Human Resources
„Unbewusste Bias tief im Recruiting verwurzelt“ – Insights von Sarah Ben Allel zum Diversity Day

„Unbewusste Bias tief im Recruiting verwurzelt“ – Insights von Sarah Ben Allel zum Diversity Day

Niklas Lewanczik | 19.05.26

Sarah Ben Allel ist Chief People Officer bei Qonto, hat 2025 über 400 Leute eingestellt und weiß, dass Diversity Recruiting oft an Lippenbekenntnissen scheitert. Wie es anders geht, erklärt sie in unserem Interview zum Diversity Day 2026. Immerhin hat Qonto selbst eine 50/50-Parität im Executive Team.

Der 19. Mai markiert in Deutschland den Diversity Day. Er soll auf die Vielfalt in der Arbeitswelt verweisen, ihre Vorteile und ihre Notwendigkeit. Dieser Deutsche Diversity Day wird seit 2012 vom Verein Charta der Vielfalt e. V. initiiert und findet in vielen Unternehmen und Institutionen Raum.

Allerdings hat der Aktionstag auch eine mahnende Funktion, da Diversity in vielen Unternehmen noch immer als Randphänomen behandelt wird – wenn überhaupt. Während große Unternehmen wie Google in den USA ihre DEI-Strategien zurückfahren und manch politischer Kurs – auch hierzulande – die Vielfalt im Arbeitsraum und darüber hinaus in Bedrängnis zu bringen versucht, sind laute und bunte Hinweise auf den Mehrwert der Diversity wichtiger denn je. Deshalb haben wir Sarah Ben Allel einige Fragen zum Thema Diversity im Recruiting gestellt. Als Chief People Officer der Online-Finance-Plattform Qonto setzt sie sich gemeinsam mit ihrem Team mit über 60.000 Bewerbungen im Jahr auseinander. Sie ist Expertin für Recruiting und Leadership, weiß aber auch um die Relevanz von Zahlen, da diese oft markante Geschichten erzählen. Passend dazu läuft derzeit Qontos deutschlandweite Kampagne „Own your numbers“, die Unternehmen dazu animieren soll, Geschichten mit Zahlen zu erzählen.

Das funktioniert ebenfalls im HR-Kontext. Im Interview erklärt Sarah Ben Allel nicht zuletzt anhand von Zahlen, wieso strukturelle Hürden für Frauen ein Kernproblem vieler Branchen sind, wie sich Bias reduzieren lässt und wie sie und Qonto Recruiting 2026 denken. Dabei ist auch klar, dass Diversität im Arbeitsumfeld zu besseren Ergebnissen führt, ganz nach dem Motto des Deutschen Diversity Days 2026:

Wenn Vielfalt gewinnt, gewinnen wir alle.

Das Interview

Sie waren 2017 die erste Mitarbeiterin in der Personalabteilung bei Qonto. Wie erlebten Sie diese Zeit und den Aufbau des Bereichs?

    Als ich 2017 als Early Employee kurz nach der Gründung zu Qonto dazu gestoßen bin, war das Unternehmen gerade erst wenige Monate alt. Die HR-Abteilung war demnach noch ein unbeschriebenes Blatt und genau darin lag für mich und uns damals die einmalige Chance, DEI von Anfang an als Grundprinzip im Unternehmen zu verankern, statt es später erst nachzurüsten. Genau das war auch unser Anspruch vom ersten Tag an: keine nachträglichen Korrekturen, sondern eine Kultur und Prozesse, die Diversität von Beginn an als selbstverständlich behandeln.

    Welche Erfahrungen haben Sie in der HR-Branche gesammelt? Wie haben Sie die Recruiting-Prozesse erlebt insbesondere in Hinblick auf Diversity? 

      Was mich immer wieder überrascht ist, wie tief unbewusste Bias in den meisten Recruiting-Prozessen steckt; in Stellenausschreibungen oder in der Zusammensetzung von Interview Panels. Das ist keine Ausnahme, das ist die Regel. Bei Qonto haben wir deshalb früh entschieden, konsequent auf strukturierte Prozesse zu setzen. Wir rekrutieren ausschließlich nach Skills, und unsere Interview Panels sind bewusst divers zusammengestellt. Weil wir überzeugt sind, dass unterschiedliche Perspektiven zu besseren Entscheidungen führen.

      Wie ausgeprägt ist Diversity in HR-Prozessen generell? Welche strukturellen Prozesse müssen sich hier noch verändern?

        Man merkt auf jeden Fall, dass die Überzeugung für Diversität bei vielen Unternehmen da ist. Das größte Problem daran ist aber, dass Überzeugung alleine nicht ausreicht. Diversität wird oft als Haltungsfrage behandelt, dabei geht es um viel mehr als gute Intentionen. Es geht vor allem darum, die richtigen Strukturen zu schaffen und dafür braucht es auch messbare KPIs, Accountability und regelmäßiges Reporting. Dabei geht es auch darum, DEI sichtbar zu machen, mit klaren internen Richtlinien, externen Partnerschaften und einer Kultur, in der sich alle Mitarbeitenden willkommen und unterstützt fühlen.

        Es gibt schon verhältnismäßig kleine Hebel, die dabei große Wirkung zeigen können: Zum Beispiel dürfen Bias Trainings keine HR-interne Angelegenheit bleiben. Bei Qonto stellen wir dafür das Diversity Fresco bereit, das von ESSEC und Belugames entwickelt wurde. Wir halten außerdem offene Workshops und Konferenzen sowie Trainings zu unbewussten Vorurteilen und Allyship für alle Mitarbeitenden. Die Idee dahinter ist, dass Jede:r im Unternehmen in der Lage sein soll, eigene unbewusste Vorurteile zu erkennen und aktiv dagegenzuwirken.

        Sarah Ben Allel

        Wie bewerten Sie die Rolle von Frauen in Führungspositionen in der Tech-Branche? Warum scheitern so viele DEI-Initiativen in der Tech-Branche (auch mit Blick auf US-zentrierte Konzerne)?

          In vielen Unternehmen war Diversity im Recruiting lange ein Lippenbekenntnis; schöne Worte, aber keine strukturellen Maßnahmen. Das Scheitern von DEI-Initiativen hat deshalb meistens denselben Grund: Es fehlt das Durchhaltevermögen. 

          Viele Unternehmen starten mit guten Absichten, aber DEI lässt sich eben nicht in einer einzigen Kennzahl messen. Es gibt nicht die eine Statistik, die sagt: „Wir sind 50 Prozent gewachsen, weil unser Team divers ist.“ Das verführt dazu, nur in kurzfristigem ROI zu denken und DEI beim ersten Gegenwind wieder zu streichen. Dabei sieht man den Unterschied ganz klar, wenn man diverse Teams mit weniger diversen vergleicht: mehr Kreativität, bessere Entscheidungen, höhere Resilienz. Laut Grant Thornton berichten fast 25 Prozent der Unternehmensführer:innen, dass Gender-Diversity-Strategien ihre Innovationskraft direkt gesteigert haben.

          Kann in naher Zukunft eine Parität im Bereich Leadership erreicht werden, wenn beispielsweise nur 3,8 Prozent der Vorstandsvorsitzenden in Börsenunternehmen hierzulande Frauen sind?

            Nicht ohne strukturellen Wandel. Parität entsteht nicht durch Absichtserklärungen, sie ist das Ergebnis von konsequenten Maßnahmen über viele Jahre. Aber dass es möglich ist, zeigt Qonto: Wir haben heute 45 Prozent weibliche Belegschaft und eine echte 50/50-Verteilung in unserem Executive Team.

            Wir streben Parität nicht deshalb an, weil sie auf dem Papier gut aussieht. Wir tun es, weil wir überzeugt sind, dass es unsere Verantwortung als Arbeitgeber ist, und, offen gesagt, auch eine Frage der Integrität. Eine diverse Belegschaft vereint unterschiedliche Perspektiven, Hintergründe und Denkweisen, und das wiederum führt zu besseren und innovativeren Entscheidungen.


            Anteil von arbeitenden Müttern und Vätern mit Kindern unter 3 Jahren immer noch ungleich verteilt

            Mutter mit Kindern
            © Alexander Dummer – Unsplash


            Sehen sie einen Zusammenhang zwischen Diversität und Business Performance? Wie würden Sie ihn beschreiben?

              Auf jeden Fall. Diverse Teams treffen bessere Entscheidungen, weil sie mehrere und unterschiedliche Erfahrungen, Sichtweisen und Denkweisen mit in den Prozess einbringen. Mehr Perspektiven bedeuten stärkere Ideen, höhere Kreativität und letztlich eine resilientere Organisation. Hinzu kommt der Vorteil im War for Talent: Unternehmen, die Diversität ernst nehmen, ziehen einen größeren Talentpool an und halten ihre besten Leute länger. Ich erlebe das auch ganz konkret im Alltag bei Qonto: Wenn unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen an einem Tisch sitzen, kommen bessere Lösungen raus. Das ist kein Zufall.

              Am 19. Mai ist der Deutsche Diversity-Tag. An diesem bundesweiten Aktionstag soll die Vielfalt in der Arbeitswelt sichtbar gemacht werden. Der Monat Mai gilt als der europaweite Diversity Month. Was bedeuten diese Aktionszeiträume für die gesamte HR-Branche und Sie persönlich?

                Ich finde diese Aktionszeiträume super wichtig, aber ich bin auch der Meinung, dass Sichtbarkeit allein nicht reicht. Die eigentliche Arbeit passiert die anderen elf Monate des Jahres über und entscheidet in ganz konkreten Momenten: Wer wird befördert? Wen laden wir zum Interview ein? Wo setzen wir unser Budget ein? Für mich persönlich sind diese Tage ein Anlass zur Reflexion, aber auch eine Erinnerung daran, wie viel noch zu tun ist. Diversity ist bei uns kein Aktionstag, sondern das Grundprinzip jeder unternehmerischen Entscheidung, die wir treffen. Verankert in Prozessen, Partnerschaften und unserer täglichen Unternehmenskultur.

                Ihr Unternehmen hat sich zum Ziel gesetzt, eine Parität von 50 Prozent Frauenanteil zu erreichen. Wie wollen Sie das erreichen?

                  Unser Ziel ist es nicht, um jeden Preis eine Parität von 50 Prozent zu erreichen. Denn unterschiedliche Bereiche stehen vor sehr unterschiedlichen strukturellen Herausforderungen. Gerade in technischen Funktionen zeigt sich ein branchenweites Problem besonders deutlich: Frauen machen europaweit nur rund 19 Prozent der Beschäftigten in zentralen Tech-Rollen aus. Umso wichtiger ist es, gezielt dort anzusetzen, wo die größten Hürden bestehen. Unser Fokus liegt deshalb darauf, gezielte Maßnahmen dort umzusetzen, wo sie am wichtigsten sind. Zum Beispiel mehr Frauen für technische Positionen zu gewinnen und ihnen auf allen Ebenen der Organisation gleiche Chancen auf Führungspositionen zu ermöglichen. Es geht also nicht um das Erreichen einer bestimmten Quote. Es geht darum, die strukturellen Hürden abzubauen, die Frauen noch immer den Zugang zu diesen Bereichen und den Aufstieg darin erschweren.

                  Bei Qonto machen wir das, indem wir das Problem an der Wurzel packen. Zum Beispiel durch Partnerschaften wie mit der Ada Tech School, die Frauen gezielt für Tech-Rollen qualifiziert, und mit Becomtech, das durch Immersionsprogramme Frauen einen echten ersten Einblick in die Branche ermöglicht. Intern gibt es unsere Employee Resource Group Women@Qonto, die Female Empowerment aktiv fördert und Frauen und Allies die Gelegenheit ihre Perspektiven zu teilen. Und ein Thema, das mir besonders wichtig ist: unsere Elternzeitpolitik. Echte Parität sitzt nämlich nicht nur im Büro; sie beginnt auch damit, dass alle Eltern gleichermaßen die Möglichkeit haben, Zeit mit ihren Kindern zu verbringen, ohne dass es sie ihre Karriere kostet.

                  Welche Ratschläge würden Sie Unternehmen bei HR-Prozessen für mehr Diversity geben?

                  Der wichtigste Rat, den ich geben kann: bei den Strukturen anfangen. Bias wird niemals komplett verschwinden, aber er lässt sich mildern durch Prozesse, die Mitarbeitende entsprechend sensibilisieren und verhindern, dass Vorurteile überhaupt Teil von Entscheidungsprozessen werden. Das kann bedeuten, Bias Trainings für alle zugänglich zu machen. Oder auch Partnerschaften einzugehen, die DEI über das eigene Unternehmen hinaus voranbringen. Und vor allem sollte man sich messbare Ziele setzen, denn was nicht gemessen wird, verändert sich auch nicht.


                  Wir danken Frau Sarah Ben Allel herzlich für die Insights im schriftlichen Interview – kuratiert von Selina Beck.


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