Revolutionäre Arbeitsmodelle: Wie viele Stunden möchtest du heute arbeiten?

9-to-5 Jobs sind out. Die Firmen Digital Enabler und einhorn gehen mit gutem Beispiel voran und setzen Modelle um, die unseren Arbeitsalltag umkrempeln.

© Markus Spiske | Unsplash, CC0

Arbeitnehmer fordern immer mehr flexible Arbeitszeiten, die für eine ausgeglichenere Work-Life-Balance sorgen. Viele Arbeitgeber kommen diesem Wunsch nach Freiheit schon nach und testen verschiedenste Arbeitsmodelle in den eignen Betrieben. Wie das genau aussieht, zeigen euch die Fallbeispiele der Bielefelder Agentur Digital Enabler und des Berliner Startups einhorn.

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Feste Arbeitszeiten in einer 25-Stunden-Woche

Lasse Rheingans, der Digitial Enabler erst vor wenigen Monaten als Geschäftsführer übernommen hat, lud seine Angestellten direkt zu einem Experiment ein: von acht auf fünf Arbeitsstunden am Tag zu wechseln. Dabei gibt es eine festgelegte Arbeitszeit von 8 bis 13 Uhr, die den Mitarbeitern mehr Freiheiten für den Rest des Tages ermöglichen soll. Für das gleiche Gehalt und denselben Urlaubsanspruch, fallen dafür jedoch Pausen weg. Außerdem sieht das Arbeitsmodell weder Teilzeit, noch das Einstellen von neuen Mitarbeitern vor, um durch diese die verlorene Zeit mit Arbeitskraft zu ersetzen.

Die Idee kam Rheingans durch diverse Studien. Eine von ihnen behauptete, dass Teilzeitkräfte genau soviel leisten würden wie Vollzeitangestellte. Daher sollte die Anzahl der Stunden seiner Meinung nach unerheblich sein, solange das Ergebnis stimmt. Schließlich würde niemand acht Stunden am Stück effizient arbeiten. Der Arbeitstag selbst ist in den grundlegenden Strukturen geregelt: Jeden Morgen gibt es ein kurzes Meeting. Danach werden die Mails gecheckt, genauso wie einmal vor Feierabend. Den Tag über werden Nachrichten und Notifications komplett ignoriert, es sei denn es handele sich um Notfälle. Für die Arbeitsatmosphäre bei Digital Enabler bedeutet dies, dass es in den Büros mucksmäuschenstill ist. Jeder Mitarbeiter ist darauf fokussiert, die eigene Arbeit innerhalb der fünf Stunden zu vervollständigen. Da bleibt keine Zeit für ausgiebigen Tratsch und Klatsch.

Ist mehr Freiheit wirklich stressfrei?

Der wohl positivste Effekt des Experiments ist, dass man den Tag ab 13 Uhr vollständig nutzen kann. Nachmittag und Abend sind frei und bieten sogar Raum für kleine Ausflüge. Jedoch ist man in Bielefeld auch schon auf einige Probleme gestoßen. Wie einige Mitarbeiter vor Beginn befürchtet hatten, schafft nicht jeder sein Arbeitspensum, was vor allem an der Masse der einzelnen Aufgaben liegt. Rheingans möchte diese Beobachtung nutzen, um Aufgaben besser aufs Team aufzuteilen. Zudem kommt es trotz der geringen Stundenzahl schnell zu Erschöpfungserscheinungen, weil jeder Arbeitsschritt in diesem Zeitfenster erledigt werden muss. Stressfrei ist dies keinesfalls. Deadlines sind übrigens eine kleine Grauzone: Um diese und damit auch die verbundene Kundenzufriedenheit zu erfüllen, kommt es auch vor, dass ein Angestellter zwei Stunden länger bleiben muss.

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Neben der Personalentwicklung bleibt der gesamte soziale Aspekt des Berufsalltags oft auf der Strecke. Durch den erhöhten Fokus auf die eigene Arbeit und Arbeitsweise, kommt es seltener zum Austausch untereinander. Es gibt zwar ab und an gemeinsame Mittagessen nach 13 Uhr, doch der kurze Tratsch unter Kollegen bleibt meist aus. Ähnlich ist es bei Besprechungen, deren Themen manchmal zu komplex sind, als dass man sie in einem 15-minütigen Meeting besprechen könne. Des Weiteren führt der frühe Feierabend nicht zwingend zur Entspannung, denn Zuhause lauern Anforderungen wie Kinder und Haushalt. Doch die heimischen Aufgaben schon ab 13 Uhr erledigen zu können ist definitiv vorteilhafter als erst ab 17 Uhr.

Nach dem Mittag ist man nicht mehr produktiv

In einem Interview mit Impuls kritisiert Rheingans offen andere Arbeitsmodelle. Zwei oder drei Mal die Woche acht Stunden zu arbeiten würde nichts bringen, da das Problem der zu hohen täglichen Stundenzahl vorhanden bleibt. Genauso verhält es sich auch mit der Verkürzung auf sechs Arbeitsstunden. Nach der Mittagspause sei es ohnehin schwer sich wieder aufzuraffen. Die verfügbare Zeit wird nicht durchgehend effizient genutzt, daher sei der fünfstündige Arbeitstag ohne Pausen deutlich vorzuziehen.

Der Chef selber hält sich übrigens nicht an die Vorgaben des Experiments. Durch die noch nicht weit zurückliegende Übernahme des Unternehmens, gäbe es für ihn noch Vieles aufzuarbeiten. Jedoch nimmt er sich immer an zwei Nachmittagen in der Woche frei.

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Unbegrenzter Urlaub und Arbeiten wann und wo man will

Das 18 Mitarbeiter große Startup einhorn stellt vegane Kondome her. Neben Umweltschutz und Nachhaltigkeit setzt das Unternehmen auf faire Arbeitsbedingungen. Ihr Modell ist gewagt und revolutionär. Die Mitarbeiter stehen kaum vorhandenen Hierarchien gegenüber und erhalten unbegrenzt viele Urlaubstage. Eine zeitlang durfte jeder seinen Verdienst selbst bestimmen, doch inzwischen bekommen die einhörner ein festes Grundgehalt, ergänzt durch Zuschüsse je nach Lebenslage, Ausbildung und Funktion innerhalb des Unternehmens. Und was müssen sie dafür tun? Nun, dass können sie selber entscheiden.

Bei einhorn kannst du dir deine Arbeitszeit so einteilen, wie es dir passt. Egal wie viele Stunden, egal ob von Zuhause, im Büro oder dem Gipfel des Kilimandscharo. Und so verrückt wie dieses Modell klingt und vermutlich auch ist – es trägt Früchte. Die hohe Entscheidungsfreiheit führe nicht dazu, dass die Mitarbeiter mehr Urlaub nehmen, sondern schenke jedem mehr Freiheit, was sich besonders auf mentaler Ebene bemerkbar macht.

Nachgehakt bei einhorns Gründer

Trotz dessen haben wir bei Mitgründer Philip Siefer nachgehakt: Ist das innovative Arbeitsmodell zu schön, um wahr zu sein? Kommt es so unweigerlich zu Problemen?

Philip Siefer, Mitgründer von einhorn

OnlineMarketing.de: Die Arbeitszeit kann komplett frei eingeteilt werden. Wird trotzdem alles geschafft? Besonders wenn ihr Deadlines gegenübersteht?

Philip Siefer: Keinesfalls! Ich wünschte, es wäre so, aber wir schaffen definitiv nicht alles. Der Regenwald wird nach wie vor abgeholzt, das Ozonloch wurde bereits vergessen, die Polkappen schmelzen und Donald ist Präsident. Vor uns steht noch so viel Arbeit, für die wir definitiv mehr Leute brauchen. Toten Linien stehe ich persönlich sehr selten gegenüber. Wenn überhaupt, gibt es die eher in unserer Designabteilung und diese werden dann auch schnell abgedeckt.

Haben Mitarbeiter ihre Freiheit je ausgenutzt, oder war das Ergebnis bisher tatsächlich durchweg positiv?

Alle nutzen ihre Freiheit pausenlos aus, das ist ja der Sinn der Sache. Sie kommen, wann sie wollen und gehen dann auch sehr schnell wieder. Manchmal kommen sie auch überhaupt nicht und reisen wie wild durch die Gegend. Wir finden das alle sehr positiv und sind höchst zufrieden mit der Umsetzung!

Unbegrenzte Urlaubstage – ist es wirklich so locker wie es klingt? Könnte ein Angestellter einfach sagen: „Ich möchte jetzt ein halbes Jahr Urlaub nehmen und um die Welt reisen“? Fällt diese Zeit dann unter bezahlten Urlaub? Oder gibt es dort dann individuelle Regelungen?

Bevor sich ein einhorn für längere Zeit in den Urlaub verabschiedet, planen wir im Team pedantisch-penibel genau, wer dann was übernehmen muss. Oft kommt heraus, dass es auch ohne die Person sehr gut geht. Wir sehen das als Zeichen exzellenter Führung an und freuen uns gemeinsam sehr über den Erfolg. Bezahlt wird natürlich weiter, so ein Urlaub ist ja meist sehr teuer!

Ist dieses Modell nur für Betriebe mit einer überschaubaren Anzahl an Mitarbeitern geeignet?

Ja, absolut. Mit mehr als 50.000 Angestellten funktioniert das auf keinen Fall, das haben viele Beispiele gezeigt. Die meisten Unternehmen sind jedoch, was Experimente angeht, extrem offen und geben sich große Mühe, neue Arbeitsmodelle zu testen.

Was ist für dich der wichtigste Effekt eures Arbeitsmodells, abgesehen von der gewonnenen Freizeit und dem Gefühl von Freiheit?

Der Butterfly Effekt! Wir warten noch auf das Eintreten, aber sind sicher, dass es bald passiert. Und dann haltet euch alle fest!

Vielen Dank für deine offenen Antworten!

Das hat sehr viel Spaß gemacht, ich glaube das ist das beste Interview das es von einhorn gibt.

Welches Modell wird sich zukünftig etablieren?

Definitiv haben beide der vorgestellten Arbeitsmodelle ihre Vor- und Nachteile. Während die 25-Stunden-Woche einen gewissen Leistungsdruck hervorruft und eine hohe Stressresistenz erfordert, gehört zur komplett freien Arbeitseinteilung eine Menge Vertrauen an die Mitarbeiter. Fraglich ist auch ihre Übertragbarkeit auf andere Branchen. Diese ist besonders in den Bereichen Pflege, Lehre, Gastronomie, Handwerk, Polizei und Feuerwehr schier unmöglich. Dennoch ist Philip Siefers Aussage wahr: Viele Arbeitgeber sind stetig bemüht, die Arbeitsbedingungen ihrer Mitarbeiter zu verbessern und auf den Wandel der Zeit anzupassen. Wir dürfen gespannt bleiben, wie die nächsten Experimente aussehen.

Über Michelle Winner

Michelle Winner

Michelle Winner studiert Anglistik und Germanistik an der Uni Hamburg. Nachdem sie in einer Lokalzeitung und im Eventbereich Erfahrungen gesammelt hat, unterstützt sie nun seit 2017 die Redaktion und schreibt für das OnlineMarketing.de Karrieremagazin über Themen rund um den Büroalltag.

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