Unbegrenzter Urlaub: Zu schön um wahr zu sein? Wir klären über Vor- und Nachteile auf

Skeptiker sagen, Angestellte würden die Freiheit ausnutzen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Trotz mehr freien Tagen verbessern sich Produktivität und Arbeitsklima deutlich.

© Simon Migaj - Unsplash

New Work soll unseren Arbeitsalltag revolutionieren und die Art, wie wir Arbeit wahrnehmen, dauerhaft verändern. Mehr Freiheiten für Arbeitnehmer soll es geben. Und dazu gehört eben auch eine ausgewogene Work-Life-Balance, bei der neben der Arbeit das Private nicht zu kurz kommt. Eines der vielen Modelle ist der unbegrenzte Urlaub. Bei diesen Worten dürften die meisten von euch aufhorchen. Frei machen sooft du willst? Ja, das geht in manchen Unternehmen tatsächlich. Doch ist das wirklich so schön, wie es klingt? Und vor allen Dingen: Wirkt sich das Modell negativ auf unsere Arbeitsleitung aus?

Urlaub ohne Grenzen: Nicht nur ein Modell für Einhörner

Schon im letzten Jahr berichteten wir über das revolutionäre Arbeitsmodell des Startups einhorn, die für die Herstellung veganer Kondome berühmt wurden. Die Mitarbeiter haben viel Mitspracherecht im Unternehmen und eine hohe Entscheidungsfreiheit. Und so können sie nicht nur entscheiden, wann und wo sie arbeiten, sondern auch wie viel Urlaub sie gern hätten. Im Interview mit OnlineMarketing.de erzählt Philip Siefer von einhorn, dass ein Mitarbeiter sogar sagen könnte, er nehme ein halbes Jahr Urlaub, um durch die Welt zu reisen. Das Team plane dann im Vorfeld, wer welche offen bleibenden Aufgaben übernimmt. Dieses System geht auf und Siefer erklärt, dass die Abwesenheit des Urlaubers sich nicht zum Nachteil des Unternehmens auswirkt. Und tatsächlich: Anstatt dass die Arbeit auf der Strecke bleibt, arbeiten die Einhörner effizient und freuen sich über die positiven Auswirkungen ihrer Freiheit. Ein freudiger Nebeneffekt ist übrigens, dass auch solch ein langer Urlaub bezahlt werden würde. Siefer sagt dazu: „[…] so ein Urlaub ist ja meist sehr teuer!“

Einige fragen sich jetzt vielleicht, wieso man sich auf dieses Wagnis einlassen sollte? Wegen der positiven Auswirkungen auf die Mitarbeiter und damit das Rückgrat des Unternehmens natürlich. Die Möglichkeit auf unbegrenzten Urlaub ist ein hoher Vertrauenszuspruch des Arbeitgebers. Die meisten Arbeitnehmer wissen dies zu schätzen. Das Vertrauen und auch die Verantwortung, die sie dadurch erhalten, spornt sie an, wodurch am Ende oft bessere Leistungen erzielt werden. Nicht umsonst wurde in vielen Studien belegt, dass ein autoritärer, unflexibler Arbeitsstil die Mitarbeiter eher hemmt. Hinzu kommt, dass das Arbeitsklima sich durch solche Modelle langfristig verbessert, ebenso wie die Loyalität der Mitarbeiter steigt. Für sie stellt die Arbeit kein unbequemes Zwangskorsett mehr dar, dass sie die Freizeit kostet. Stattdessen sorgt die neue Art der Work-Life-Balance für Freiheit und ein reduziertes Stresslevel, wodurch am Ende sogar Burnout vorgebeugt werden kann.

Lädt das Modell zum Missbrauch ein?

Eine Befürchtung vieler Skeptiker des unbegrenzten Urlaubs ist, dass die Mitarbeiter ihre Situation schamlos ausnutzen. Wer mehr frei macht, arbeitet ja schließlich weniger. Oder? Dieses Vorurteil basiert auf der veralteten Vorstellung, dass lange Arbeitszeiten gleichzeitig eine höhere Produktivität bedeuten. Diese These wurde jedoch längst widerlegt. Und auch die Unterstellung, Mitarbeiter würden den unbegrenzten Urlaub am Ende sicherlich ausnutzen, zeugt davon, wie wenig Vertrauen einige Arbeitgeber ihren Angestellten schenken. Ein negatives Beispiel für das Modell konnte beim Unternehmen Kickstarter beobachtet werden. Jedoch nahmen die Mitarbeiter dort nicht zu viel, sondern teilweise gar keinen Urlaub mehr, aufgrund des herrschenden Leistungsdrucks. Hier musste das Unternehmen durchgreifen und die Mitarbeiter regelrecht zum Freimachen zwingen.

Das Beispiel des Personaldienstleisters Mammoth in den USA zeigt, dass sich durch die Einführung des Modells nicht zwingend etwas ändern muss. CEO Nathan Christensen erzählt, dass seine Mitarbeiter sich im Schnitt genauso viel freigenommen haben wie zuvor. Es gab also keinen exzessiven Missbrauch des Models. Stattdessen geht es bei der Idee darum, den Chancen offen zu halten und Vertrauen zu zeigen. Christensen erklärt:

Erstens beweist eine Firma, die unbegrenzte Urlaubstage anbietet, dass sie ihre Angestellten ganzheitlich sieht. Mitarbeiter haben Verpflichtungen und Interessen jenseits der Arbeit und können nicht immer alles im Voraus planen. Zweitens sind unbegrenzte Urlaubstage ein Vertrauensbeweis. Nicht Manager oder Personalchefs sind dafür zuständig, dass Mitarbeiter ihre Aufgaben schaffen, sondern die Mitarbeiter selbst – unabhängig davon, wie viel Zeit sie im Büro verbringen.

Immer mehr Unternehmen wagen das Experiment

Das österreichische Unternehmen 1000things hat das Modell unbegrenzter Urlaub ebenfalls eingeführt. Auch hier stellt es kein Problem dar, wenn eine Mitarbeiterin zum Beispiel sechs Wochen freinimmt, um die USA zu bereisen. Gleichzeitig ist es ihr auch erlaubt, von unterwegs zu arbeiten – jedoch betont Geschäftsführer Jan Pöltner, dass es dazu keinerlei Verpflichtung im Urlaub gäbe. Die Mitarbeiter können diesen nutzen, wie sie wollen. Viktoria Klimpfinger, Chefredakteurin bei 1000things, erklärt, dass es um Vertrauen, aber auch Eigenverantwortung geht. Am Ende kommt es darauf an, dass intern Einigkeit herrscht und gleichzeitig die Bedürfnisse der Kunden zur vollsten Zufriedenheit abgedeckt sind – trotz unbegrenzter Urlaubstage.

Natürlich braucht es bei dem Modell auch einiges an Planung. Bei 1000things gibt es die Abmachung, dass nicht alle Mitarbeiter einer Abteilung gleichzeitig Urlaub machen dürfen, damit nichts auf der Strecke bleibt. Zumindest bei einem längeren Urlaubszeitraum. Christensen betont zusätzlich, dass der unbegrenzte Urlaub nur so lange unbegrenzt ist, wie auch alle erforderten Leistungen erbracht werden. Wer seine Arbeit nicht mehr schafft und dadurch dem Unternehmen schadet, sollte keinen Urlaub mehr nehmen dürfen. Gleichzeitig sollte klar gemacht werden, dass es sich um ein Entgegenkommen auf beiden Seiten handelt. Der Arbeitgeber möchte seinen Mitarbeitern durch das Modell mehr Freiheiten schenken und auf deren Bedürfnisse eingehen. Gleichzeitig sind die Arbeitnehmer dazu angehalten, dementsprechend auch auf das Unternehmen einzugehen und ihre Arbeit verantwortungsbewusst und zufriedenstellend zu erledigen. Hat sich dieses Mindset durchgesetzt, steht der Umsetzung der Idee nicht mehr viel im Weg.

Unbegrenzter Urlaub: Ein Modell für die Zukunft?

Definitiv. Solange Unternehmen und Mitarbeiter ein paar Richtlinien zum Umgang mit der neuen Freiheit haben und beide Seiten einander respektieren und dementsprechend die Bedürfnisse der Gegenseite berücksichtigen, kann das Modell funktionieren. Doch natürlich gibt es auch hier, wie immer, Grenzen bezüglich der Umsetzung. In vielen Branchen und Berufsgruppen ist der unbegrenzte Urlaub undenkbar, besonders dort, wo sowieso schon Personalmangel herrscht, wie in der Pflege. Auch Berufler, die immer noch an feste Arbeitstage gebunden sind, wie Lehrer, können nicht einfach mal in den Urlaub fahren. Und auch die Unternehmensgröße stellt ein Problem dar. Tatsächlich haben Unternehmen mit mehr Mitarbeitern eher die Chance, das Modell umzusetzen, weil es dort leichter ist, die Aufgaben der Urlauber von anderen übernehmen zu lassen. Gleichzeitig herrscht wiederum in kleinen Unternehmen der Vorteil, dass die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Chefetage besser funktioniert und die Vertrauensbasis einfacher zu schaffen ist.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei dem Modell um ein Experiment, auf das Arbeitgeber sich durchaus einlassen sollten. Sind sie am Ende unzufrieden damit, gibt es immer noch die Möglichkeit, die Regelung wieder abzuschaffen. Doch allein die Chance der Mitarbeiter, freizumachen, wann sie wollen, kann Arbeitsklima, Produktivität und Zufriedenheit nachhaltig steigern.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Nachdem Michelle Winner Erfahrungen in einer Lokalzeitung und im Eventbereich gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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