Tag der Workaholics: Wenn Arbeit und Alltag verschmelzen – Das denken Angestellte und Chefs

Zum Tag der Workaholics haben wir euch einige Ansichten zum wichtigen Thema Work-Life-Balance zusammengestellt – mit ganz unterschiedlichen Ansätzen.

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Nicht nur in der Digitalbranche, sondern in der gesamten Arbeitswelt tummeln sich immer mehr Workaholics. Dank Smartphone, umfassendem W-Lan und einer anerkannten Leistungsgesellschaft wird häufig weit über die traditionelle Norm hinaus gearbeitet. Dabei wird die richtige Work-Life-Balance zur übergeordneten Prämisse. Wo sehen Entscheider und Mitarbeiter die Übergänge und Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit?

Workaholics?: So unterschiedlich sehen die Menschen die Relationen von Arbeit und Leben

Um nachvollziehen zu können, was der vage Begriff Work-Life-Balance eigentlich bedeutet und ob er heute überhaupt zeitgemäß ist, werden wir im Folgenden eine Reihe von Menschen zu Wort kommen lassen, die ihre ganz eigene Meinung dazu haben. Ob Agenturgründerin, HR-Managerin oder Marketing Director, sie alle setzen Leben und Arbeit in eine spezielle Beziehung.

Die Statements zum Tag der Workaholics

Dr. Michael Liebmann, Geschäftsführer und CEO der doo GmbH:

Dr. Michael Liebmann, © doo GmbH

Work-Life-Balance, -Harmonie, -Management — Was denn jetzt? Wie auch immer es am Ende heißt, fast alle Begriffe sind ein Euphemismus. Am besten ist Work Hard, Play Hard. Das klingt am nachhaltigsten. Aber jetzt im Ernst: Meiner Erfahrung nach gibt man seinen Mitarbeitern die Möglichkeit, zumindest weitestgehend über die Arbeitszeiteinteilung selbst zu entscheiden. Das ist allerdings ein hehres Ziel und braucht einiges an Zeit und Übung. Denn selbst entscheiden kann man nur, wenn man den Freiraum dafür bekommt. Bei doo haben wir den Mitarbeitern die volle Verantwortung über ihre eigenen Performance-Indikatoren gegeben. Dabei werden Ziele und Wertbeitrag zum Unternehmenserfolg selbstbestimmt. Aus diesen selbstbestimmten Zielen lassen sich später leicht die Prioritäten für einzelne Aufgaben ableiten. Das sorgt dafür, dass man weniger Zeit mit irrelevanten Aufgaben verbringt. So bleibt mehr Zeit für die wichtigen Themen oder auch Freizeit.


Katja Rietdorf, Coach, rieView Business Coaching:

Aus meiner Erfahrung sind es vor allem drei Dinge (AVE), die Führungskräfte tun können, um zu einer ausgewogenen Work-Life-Balance ihrer Mitarbeiter beizutragen.
A = Akzeptanz: Erfahrungsgemäß schließen Führungskräfte nicht selten von sich auf andere. Hier wäre es besser, einfach zu akzeptieren, dass jeder von uns Belastungsgrenzen hat und dass diese sehr individuell sind. Es ist höchst unterschiedlich, was bei wem Stress auslöst und wann es zu viel wird. Und selbstverständlich verändert sich das im Laufe eines Lebens oder in besonderen Lebensphasen.

Katja Rietdorf, © reView

Es ist daher ratsam die Individualität seiner Mitarbeiter zu respektieren.
V = Vorbild: Auch und gerade beim Thema Work-Life-Balance sollten Vorgesetzte mit gutem Beispiel vorangehen und aktiv Selbstfürsorge betreiben. Das fängt damit an, dass jede Führungskraft die Antworten zu diesen Fragen für sich kennen sollte: Was stresst mich besonders? Woran merke ich konkret, dass meine Belastungsgrenze (bald) erreicht ist? Was entspannt mich und hilft mir meine Akkus wieder aufzufüllen?
E = Erwartungen: Nach meiner Erfahrung lösen mutmaßliche Erwartungen, die Mitarbeiter Ihren Vorgesetzten unterstellen, oft erheblichen Stress aus. Und nicht selten entsprechen diese Spekulationen gar nicht der Realität. Als Führungskraft sollte man daher regelmäßig und klar seine Erwartungen und Wünsche kommunizieren und sicherstellen, dass diese Botschaft richtig bei den Mitarbeitern ankommt.


Lisa Gradow, Co-Founder und CPO, Usercentrics:

Lisa Gradow, © Usercentrics

Für mich ist es wichtig, die Arbeit entsprechend zu priorisieren. Das bedeutet, wenn ich Mails mit Arbeitsaufträgen verschicke, die nicht dringend sind, diese eben nicht am Wochenende oder kurz vor dem Schlafengehen zu versenden. Man muss seine Mitarbeiter, aber auch sich selbst, abschalten lassen. Dann nutze ich lieber die Funktion, E-Mails zu einem späteren Zeitpunkt automatisch zu verschicken. Als Gründer arbeitet man selber 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche, aber ich weiß, dass ich mich auf meine Mitarbeiter verlassen kann und sie immer ihr Bestes geben. Ich muss sie daher nicht dem selben Dauerstress aussetzen, wie mich selbst.

 


Nicole Schmalfuß, HR-Managerin, emetriq GmbH:

Nicole Schmalfuß, © emetriq GmbH

Bei uns gibt es keine Work-Life-Balance. Arbeit ist ein Teil des Lebens, weshalb wir unsere Mitarbeiter und Kollegen ganzheitlich sehen. Unsere Mitarbeiter stehen selbst in der Verantwortung, zu erkennen und aktiv zu werden, wenn sich die Arbeit unpassend oder ungesund entwickelt. Dazu bieten wir auch individuelles Coaching für Hilfe zur Selbsthilfe an, denn wir denken, dass man für sich selbst am besten herausfindet, wie man seine Herausforderungen meistert. Um diese Selbstreflexion zu fördern, gibt es monatliche Gespräche mit Sparringspartnern. Wir bieten unseren Mitarbeitern Vertrauensarbeitszeit an. Wir unterstützen gesundes Leben im Sinne der physischen Stärkung durch Sportkurse sowie Bewusstsein für seinen eigenen Körper und Geist durch Yoga-Kurse.


Andrea Buzzi, CEO und Gründerin, Agentur Frau Wenk +++ GmbH

Anfang des Jahres habe ich meinen Arbeitsplatz auf Bali verlegt. Weit entfernt von festen Arbeitszeiten und ständiger Erreichbarkeit nahm ich besonders eine Entwicklung wahr: Der Ausbruch aus dem Alltag, die inspirierenden Gespräche und die Atmosphäre vor Ort brachten einen Aufschwung der Kreativität und der Produktivität hervor.

Andrea Buzzi, © Klaus Knuffmann

Daran wollte ich meine Mitarbeiter unbedingt teilhaben lassen. Deshalb habe ich unsere bestehenden Benefits, wie das Sportangebot, um flexible Arbeitszeiten und einer regelmäßigen Option auf Homeoffice ergänzt. So bekommt jeder die Chance an seinem Ort der Inspiration zu arbeiten.

 

 


Dr. Willms Buhse, CEO, doubleYUU:

Dr. Willms Buhse, © doubleYUU

In der heutigen Arbeitswelt gehören Führungskräfte in die Rolle des Leaders. Sie leiten an, sie fördern, befähigen und entlasten, wo es nötig ist. Sie schützen ihre Mitarbeiter, indem sie Offenheit am Arbeitsplatz leben und somit erlauben. Und sie schaffen nicht nur eine Kultur der Partizipation, sondern auch der Fehlertoleranz und Lösungsorientiertheit. Denn dann kennen Mitarbeiter die Unternehmensziele, den Weg dahin und ihre Rolle dabei. Das bewahrt sie vor dem Gefühl, „am Fließband zu produzieren“, genauso wie vor der Angst, Fehlbarkeit zu zeigen. Und letzten Endes schützt gute Führung mit den richtigen Methoden am meisten vor der Spirale aus Workaholism, Druck und Überarbeitung.

 


Björn Radau, Director Marketing & Communications DACH bei Teads:

Björn Radau, © Teads

Teads arbeitet nach dem Motto “Playing to win”. Wir arbeiten hart, belohnen die gemeinsamen Erfolge aber auch. Beispielsweise gibt es globale Firmentreffen mit allen Mitarbeitern oder jeweils einzelnen Abteilungen, die immer in tollen Locations, wie zuletzt in Südamerika oder Asien, stattfinden. Die Hälfte der gemeinsamen Zeit werden dort natürlich globale Projekte erarbeitet, aber die zweite Hälfte steht im Zeichen der Entspannung. Jedes Land unterstützt zudem die Weiterbildung und Gesundheit der Mitarbeiter, beispielsweise durch umfangreiche E-Learning-Angebote, den wöchentlichen Salat-Tag oder die 30-minütige Massage, die jeder Mitarbeiter einmal pro Monat genießen darf.


Dagmar Sevcikova, VP People bei Socialbakers:

Dagmar Sevcikova, © Socialbakers

Der Begriff Work-Life-Balance wandelt sich zu Work-Life-Integration, da die Grenzen zwischen modernem Arbeits- und Privatleben die Grenzen zwischen den beiden zunehmend verwischen. Die Menschen möchten vermehrt von dort arbeiten, wo sie sich produktiv fühlen, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass sie dem Büro ständig fernbleiben. Es ist wichtig, Mitarbeitern Zugang zu den digitalen Produktivitätstools zu geben, mit denen sie von überall aus kommunizieren und zusammenarbeiten, Inhalte teilen, Ideen austauschen und Kontakte knüpfen können.
Bei Socialbakers setzen wir außerdem Ideen um, die auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeiter abgestimmt sind. Deshalb bieten wir beispielsweise Yoga-Kurse und Massagen im Büro an. Ziel ist es, Bewegung und Entspannung einfach in den Arbeitsalltag zu integrieren. Es ist wichtig, zuzuhören und flexibel zu bleiben. Die Welt, in der wir uns befinden, bewegt sich schnell, ebenso wie die sich verändernden Bedürfnisse unserer Mitmenschen.


Kate Parieva, Public Relations Manager, SEMrush:

Kate Parieva, © SEMrush

Egal, wie viel man arbeitet, es gibt immer noch mehr zu tun. Deshalb ist es wichtig, zu wissen, wann es Zeit ist, Aufgaben zu priorisieren und zu delegieren. Für mich funktioniert es ganz gut, dass ich mir die Zeit für Besprechungen, Telefongespräche und E-Mails begrenze und einteile. So habe ich genug Zeit und Energie für andere zentrale Dinge und genug Raum für Kreativität und um Aufgaben zur eigenen Zufriedenheit zu erledigen. Zum Abschalten hilft es mir nach der Arbeit auch, mir vor Augen zu führen, was ich wirklich beeinflussen und was ich nicht ändern kann.


Schahab Hosseiny, Geschäftsführer von MSO Digital und CEO der Grow Digital Group:

Schahab Hosseiny, © MSO Digital

Deutschland ist eine Leistungsgesellschaft. Sich vor Überarbeitung zu schützen, fällt vor allem vielen Mitarbeitern in jungen Unternehmen im Start-up-Umfeld schwer. Dabei geht es durchaus nicht nur um Arbeitszeiten. Eine 80-Stunden-Woche lässt sich problemlos über mehrere Jahre verarbeiten.
Es geht eher darum, Körper und Geist aktiv auf Performance einzustellen. Daher setzen wir stark auf persönliche Weiterentwicklung, teils auch psychologisch orientiert, und die Förderung von sportlichen Tätigkeiten. Dazu gehören Sport während der Arbeitszeit im Büro sowie Workshops oder Seminare zum Ausbau von Reflexionsfähigkeiten.
Dennoch gilt auch in der Grow Digital Group mit über 165 Mitarbeitern: Die Arbeitszeit ist eine völlig überholte Metrik, um die Performance im „Kopf-Business“ zu bewerten. Was zählt sind Ergebnisse. Und wer hier effizienter als die Benchmark arbeitet, gewinnt langfristig ein wertvolles Gut: Zeit.


Joachim Bader, CEO Central Europe, Wunderman

Joachim Bader, © Wundermann

Besonders in der Agenturbranche ist es wichtig, bei aller Kundenorientierung auch klare Grenzen zu setzen, um Überlastung zu vermeiden. Das gilt für Mitarbeiter sowie für Führungskräfte. Wir sind überzeugt davon, dass Menschen die besten Ergebnisse erzielen, wenn das gesamte Setup stimmt. Dazu gehören eine strukturierte Arbeitsumgebung sowie flexible Arbeitszeitmodelle. Mit YouTime wurde zum Beispiel ein Prozess etabliert, in dem Mitarbeiter regelmäßig ein konstruktives Feedback an ihre Führungskraft geben. Natürlich hat auch jeder Mitarbeiter eine Eigenverantwortung, nicht alles kann der Arbeitgeber lösen. Hinzu kommt, dass jeder anders mit Belastung umgeht und darauf reagiert, da gibt es kein Patentrezept.
Mir persönlich ist ein Ausgleich zum digitalen Alltag wichtig. Mein Handy hat am Wochenende Auszeit. Umso wertvoller sind mir dann nicht-digitale Hobbies. Aktuelles Projekt: Ich möchte meine alte Vespa zum Laufen bringen, die schon viel zu lange in der Garage steht. Zum Glück hat der Sommer ja gerade erst begonnen.


Letztlich hat etwa auch AppNexus eine Initiative für das Wohlbefinden der Mitarbeiter ins Leben gerufen. Unter dem Titel WellNexus wurden im Juni eine Woche lang weltweit Kurse für gesundes Essen, Meditation, Fitness etc. angeboten. Budget wird zudem für Yogakurse oder für die Optimierung von Stressbewältigung bereitgestellt.

Wir bemerken also: es gibt viele Wege, die Balance von Arbeit und Leben zu denken. Wenn beides zusehends ineinander übergeht, ist eine gewisse Form des Workaholism allerdings vorprogrammiert. Das kann jedoch produktiv und nicht unbedingt ungesund sein. Je nach individueller Vorliebe mag die Arbeit das Leben auch ausmachen. Dennoch sollte jeder Arbeitnehmer und -geber sich für Freiräume fernab der Arbeit einsetzen, wenn eine Überlastung droht. Workaholism kann eine unheimlich produktive Krankheit sein, die nicht unterschätzt werden darf. Für manche ist sie aber auch Alltag. Daher ist es gut zu sehen, dass sich immer mehr Ansätze finden, die für einen Ausgleich Sorge tragen. Wenn die Arbeit mit den Bedürfnissen des Lebens in Einklang gebracht werden kann, wird diese auch eher als ein Teil desselben akzeptiert. Bleibt zu hoffen, dass Ideen zur Work-Life-Balance sich künftig in weiteren Branchen etablieren. Weniger Workaholics wird es dann wohl nicht geben, vielleicht aber ausgeglichenere und glücklichere.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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