Dein wichtigster Touchpoint zur Digitalbranche.
Dein wichtigster Touchpoint zur Digitalbranche.
Unternehmenskultur
Wieso Corona zum Rückschlag für die Gleichberechtigung wird
© 🇨🇭 Claudio Schwarz | @purzlbaum - Unsplash

Wieso Corona zum Rückschlag für die Gleichberechtigung wird

Michelle Winner | 26.05.20

Home Office, Haushalt und Heimunterricht - diese Dreifachbelastung während der Pandemie wird vor allem für Mütter zum Karrierekiller.

In vielen Familien herrscht derzeit ein Dreiklang aus Home Office, Haushalt und Homeschooling. Dass damit Herausforderungen zusammenhängen, ist kein Geheimnis. Was jedoch neu ist: Scheinbar sorgt Corona für einen Rückschritt in Sachen Gleichberechtigung. Denn auch wenn beide Elternteile zu Hause sind, enden oft die Mütter als Koordinatoren und Kinderbetreuerinnen – auch wenn sie selbst berufstätig sind.

Corona als Karrierekiller für Mütter

Die Gleichberechtigung wird um 30 Jahre zurückgeworfen – so die wenig verheißungsvolle Phrophezeiung der Soziologin Jutta Allmendinger. Und damit scheint sie nicht falsch zu liegen, denn diverse Studien haben bereits die Folgen des Corona-Lockdowns insbesondere für Familien untersucht. Die Ergebnisse zeichnen ein ähnliches Bild ab: Die Coronapandemie kann für Mütter zum Karrierekiller werden. Erziehungswissenschaftlerin Anja Wildemann von der Universität Koblenz-Landau erläutert:

Es war schon vor dem Ausbruch der Pandemie so, dass Frauen, sobald sie Mütter werden, tendenziell beruflich eher zurückstecken als ihre Partner und sich deutlich stärker um Kinderbetreuung und Haushalt kümmern. Aber dass sich dieses Ungleichgewicht in dieser Ausnahmesituation derart verstärken würde, ist erschreckend.

Gemeinsam mit dem Psychologen Ingmar Hosenfeld befragte Wildemann über 4200 Eltern zu den Folgen des Lockdowns und insbesondere des Homeschoolings. Dabei stellte sie fest, dass in 80 Prozent der Fälle die Mütter die Rolle der Privatlehrerin übernehmen. Zusätzlich konnte ermittelt werden, dass bei 60 Prozent der Befragten drei Stunden pro Tag für den Heimunterricht in Anspruch genommen werden. Heißt, die meisten Mütter müssen sich trotz eigener Arbeit im Home Office zusätzlich alleine um die Bildung der Kinder kümmern, anstatt sich die Aufgabe mit dem Partner zu teilen. Wildemann stuft diese Entwicklung als „bedenklich“ ein:

Ich befürchte, dass unsere Gesellschaft in Bezug auf Gleichberechtigung und Chancengleichheit eben noch längst nicht so weit ist, wie wir das gerne hätten. Die Coronakrise hat damit im Grunde nur offengelegt, was vorher vielleicht noch stärker verdeckt geblieben ist.

Doppelbelastung führt zu Arbeitsunzufriedenheit bei Müttern

Eine weitere Studie des Berliner Wissenschaftszentrums für Sozialforschung (WZB) zeigt die Folgen der Doppelbelastung von Berufstätigen Eltern. Insgesamt wurden 13.000 Teilnehmer befragt. Das ernüchternde Ergebnis lautet, dass die Arbeitszufriedenheit der Eltern aufgrund des heimischen Corona-Dreiklangs gesunken ist. Besonders würden Mütter unter der Doppel-, beziehungsweise Dreifachbelastung aus Home Office, Haushalt und Heimunterricht leiden. Die Coronakrise verstärkt auch hierbei nur die Strukturen, die schon zuvor herrschten: Die Arbeit im Haushalt sowie die Kinderbetreuung werden zu rund zwei Dritteln von den Müttern übernommen.

Wenn die ganze Familie wegen Homeoffice und Homeschooling zu Hause ist und deshalb auch deutlich mehr Arbeit im Haushalt und bei der Betreuung anfällt, verschärft sich die Belastung gerade für Mütter, selbst wenn der Anteil an dieser unbezahlten Arbeit innerhalb der Familie konstant bleibt,

erklärt Mareike Bünning, Soziologin des WZB. Die Dauerbelastung würde zudem dazu führen, dass früher oder später ein Elternteil beruflich kürzertreten müsse. Bünning prognostiziert, dass es sich dabei vor allem um die Mütter handeln wird, da diese oft das geringere Gehalt verdienen oder aufgrund der Kinderbetreuung sowieso schon reduziert arbeiten würden.

Weitere Karrierehürde werden noch auf Mütter zukommen

Ein weiteres Problem derzeit ist, dass die Wirtschaft zwar wieder hochfährt, aber Schulen und Kitas – verständlicherweise – erst schrittweise wieder geöffnet werden. Kinderlose können in vielen Fällen wieder zurück an ihren Arbeitsplatz kehren, während viele Eltern, insbesondere Mütter, zwecks mangelnder Betreuungsmöglichkeiten ans Home Office gefesselt bleiben. Dadurch setzt sich für sie die Dreifachbelastung weiter fort. Eine Katastrophe für Einstellungs- und Aufstiegschancen, die nach der Geburt der Kinder sowieso schon schrumpfen, erklärt Bünning.

Die nächste Hürde wird die Erkältungssaison im Herbst sein. Es werden bis dahin immer noch Vorsichtsmaßnahmen bezüglich des Coronavirus herrschen und auch bei einfachem Husten und Schnupfen auf Nummer sicher gegangen werden. Heißt im Umkehrschluss, dass Eltern im Herbst wohl wieder öfter und länger zu Hause bleiben müssen, um ihre jüngeren Kinder zu betreuen, so die Soziologin.

Zerstört 2020 die Gleichberechtigung?

Die Coronakrise ist folglich ein großer Karrierekiller für berufstätige Mütter. Bünning gibt daher folgenden, wenig positiven Ausblick:

Für die beruflichen Perspektiven gerade von Müttern ist diese Krise ein großer Rückschlag. Junge Mütter, die jetzt in einer Phase stecken, in der sich ihre weitere Karriere entscheidet, werden momentan durch die Pandemie und ihre Folgen ausgebremst. Die Fortschritte, die erzielt wurden, lösen sich gerade in Luft auf. Und die Familien stehen mit dem Problem einmal mehr allein da.

Doch wie löst man die Misere nun? Schließlich gibt es gute Gründe, warum Kitas und Schulen nur langsam wieder zur Normalität zurückkehren können. Der wichtigste Schritt ist wohl, an die Gleichberechtigung innerhalb der Familie zu appellieren – heißt, dass Mutter und Vater die Dreifachbelastung gemeinsam stemmen und auch der Vater dazu bereit ist, beruflich zurückzustecken. Ein weiterer Appell muss an die Unternehmen gerichtet sein: Rücksicht und Verständnis für Eltern sollten während der anhaltenden Pandemie eine Selbstverständlichkeit sein. Zudem sollten Mütter vom Arbeitgeber nicht auf ihre Mutterrolle reduziert, sondern weiterhin als Talent mit Entwicklungspotenzial gesehen werden.

Interessant wäre an dieser Stelle sicherlich noch gewesen, den Umgang von gleichgeschlechtlichen Elternpaaren mit der Dreifachbelastung durch Corona zu untersuchen. Inwieweit die Prognosen der Studien zutreffen, wird sich in den nächsten Monaten zeigen. In Sachen Gleichberechtigung bleibt hierbei auf das Beste zu hoffen.