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Human Resources
Längst überholte Tradition? Wer ein Anschreiben in der Bewerbung verlangt, verliert Talente

Längst überholte Tradition? Wer ein Anschreiben in der Bewerbung verlangt, verliert Talente

Michelle Winner | 17.02.22

Sind Anschreiben ein Ärgernis? Ja, wenn man den Meinungen vieler Personaler:innen glaubt. Eine aktuelle Studie zeigt nun sogar, dass das Schreiben Bewerber:innen abschreckt.

Das Anschreiben ist zwar schon lange fester Bestandteil bei vielen Bewerbungen, steht aber seit einigen Jahren auch in der Kritik. Viele Personaler:innen haben nicht die Zeit, das Schreiben intensiv zu lesen und überfliegen es nur – wenn überhaupt. Außerdem sind viele Anschreiben nicht aussagekräftig, weil sie aus einer Aneinanderreihung aus Floskeln bestehen oder der Lebenslauf wiedergekäut wird. Inzwischen heißt es, Anschreiben seien out. Und trotzdem werden sie in der Vielzahl von Stellenausschreibungen verlangt. Dass das im War for Talents sogar ein Nachteil für Unternehmen sein kann, zeigt eine aktuelle Studie von Joblift.

Anschreiben schreckt Bewerber:innen ab

Im Rahmen der Studie wurden 1.050 Bewerber:innen zu ihren Erfahrungen bei Bewerbungsprozessen befragt. Eines der größten Ärgernisse stellt für die Befragten das Anschreiben dar, denn 37 Prozent geben an, dass es ihnen schwerfällt, ein solches zu formulieren. Bei den jungen Talenten im Alter von 18 bis 29 Jahren sind es sogar 54 Prozent. Die Aversion gegen das Anschreiben geht sogar so weit, dass 32 Prozent der Befragten angeben, sie würden sich öfter bewerben, wenn es nicht verlangt werden würde. Bei den jungen Talenten sehen das ganze 52 Prozent so.

Für Unternehmen heißt das im Umkehrschluss, dass Anschreiben potentielle Bewerber:innen abschrecken können. Deshalb sollte gut überlegt sein, ob diese wirklich relevant zum Kennenlernen der Kandidat:innen sind, oder nur eine Tradition, die man „eben so weiterführt“. Ist das Anschreiben lediglich eine Formsache, wird es schnell zum Ärgernis für Personalabteilung und Bewerber:innen, schließlich nimmt die Bearbeitung auf beiden Seiten viel Zeit in Anspruch. Und so ist es kein Wunder, dass Jobsuchende ab einer bestimmten Anzahl an Bewerbungen nach dem Copy-and-Paste-Prinzip vorgehen, anstatt für jede Stelle ein individuelles Schreiben anzufertigen – was dann wiederum negativ von den Unternehmen ausgelegt werden kann, obwohl diese sich das Anschreiben gar nicht richtig durchlesen. Ein Teufelskreis.

Die Probleme mit dem Anschreiben

Apropos Copy-and-Paste: Laut der Studie kopieren 21 Prozent der Befragten ihr erstes Anschreiben und ändern lediglich Kontaktperson und Anschrift und 26 Prozent recyceln mindestens die Hälfte von bereits angefertigten Texten. Die Schwierigkeiten beim Formulieren sowie der generelle zeitliche Aufwand, wenn mehrere Bewerbungen geschrieben werden, führen dazu, dass sich viele Kandidat:innen nur wenig Zeit für das unliebsame Anschreiben nehmen. 30 Prozent schreiben es innerhalb einer halben Stunde, 35 Prozent investieren 30 bis 60 Minuten und 20 Prozent brauchen etwas mehr als eine Stunde.

Inhaltliche Formulierungsprobleme sind der Hauptgrund für die Abneigung gegen das Anschreiben. Am meisten wurden von den Befragten die folgenden Punkte benannt: Probleme damit, die eigenen Vorteile gegenüber der Konkurrenz herauszustellen (86 Prozent), den eigenen Nutzen für das Unternehmen zu erklären (81 Prozent), die Wahl des Unternehmens zu begründen (77 Prozent) und die Gehaltsvorstellungen anzugeben (74 Prozent). Formale Probleme (Orhtographie, Grammatik, Dokumente zusammentragen) sind hingegen kein Hindernis für den Großteil der Befragten. Tobias Welzel, CCO bei Joblift, kommentiert die Ergebnisse wie folgt:

Unsere Zahlen zeigen: Auf ein Bewerbungsanschreiben zu bestehen, wirkt dabei wie ein Bremsklotz für die eigene Mitarbeitersuche. Gerade in Branchen, in denen Unternehmen vom aktuellen Mangel an Arbeitskräften betroffen sind, ist es daher fast fahrlässig, trotzdem darauf zu bestehen.

Anschreiben nur mit Sinn

Anschreiben sind nicht nur ein zeitliches Ärgernis, sondern können geeigneten Talenten auch den Weg in den Job versperren oder sogar verhindern, dass diese sich bewerben. Daher sollten Unternehmen genau überlegen, ob sie eines verlangen oder nicht. Dafür sollten sie hinterfragen, welche Vorteile das Schreiben bringt und ob es tatsächlich mehr Aussagekraft hat als der Lebenslauf. Wichtig ist die Sinnhaftigkeit des Anschreibens. Wie du als Bewerber:in ein gutes Anschreiben formulierst, haben wir dir übrigens in einem Guide zusammengefasst. In Berufen, die sehr kreativ sind und in denen viel getextet wird, kann das Schreiben beispielsweise Rückschlüsse auf den Schreibstil der Bewerber:innen liefern. Gleichzeitig lässt sich dieser jedoch besser anhand von Arbeitsproben einschätzen.

Statt des Anschreibens könnte in diesen Berufsgruppen auch ein Motivationsschreiben gefordert werden, das in der Regel etwas lockerer und kreativer sein darf. Hierfür sollten den Bewerber:innen aber Stichpunkte gegeben werden, was im Inhalt des Motivationsschreibens abgedeckt werden sollte. Doch trotz dieser Möglichkeit, sollten Unternehmen in Erwägung ziehen, das Anschreiben ganz wegzulassen. Ein weiterer Grund dafür ist die stetig wachsende Beliebtheit von Mobile und Social Media Recruiting, wo es darum geht, dass Talente sich mit nur wenigen Klicks bewerben können. Erst noch ein Anschreiben formulieren zu müssen, wäre in diesen Fällen nicht praktikabel.

Das Anschreiben in Bewerbungen bleibt also ein umstrittenes Thema. Wie stehst du dazu? Siehst du es als unbedingte Notwendigkeit oder doch als zeitraubendes Ärgernis? Lass es uns gern in den Kommentaren wissen.

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