Mehrheit der Europäer will die 4-Tage-Woche

Letzte Woche haben wir das europäische Parlament gewählt. Eine aktuelle Studie gibt spannende Einblicke in die Einstellungen der Europäer zu ihrer Arbeit.

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Die Deutschen sind gewissenhaft, die Spanier faul, die Briten sind stocksteif aber saufen sich am Wochenende ins Koma…Vorurteile gibt es viele. Aber wie unterscheiden sich die Europäer in ihrer Haltung zum Job, ihrer Arbeitsmoral und beruflichen Zielen? Wie wichtig ist ihnen ihre Work-Life-Balance? Und das Gehalt? Mit wie viel Zuversicht blicken sie in die Zukunft?

In der Studie „The Workforce View in Europe 2019“ wurden über 10.000 Angestellte in Frankreich, Deutschland, Italien, den Niederlanden, Polen, Spanien, der Schweiz und Großbritannien zu verschiedenen Aspekten der Arbeitswelt heute und in Zukunft befragt. Die hochaktuelle Erhebung wurde bereits im Vorjahr durchgeführt und zeigt eine große Aufgeschlossenheit für neue Arbeitsweisen.

Die Mehrheit will die 4-Tage-Woche

Wie groß der Wunsch nach einer besseren Work-Life-Balance in allen befragten Ländern ist, zeigt sich bei den Zustimmungen zu unterschiedlichen Arbeitszeitmodellen. 56 Prozent würden lieber nur an vier Tagen in der Woche arbeiten. Und das selbst dann, wenn die Arbeitszeit pro Tag entsprechend verlängert würde. Der Anteil jener, die bei reduzierten Stunden Gehaltseinbußen hinnehmen möchten (oder können), ist deutlich geringer. 78 Prozent der Europäer wurden lieber an vier Tagen jeweils länger arbeiten, um ihr Lohnniveau zu halten. 22 Prozent der Arbeitnehmer würden hingegen normale Arbeitszeiten mit einer geringeren Entlohnung bevorzugen. Ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Unternehmen reagieren und sich verstärkt auf die Bedürfnisse der Arbeitnehmer hinsichtlich neuer Arbeitszeitmodelle einstellen?

Europameister der Überstunden

71 Prozent der Deutschen geben an, regelmäßig unbezahlte Überstunden zu leisten, mehr als in jedem anderen der untersuchten Länder (im Mittel 60 Prozent). Dabei bleiben die Überstunden aber häufiger als zum Beispiel in Großbritanien noch im Rahmen. Mindestens zehn zusätzliche Stunden pro Woche leistet in Deutschland jeder Zehnte, während es in Großbritannien ganze 22 Prozent sind. Und von wegen faul! Mit 67 Prozent geben die Spanier fast ebenso häufig Überstunden an wie Deutsche. In der Schweiz und Polen sind viele Überstunden im Vergleich am seltensten.

Aber Vorsicht, denn bei diesen Zahlen wurde nicht die tatsächliche Arbeitszeit gemessen, es handelt sich um eine Selbsteinschätzung, die fehleranfällig sein kann. So spielt unweigerlich ein gesellschaftlicher Erwartungsdruck mit hinein. Aber der ist nicht minder interessant, und er wirkt sogar auf zwei Ebenen: Erstens färbt er die Antworten in einer Befragung (Interviewte neigen dann zu Übertreibung der geleisteten Stunden), und zweitens beeinflußt er die innere Haltung, wie viele Überstunden jemand tatsächlich zu leisten bereit ist und das dann auch tut.

Die deutsche Arbeitswut

Zum Selbstverständnis deutscher Arbeitnehmer gehört es anscheinend auch heute noch, viele Stunden zu arbeiten, ja, immerzu mehr auf dem Tisch zu haben als überhaupt in der Arbeitszeit zu bewältigen ist. Die unausgesprochene Annahme lautet: Je mehr einer arbeitet, umso wichtiger ist er. Wer keine Überstunden macht, leistet wenig, trägt wohl auch nicht viel Verantwortung. Ist vielleicht sogar ersetzbar?

Die deutsche Neigung zu Effizienz und Gründlichkeit hat die größte Abscheulichkeit der Weltgeschichte hervorgebracht, den Holocaust. Sie geht historisch zurück auf eine preußische Arbeitsmoral der Genauigkeit, Pünktlichkeit und Unermüdlichkeit, die uns noch heute prägt. Heute ist die spezifisch deutsche Arbeitswut (zum Glück) schon lange auf dem Rückmarsch, neue Generationen haben längst einen Paradigmenwechsel eingeläutet, der in New Work seinen Ausdruck findet.

Dennoch wirken die alten Werte nach, sie färben nicht nur Umfrage-Zahlen, sondern auch das Bild, das andere Länder von uns Deutschen haben. Wir profitieren bei Arbeitgebern im europäischen Ausland von einem überaus positiven Image was Zuverlässigkeit und Arbeitsergebnisse angeht. Aber es gibt auch eine Kehrseite. Fragt man Arbeitnehmer, ob sie Stress am Arbeitsplatz erleben, verneinen das nur 4 Prozent der Deutschen an. Die überwiegende Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer fühlt sich vom Job mindestens einmal im Monat gestresst. Am stärksten betroffen sind übrigens unter anderem die Branchen Vertrieb, Medien und Marketing. Hier fühlt sich jeder fünfte europäische Angestellte sogar täglich gestresst.

Am entspanntesten arbeiten die Niederländer (22 Prozent ohne Stress im Job). Und vermutlich auch die Dänen, aber die wurden hier leider nicht befragt. Aber vieles spricht dafür, dass Dänemark ein Vorreiter für das Arbeiten der Zukunft sein kann, wie die Europäer es sich wünschen. Hier gelingt die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie. Und im Schnitt arbeiten die Dänen trotz Vollzeit-Tätigkeit nur 33 Stunden in der Woche und sind zufriedener.

Große Zuversicht mit etwas Sorge

Interessant ist auch die Frage, wie zuversichtlich Arbeitende in die Zukunft blicken. Mehr als drei Viertel der europäischen Beschäftigten sind optimistisch in Bezug auf die nächsten fünf Jahre an ihrem Arbeitsplatz, seit der Vorwelle der Befragung in 2018 hat sich dieser Wert nicht geändert. Die Deutschen und die Niederländer sind im europäischen Vergleich sogar besonders positiv gestimmt, 85 Prozent der Deutschen sind „sehr“ oder „ziemlich“ optimistisch.

Aber es gibt auch Grund zur Sorge: Für viele Beschäftigte in Deutschland und den Niederlanden ist das Renteneintrittsalter Grund zur Besorgnis. Deutschland beschloss 2006 aufgrund des demografischen Wandels die Anhebung des Renteneinrittsalters von 65 auf 67 Jahre. In den Niederlanden trat Anfang des Jahres eine Erhöhung auf 66 Jahre in Kraft, die weiter fortgeschrieben wird. 81 Prozent der Beschäftigten in Deutschland und 75 Prozent in den Niederlanden beunruhigt diese Entwicklung. In Deutschland macht sich ein Viertel darüber sogar häufig Sorgen.

Typisch wir Deutschen! Europameister bei Stress, German Angst bei der Rente, aber alles in allem super optimistisch, was die Zukunft angeht.

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

Ein Gedanke zu „Mehrheit der Europäer will die 4-Tage-Woche

  1. franzi

    was nur 4 tage und dann frei? das wäre ein mega traum uch arbeite 12 tage am stück durch 7 stunden am tag am wochenende 10 das wäre soooo schön für alle die die 4 tage woche bekommen freue ich mich :D

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