es grundsätzlich richtig ist, Themen wie den Holocaust auf Instagram zu verarbeiten, darüber wollen wir hier gar kein Urteil fällen. Klar sollte jedoch sein, dass das Andenken an die Geschichte und die Opfer gewahrt werden muss, denn das Wissen stirbt langsam mit den letzten überlebenden Augenzeugen von damals. Eine im November 2018 von CNN durchgeführte Studie zum Antisemitismus in Europa zeigte auf, dass fünf Prozent der 18- bis 34-Jährigen in Deutschland noch nie vom Holocaust gehört hatten. Von den Schülern zwischen 14 und 16 Jahren wussten weniger als 50 Prozent, dass Ausschwitz ein Vernichtungslager war. Zahlen wie diese zeigen, wie groß der Handlungsbedarf ist. Welches Medium dafür genutzt wird, ist dabei nebensächlich. Den 1,7 Millionen Abonennten von eva.stories, ob nun positiver oder negativer Meinung zu dem Projekt, ist das Thema definitiv frischer im Kopf als anderen und das sollte alles sein, was zählt.

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