The New Normal. Wie die Generation Y die Arbeitswelt verändert hat

Die Millenials definieren Erfolg neu. Arbeit ist für sie mehr als nur ein Job. Unternehmen müssen sich anpassen, profitieren dann aber von hochmotivierten, kreativen Köpfen.

© Nigel Tadyanehondo - unsplash

„Anfangs war ich irritiert,“ erzählte mir eine Freundin, die ein kleines Unternehmen leitet, „als die Bewerber in den Vorstellungsgesprächen gleich durchblicken ließen, wie wichtig ihnen ihre Work Life Balance ist.“

Erst die Arbeit und dann das Vergnügen, hieß früher der Grundsatz. Die Millenials in Deutschland, heute zwischen 21 und 40 Jahren alt, ticken anders. Aufgrund niedriger Geburtenraten haben diese zwischen 1979 und 1998 Geborenen komfortable Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt und sind sich dessen auch bewusst. Sie sind so gut ausgebildet wie nie, fleißig und ehrgeizig, aber nicht um jeden Preis. Arbeit ist für sie mehr als nur ein Job. Sie wollen Sinn, sie wollen verantwortungsvolle Positionen und trotzdem genug Freizeit. Zielstrebig und selbstbewusst fordern sie viel von den Unternehmen, die mehr und mehr in der neuen Wirklichkeit ankommen. 

Alles ist denkbar

Schon von Kindheit an wurde diese Generation von ihren Eltern gefördert und meist viel kooperativer erzogen als die Generationen zuvor. Sie sind es gewohnt, sich nicht fraglos einer Autorität unterzuordnen, sondern mitzubestimmen. Durch die verstärkt bedürfnisorientierte Erziehung im Elternhaus und Schule konnten sie ein gutes Gespür dafür entwickeln, was sie wollen und was ihnen gut tut. Auch im Job erwarten sie einen kooperativen Führungsstil und Mitbestimmung. Aufgewachsen sind sie in einer Zeit, die von Umbrüchen und Unsicherheit, aber auch von unendlichen Chancen geprägt war. Sie haben die rasante digitale Entwicklung hautnah miterlebt. 

Anders als ihre Eltern fühlen sich die Millenials nicht überrollt von der Globalisierung und den technischen Entwicklungen. Ganz im Gegenteil, sie wissen die Möglichkeiten zu nutzen. Ihr ganzes Leben, vor allem ihre Kommunikation, ist davon geprägt. Anders als die Digital Natives, die Generation Z, wissen sie die Errungenschaften jedoch zu schätzen. Sie können eine Brücke bilden zwischen der neuen und der alten Welt, haben noch einen Zugang zu vielem, was Digital Natives schlichtweg gar nicht mehr verstehen.

Die Biographien werden bunter

Was ist ein gelungenes Leben? Die Generation Y definiert Erfolg anders als die Generationen zuvor. Status hat für sie keine Priorität. Vielmehr wollen sie sich mit ihrer Arbeit identifizieren, wollen Mitsprache, Entwicklungsmöglichkeiten und sie wollen nicht alle privaten Belange dem Job unterordnen. Erfolgreich sein, heißt für sie glücklich leben.

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Bei ein und demselben Arbeitgeber über Jahrzehnte die Karriereleiter emporzuklettern, für die Generation Y ist das immer seltener ein erstrebenswertes Szenario. Wechsel des Arbeitgebers, aber auch inhaltliche Veränderungen der Aufgaben oder bewusste Auszeiten wie Sabbaticals werden immer häufiger. 45 Prozent der Millenials kündigten laut einer Trendstudie des Zukunftsinstituts schon vor sechs Jahren an, dass sie sich einmal bewusst eine Auszeit nehmen werden, um etwas ganz anderes zu machen. Um die 40 Prozent konnten sich auch eine Selbstständigkeit sehr gut vorstellen oder glaubten sogar, einmal ein Unternehmen zu leiten. Das spiegelt auch das große Selbstvertrauen dieser Generation wider.

Die Millenials haben eine sehr leistungsorientierte Elterngeneration erlebt, die es erstrebenswert fand, sich einen bescheidenen Wohlstand zu sichern. Dafür knechteten sie sich, immer in Sorge vor Arbeitsplatzverlust und sozialem Abstieg, oft bis zur Erschöpfung. Väter, die wenig präsent waren in der Familie. Arbeit als notwendiges Übel. Karrieren, denen alles andere untergeordnet wurde. Ein abschreckendes Beispiel. Leistungsbereitschaft, Sicherheit und Risikovermeidung war überhaupt das große Thema der Elterngeneration, im Land der „German Angst“, diese deutsche Zögerlichkeit, die es in der Welt sogar zu einem eigenen Begriff gebracht hat.

All diese Faktoren begründen das neue Selbstverständnis: Arbeit soll nicht mehr nur den Lebensunterhalt absichern, der alte Deal „Arbeitszeit gegen Lohn“ funktioniert so nicht mehr. Arbeit ist für die Generation Y vielmehr Ausdruck der Persönlichkeit. Die Trennung zwischen „Arbeit und Leben“ hebt sich auf, Arbeitszeit soll erfüllend und anregend sein. Gelingt diese Integration, ist die Generation Y zutiefst intrinsisch motiviert und überaus leistungsbereit.

Teilzeit-Modelle im Aufwind

Die Millenials wollen Berufliches und Privates vereinbaren. Sie erwarten Verständnis, wenn sie wegen eines Arzttermins später kommen oder der Sohn Kindergeburtstag feiert. Dafür wird auch mal abends was fertig gemacht, wenn am nächsten Morgen der Kundentermin ansteht. Gefragt sind Vertrauen, flexible Arbeitszeitmodelle und Homeoffice. Viele Unternehmen gehen mehr und mehr dazu über, den Blick auf die Arbeitsergebnisse zu lenken anstatt Arbeitsstunden zu zählen und Ziele entsprechend zu definieren. Eine gute Arbeitsatmosphäre und ein erfüllender Beruf sind dabei für die Millenials am wichtigsten, Statusobjekte wie ein Firmenwagen rangieren ganz unten auf der Skala.

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Die Entwicklung kommt auch der Geschlechtergleichheit zugute. Je mehr Arbeitnehmer flexibel arbeiten und zum Beispiel in Teilzeit gehen, um Zeit für andere Interessen zu nutzen, desto leichter wird es auch für ambitionierte Frauen, die neben dem Job Zeit mit ihren Kindern verbringen wollen. In der Trend-Studie gaben bereits 47 Prozent der Männer an, wahrscheinlich einmal in Teilzeit zu arbeiten, bei den Frauen sind es sogar 73 Prozent. Strukturell werden sich Unternehmen dann zunehmend so organisieren müssen, dass verantwortungsvolle Positionen auch jenseits der 60-Stunden-Woche möglich werden.

Wie Unternehmen vom neuen Selbstverständnis profitieren

Nach der anfänglichen Irritation hat meine Freundin die neue Einstellung ihrer jungen Mitarbeiter übrigens zu schätzen gelernt. Sie erscheinen ihr mittlerweile sogar ausgeglichener und gesünder als die Kollegen, für die nur die Arbeit zählt. Heute unterstützt ihr Führungsteam diese neue Haltung, sie bieten ihren Mitarbeitern zum Beispiel als Arbeitszeitmodell die 4-Tage-Woche oder verkürzte Wochenstunden an. Denn sie ist sich sicher, dass es auch der Arbeitsleistung zugute kommt, wenn die Mitarbeiter ihr Wohlbefinden und ihre Gesundheit im Blick behalten und für Ausgleich sorgen.

In der heutigen Zeit machen Innovationen und Ideen für ein Unternehmen oft den entscheidenden Unterschied. Kreativität, Weltoffenheit und Visionen: Das alles bringt die Generation Y mit. Was sie braucht, ist ein Arbeitsumfeld, in dem sie sich entfalten kann. Viele Unternehmen haben schon entscheidende Schritte in die richtige Richtung gemacht. Es bleibt ihnen auch gar nichts anderes übrig. Denn die Generation Z schwemmt auf den Arbeitsmarkt (die ab 1999 geborenen), und fordert den Arbeitgebern noch konsequenter ab, sich auf Ihre Bedürfnisse einzustellen. Erst die Arbeit und dann das Vergnügen? Darauf würden die Berufseinsteiger von heute wahrscheinlich kontern: „Ich erziele die besten Arbeitsergebnisse, wenn ich dabei Spaß habe.“

Über Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann

Johanna Hoffmann ist Soziologin und untersuchte viele Jahre als Marktforscherin in einer internationalen Medienagentur den Erfolg von Werbekampagnen. Sie interessiert sich insbesondere für das, was Menschen antreibt und schreibt seit März als Autorin für OnlineMarketing.de.

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