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Unternehmenskultur
Petition fordert Mindestlohn in Behindertenwerkstätten

Petition fordert Mindestlohn in Behindertenwerkstätten

Selina Beck | 15.08.22

Die Petition #StelltUnsEin des YouTubers Lukas Krämer fordert einen Mindestlohn für Menschen mit Beeinträchtigungen.

Ich habe 6,5 Stunden am Tag in einer Werkstatt gearbeitet. Diese Werkstattart macht in Deutschland acht Milliarden Umsatz im Jahr. Dennoch zahlt man mir und meinen Kolleg*innen für unsere Arbeit nur 1,35 Euro die Stunde.

So beginnt der YouTuber Lukas Krämer seine Petition #StelltUnsEin. Er fordert den Mindestlohn in Behindertenwerkstätten.

Durchschnittlicher Stundenlohn von 1,35 Euro

Menschen mit Beeinträchtigungen verdienen in den Werkstätten durchschnittlich nur 1,35 Euro pro Stunde. Der Mindestlohn, der aktuell bei 10,45 Euro brutto in der Stunde liegt, gilt für Menschen mit Beeinträchtigungen, die im Arbeitsbereich einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) beschäftigt sind, nicht. Dies führt bei einem Vollzeitjob zu einem Gehalt von rund 220 Euro im Monat. In Deutschland arbeiten etwa 320.000 Menschen mit Beeinträchtigung in den WfbM.

Petition hat bereits über 182.000 Unterstützer:innen

Der erfolgreiche YouTuber und Inklusionsaktivist Lukas Krämer erkrankte mit fünf Jahren an einer Hirnhautentzündung und arbeitete nach seiner Schulausbildung in einer WfbM. Heute ist er als Social-Media-Experte bei der Bundestagsabgeordneten Corinna Rüffer tätig.

© Kununu

Lukas Krämer weist darauf hin, dass Menschen mit Beeinträchtigungen von ihrem Gehalt nicht leben können und deshalb die Grundsicherung des Staates benötigen. Er übt deshalb scharfe Kritik an der niedrigen Bezahlung von Beschäftigten in Werkstätten:

Das kann man mit uns machen, weil wir eine Behinderung haben.

Seine Petition hat bereits über 182.000 Unterschriften erhalten.

Probleme beginnen bereits in der Ausbildung

Im Interview mit Kununu schildert der Aktivist, dass die Ursachen für die erschwerte Teilnahme am Arbeitsmarkt von Menschen mit Beeinträchtigungen bereits in der Ausbildung liegen. Denn oft würden Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung in die Förderschule geschickt werden. Ohne Schulabschluss seien die Chancen auf einen Job dann auch dementsprechend gering.

Es gibt keine Strukturen, um behinderte Menschen in den ersten Arbeitsmarkt zu bringen. Die Vermittlungsquote liegt bundesweit bei knapp einem Prozent. Die Werkstätten sind mit dem Inklusionsgedanken derzeit nicht vereinbar.

Der YouTuber fordert deshalb bessere staatliche Regularien.

Finanzielle Unterstützung für barrierefreie Arbeitsplätze

Die Gestaltung von barrierefreien Arbeitsplätzen ist ein wichtiger Bestandteil der Inklusion. Laut Kununu führen allerdings fast 70 Prozent der Arbeitgeber:innen-Profile auf ihrer Plattform die Barrierefreiheit nicht an. Für Lukas Krämer beginnt Barrierefreiheit bei der Zugänglichkeit.

So gebe es die Möglichkeiten, Pkw-Stellplätze in der Nähe des Gebäudeeingangs für das Ein- und Ausladen von Rollstühlen sowie Fahrstühle für Menschen mit Gehbeeinträchtigungen anzubieten. Auch spezielle Software-Funktionen, die zum Beispiel die Bildschirmvergrößerung ermöglichen, seien sehr wichtig.

Zudem weist der YouTuber auf die finanziellen Förderungen hin, die Arbeitgeber:innen vom Staat erhalten, wenn sie die betriebliche Integration von Menschen mit Beeinträchtigung verbessern. Auch für die behindertengerechte Aus- und Weiterbildung von Menschen mit Beeinträchtigungen würden Zuschüsse gewährt. Die Anträge können bei der Bundesagentur für Arbeit gestellt werden.

Diskussion um die Abschaffung der Werkstätten

Behindertenwerkstätten stehen schon länger stark in der Kritik, da ihnen schlechte Bezahlung und mangelhafte Inklusion vorgeworfen wird. Kritiker:innen plädieren deshalb für die Abschaffung der Werkstätten. So erklärt die Grünen-Politikerin Katrin Langensiepen, die als Abgeordnete im Europaparlament tätig ist, dass Deutschland beim Thema Inklusion europaweit schlecht abschneide.

Das Recht von Menschen mit Beeinträchtigungen auf selbstbestimmte und ausreichend bezahlte Arbeit werde in Deutschland nicht genügend umgesetzt, obwohl die UN-Behindertenrechtskonvention das seit mehr als einem Jahrzehnt fordere. Ein Teil des Problems sind laut der Politikerin auch Behindertenwerkstätten.

Befürworter:innen der WfbM weisen auf ihre besondere Schutzfunktion hin. So fragt der Geschäftsführer der Werkstätten Hainbachtal, Frank Hofmann: „Was passiert mit den Menschen, die nicht stark genug sind, die sich nicht so artikulieren können, die vielleicht nicht diese Leistung erbringen können? Haben die auch einen Platz in der Gesellschaft?“ Dennoch sieht auch er die Notwendigkeit, dass sich Werkstätten weiterentwickeln und reformieren müssen und auch die Bezahlung transparenter sein müsse.

Bald könnte es zu einer Reform des Systems kommen, denn die Ampelkoalition plant im Koalitionsvertrag, die Angebote der Werkstätten stärker auf Inklusion und mit Blick auf den allgemeinen Arbeitsmarkt auszurichten.

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