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Unternehmenskultur
So wird die LGBTQ+ Community im Arbeitsalltag diskriminiert – und so geht man dagegen vor
© Tristan Billet - Unsplash

So wird die LGBTQ+ Community im Arbeitsalltag diskriminiert – und so geht man dagegen vor

Michelle Winner | 05.06.20

Passend zum Pride Month zeigen Studien, dass Diversität immer noch nicht zur Normalität im Job gehört. Umso wichtiger ist, ein Bewusstsein für die Thematik zu schaffen.

Sexualität und Geschlechtsidentität haben am Arbeitsplatz nichts verloren? Unsinn. Das Privatleben von Mitarbeitern ist schon lange kein Tabuthema mehr bei der Arbeit. Das geht schon mit der simplen Frage nach dem letzten Wochenende los. Während Heterosexuelle oft kein Problem damit haben zu sagen, dass sie mit ihrem Partner oder der Partnerin unterwegs waren, gibt es für queere Menschen hier oft eine Hemmschwelle. Sie haben Angst vor dem Coming-Out am Arbeitsplatz – ganz besonders vor dessen Folgen. Denn trotz aller Berichte darüber, wie wichtig Diversität für Arbeitsteams ist, gibt es noch vielen Unternehmen Diskriminierung. Deshalb und anlässlich des Pride Months, der immer im Juni stattfindet, möchten wir ein Bewusstsein für die Thematik schaffen. Denn das Thematisieren ist ein wichtiges Instrument in Kampf gegen Diskriminierung.

Zwei Drittel verheimlichen ihre Queerness am Arbeitsplatz

Auch wenn Teile unserer Gesellschaft immer offener werden, gehören Genderdiversität und unterschiedliche sexuelle Orientierungen noch lange nicht zur Normalität im Alltag. Und während Heterosexuelle oft kein Geheimnis aus ihrer Orientierung machen, herrscht bei der LGBTQ+ Community oft Angst vor dem Coming Out am Arbeistplatz. Einer Studie der Boston Consulting Group zu Folge legen in Deutschland nur 37 Prozent ihre Sexualität gegenüber den Arbeitskollegen offen. Doch wieso nur so wenige? Tatsächlich wären 88 Prozent für ein Coming Out am Arbeitsplatz bereit, 38 Prozent glauben sogar, dass ihr Leben dadurch einfacher werden würde. Jedoch glauben 22 Prozent, dass das Outing ein Karriererisiko darstellt. Transgender outen sich sogar noch seltener vor ihrem Team. Studienautorin Annika Zawadzki erklärt zusätzlich:

Neben Gehalt und Standort achten LGBT-Talente bei der Wahl des Arbeitgebers vor allem auf eine LGBT-freundliche Unternehmenskultur. Dazu zählt, dass Unternehmen eine Antidiskriminierungsrichtlinie befolgen und LGBT-Mitarbeiter nicht in Ländern arbeiten müssen, in denen Homosexualität strafrechtlich verfolgt wird. Zudem ist den deutschen Studienteilnehmern ein lebendiges LGBT-Netzwerk wichtig, das Mitarbeiter zusammenbringt und LGBT-Karrieren aktiv fördert. Wenn Unternehmen es noch nicht getan haben, sollten sie jetzt bei diesen Themen ansetzen.

Eine Online-Befragung von YouGov mit 1.032 Teilnehmern der LGBTQ+ Community zeigt, dass tatsächlich jeder Vierte schon einmal mit Diskriminierung am Arbeitsplatz zu tun hatte. Dennoch sind 85 Prozent überzeugt davon, dass ihr Arbeitgeber ein inklusives Arbeitsumfeld für wichtig, sehr wichtig oder äußerst wichtig hält. Jedoch hapert es an der Umsetzung: So geben 27 Prozent an, dass ihr Unternehmen keine strengen Antidiskriminierungsrichtlinien hat. Das Resultat davon ist, dass 23 Prozent bereits aufgrund ihrer Sexualität oder Gender Identity benachteiligt wurden. Hier einige Beispiele für die Diskriminierung:

  • Witze oder sexualisierte Kommentare – 46 Prozent
  • Andere Behandlung nach dem Outing bis hin zur Ausgrenzung – 28 Prozent
  • Mobbing – 28 Prozent
  • Beleidigungen – 24 Prozent

Die Gesellschaft ist weniger offen, als sie sich gibt

Insgesamt haben zwölf Prozent der Befragten schon aufgrund von Diskriminierung ihren Arbeitsplatz gewechselt. Dieses traurige Ergebnis zeigt, dass es ein Gefälle zwischen theoretischer Offenheit und tatsächlicher Offenheit in unserer Gesellschaft gibt. Statt auf Akzeptanz stoßen Mitglieder der LGBTQ+ Community auf schiefe Blicke, Ablehnung oder werden sogar belächelt – auch am Arbeitsplatz. Axel Hochrein, Mitglied im Bundesvorstand des Lesben- und Schwulenverbandes (LSVD), erklärt:

Ob das Familienfoto auf dem Schreibtisch, der Small Talk über die Urlaubspläne mit der Partnerin oder die Einladung für den Partner zur Betriebsfeier – Heterosexuelle sprechen am Arbeitsplatz so selbstverständlich wie unbewusst über ihre sexuelle Herkunft . Obgleich immer mehr Lesben, Schwule und Bisexuelle diese Offenheit für sich ebenfalls in Anspruch nehmen, müssen sie leider weiterhin mit negativen Reaktionen rechnen.

Neben Mobbing und Beleidigungen beklagen sich viele LGBTQ+ Mitglieder darüber, dass sie nach ihrem Outing am Arbeitsplatz angestarrt oder sogar sexuell belästigt werden. Ganz besonders scheinen außerdem Transgender leiden zu müssen: Mehr als ein Viertel berichtet hier von Jobabsagen oder Kündigung, Hinzu kommt, dass sich bei 20 Prozent der Betroffenen das Unternehmen weigert, Dokumente, Signaturen oder Namensschilder anzupassen. 27 Prozent wird sogar die Wahl verwehrt, welche Toilette sie benutzen dürfen. Und so ist es wenig verwunderlich, dass knapp 70 Prozent der Trans-Mitarbeiter ihre Gender Identity vor den Kollegen geheimhalten. Eine traurige Zahl, besonders wenn man bedenkt, dass die Selbstmordrate bei Transgendern besonders hoch ist. Grund dafür ist die psychische Belastung, die mit dem Verstecken der eigenen Identität einhergeht.

Wie können Offenheit und Diversität gefördert werden?

Die Antwort auf diese Frage sollte ganz einfach sein, ist sie für viele jedoch nicht. Dabei gibt es viele Mittel und Wege, wie ein Bewusstsein für die Probleme der LGBTQ+ Community geschaffen werden kann. Die folgenden Hinweise sollen sowohl die Diversität innerhalb von Unternehmen fördern, als auch die Offenheit der Mitarbeiter:

  • Legt Antidiskriminierungsrichtlinien fest, kommuniziert diese mit den Mitarbeitern und nehmt Beschwerden über Verstöße ernst
  • Bekennt als Unternehmen offen Farbe – beteiligt euch an Aktionen zum Pride Month und macht auch abseits dessen deutlich, dass ihr ein Safe Space für die LGBTQ+ Community seid
  • Geht aktiv gegen Diskriminierung vor und schreitet ein, wenn ihr diese live miterlebt
  • Legt schon beim Einstellungsprozess wert auf Diversität – je diverser ein Team, desto weniger Diskriminierung und desto effektiviere Problemlösungsprozesse
  • Bildet euch: Setzt euch mit dem Thema Queerness auseinander und versucht Probleme zu verstehen, anstatt sie kleinzureden oder zu belächeln
  • Akzeptiert die Tatsache, dass es mehr Gender gibt als männlich und weiblich
  • Verklemmt euch „lustig gemeinte“ Kommentare oder Witze – diese sind meistens nicht lustig
  • Fragt eure LGBTQ+-Kollegen nicht, ob sie mal was von euch wollten – schwul sein bedeutet zum Beispiel nicht, dass man jeden Mann anziehend findet
  • Seht die Sexualität oder Gender Identity nicht als Phase desjenigen an und spart euch auch Sätze oder Gedanken wie: „Die Lesbe lässt sich schon umdrehen, wenn sie ’nen richtigen Mann hat“
  • Seht Vorurteile nicht als Norm und fragt beispielsweise Homosexuelle nicht, wer denn der Mann und wer die Frau in der Beziehung wäre
  • Behandelt eure Kollegen nach dem Outing so wie vorher – es macht keinen Unterschied, ob Sabine einen Thomas oder eine Lisa liebt
  • Reflektiert euer eigenes Verhalten. Stellt ihr fragwürdige Handlungen fest, arbeitet an euch und macht es beim nächsten Mal besser

Die Liste ist noch lange nicht vollständig, doch die meisten von euch dürften verstehen, worauf sie hinaus will. Neben leben und leben lassen sollte in unserer Gesellschaft auch lieben und lieben lassen gelten. Die Sexualität oder Gender Identity einer anderen Person schadet euch nicht und niemand hat es verdient, aufgrund dessen ausgeschlossen zu werden. In diesem Sinne bleibt zu hoffen, dass mehr und mehr Bewusstsein für die Thematik geschaffen wird und die Zahlen aus den Studien sich schon bald ins Bessere entwickeln.

frage am 09.06.2020 um 09:50 Uhr

„Witze oder sexualisierte Kommentare – 46 Prozent“
Wir machen ständig Witze über jeden von uns, inklusive Selbstironie.

Sehr gut, man darf jetzt nur noch Witze machen in denen LBGTQ Leute nicht mit einbezogen sind. Will man denn gleich behandelt werden oder nicht?
Oder ist das Ziel einfach komplett Witze am Arbeitsplatz zu verbieten?

Antworten
Niklas Lewanczik am 09.06.2020 um 10:24 Uhr

Hallo,

das von dir zitierte Beispiel zeigt einen Ausschnitt aus der Studie, bei der „Witze oder sexualisierte Kommentare“ als Diskriminierung empfunden wurden. Es steht demnach nicht zur Debatte Witze abzuschaffen, vielmehr wird darauf aufmerksam gemacht, dass einige Witze sowie sexualisierte Kommentare diskriminierend sein können. Es ist sicherlich völlig in Ordnung, selbstironisch Witze am Arbeitsplatz zu machen, wenn alle Beteiligten sich damit wohlfühlen (obwohl eine Reproduktion von überholten Vorstellungen zumindest diskutabel sein mag). Das im Text angeführte Beispiel impliziert aber, dass Witze über Personen gemacht werden, und zwar aufgrund einer persönlichen Orientierung.
Gerade Humor ist ein schmaler Grat in diesem Kontext. Aber ein Witz darf kein Deckmantel für Diskriminierung sein. Die suggerierten Pauschalisierungen im Kommentar werden den individuellen Interessen und Empfindungen, die bei einem so ernsten Thema beachtet werden sollten, nicht gerecht.

Beste Grüße

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