Human Resources
Deutschlands Industrie in der Krise: Wo Jobs wegfallen und neue entstehen

Deutschlands Industrie in der Krise: Wo Jobs wegfallen und neue entstehen

Marié Detlefsen | 28.10.26

Während in der deutschen Industrie Hunderttausende Stellen wegfallen, entstehen im Gesundheitswesen, im Sozialwesen und in der öffentlichen Verwaltung neue Arbeitsplätze. Eine ifo-Studie zeigt, welche Branchen Beschäftigung aufbauen – und warum das für den Arbeitsmarkt trotzdem zum Problem werden könnte.

Die deutsche Industrie hat zwischen Ende 2018 und Ende 2025 rund 496.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze verloren. Das entspricht einem Rückgang von 7,1 Prozent. Gleichzeitig stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Dienstleistungssektor um mehr als 2,2 Millionen. Besonders viele zusätzliche Stellen entstanden im Gesundheits- und Sozialwesen sowie in der öffentlichen Verwaltung. In der Automobilindustrie und im Maschinenbau ging die Beschäftigung dagegen zurück.

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Untersuchung des ifo Instituts der ifo-Niederlassung Dresden, die die Beschäftigungsentwicklung zwischen Ende 2018 und Ende 2025 vergleicht. Datengrundlage ist die Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit, die Selbstständige, Beamt:innen und geringfügig Beschäftigte nicht erfasst. Joachim Ragnitz, stellvertretender Leiter der Niederlassung, sieht darin ein Warnsignal. Der Stellenabbau in exportorientierten Industriezweigen könnte nach seiner Einschätzung das langfristige Wirtschaftswachstum in Deutschland beeinträchtigen.



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Autoindustrie, Metallverarbeitung und Maschinenbau bauen die meisten Stellen ab

Besonders betroffen vom Stellenabbau sind die Automobilindustrie, die Hersteller:innen von Metallerzeugnissen und der Maschinenbau. Die Automobilhersteller:innen und ihre Zulieferer:innen bauten 123.500 Arbeitsplätze ab – ein Minus von 13 Prozent. Bei den Hersteller:innen von Metallerzeugnissen fielen 115.600 Stellen weg, im Maschinenbau weitere 64.500. Zusammen entfallen auf diese drei Bereiche rund 60 Prozent des industriellen Beschäftigungsrückgangs.

Auch in der Zeitarbeitsbranche ist die Beschäftigung gesunken. Hier ging die Zahl der Beschäftigten um 243.000 zurück. Viele von ihnen waren in der Fertigung eingesetzt. Werden die in der Zeitarbeit Beschäftigten mit Fertigungs- und fertigungstechnischen Berufen der Industrie zugerechnet, erhöht sich der Beschäftigungsrückgang laut ifo Institut rechnerisch auf rund 628.000 Stellen. Diese Berechnung beruht allerdings auf der Annahme, dass die betreffenden Zeitarbeitskräfte ausschließlich im verarbeitenden Gewerbe eingesetzt wurden.

Als mögliche Ursache nennt die Studie die nachlassende Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen in Deutschland, insbesondere gegenüber China. Hinzu kommen laut Ragnitz veränderte weltwirtschaftliche Rahmenbedingungen, gestiegene Energiepreise und die Umstellung von Produktionstechnologien.

Ostdeutschland stärker vom Stellenabbau betroffen

Die regionalen Unterschiede sind erheblich: Während die Industriebeschäftigung in Westdeutschland um 6,8 Prozent zurückging, lag das Minus in Ostdeutschland bei 8,4 Prozent. Hamburg war das einzige Bundesland, das im Untersuchungszeitraum keinen Rückgang der Industriebeschäftigung verzeichnete.

In Thüringen und Sachsen-Anhalt sank sogar die sozialversicherungspflichtige Gesamtbeschäftigung. Eine Ausnahme zeigt sich dagegen im Automobilbau in Brandenburg: Dort entstanden durch die Ansiedlung von Tesla in Grünheide rund 9.700 zusätzliche Arbeitsplätze. In den übrigen ostdeutschen Bundesländern ging die Beschäftigung in diesem Industriezweig zurück.

Gesundheitswesen, Pflege und Verwaltung schaffen Hunderttausende Jobs

Während Industrieunternehmen Stellen abbauen, wächst der Dienstleistungssektor. Besonders viele zusätzliche Arbeitsplätze entstanden im Gesundheitswesen: Dort stieg die Beschäftigtenzahl um rund 392.000. Im Sozialwesen einschließlich der Pflegeheime entstanden weitere 357.000 Stellen. Als wesentlichen Grund für diese Entwicklung nennt die Untersuchung den demografischen Wandel. Durch die Alterung der Bevölkerung steigt der Bedarf an medizinischer Versorgung und Pflege.

Die öffentliche Verwaltung verzeichnete ebenfalls einen Beschäftigungszuwachs von 329.000 Personen. Ein Teil dieses Zuwachses hängt damit zusammen, dass frei werdende Beamtenstellen teilweise mit Angestellten neu besetzt wurden. Laut ifo Institut lässt sich allerdings nur rund acht Prozent des Beschäftigungsanstiegs in der öffentlichen Verwaltung durch diesen Effekt erklären.

Bei den privatwirtschaftlichen Dienstleistungen verzeichneten Unternehmen der Informations- und Kommunikationstechnik mit rund 236.000 zusätzlichen Beschäftigten den höchsten Zuwachs. In der Logistik kamen rund 176.000 Stellen hinzu, in der Unternehmensverwaltung und -beratung weitere 161.000.

Mehr Akademiker:innen beschäftigt, weniger Beschäftigte mit Berufsausbildung

Auch nach Qualifikation zeigen sich unterschiedliche Entwicklungen. Die Zahl der Beschäftigten mit Berufsausbildung sank um 252.000, während die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Akademiker:innen um 1,8 Millionen stieg. Bei Personen ohne anerkannten Berufsabschluss nahm die Beschäftigung ebenfalls zu, und zwar um 487.000. Die Studie zeigt damit einen Beschäftigungszuwachs sowohl bei akademischen Tätigkeiten als auch bei Tätigkeiten ohne anerkannten Berufsabschluss, während die Beschäftigung von Personen mit abgeschlossener Berufsausbildung zurückging

Welche Rolle digitale Tätigkeiten inzwischen in der deutschen Wirtschaft spielen, verdeutlicht eine Analyse des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW). Demnach beschäftigt die digitale Wirtschaft rund neun Millionen Menschen. Werden digital geprägte Tätigkeiten in anderen Wirtschaftszweigen einbezogen, sind es mehr als 15 Millionen. Der jährliche Wertschöpfungsbeitrag der digitalen Wirtschaft liegt bei rund 481 Milliarden Euro.

Warum neue Arbeitsplätze den industriellen Stellenabbau nicht ausgleichen müssen

Der Beschäftigungszuwachs in anderen Wirtschaftszweigen bedeutet nicht automatisch, dass die wirtschaftlichen Folgen des industriellen Stellenabbaus ausgeglichen werden. Entscheidend ist auch, in welchen Branchen Beschäftigung entsteht und welche Wertschöpfung dort erwirtschaftet wird. Der Rückgang der Beschäftigung in exportorientierten Industriezweigen wie dem Automobilbau und dem Maschinenbau könnte das langfristige Wachstumspotenzial der deutschen Wirtschaft beeinträchtigen, wenn die wegfallende Wertschöpfung nicht durch andere Wirtschaftszweige ausgeglichen wird.

Für Beschäftigte kommt ein weiteres Problem hinzu: Neue Arbeitsplätze entstehen nicht unbedingt in den Regionen, in denen Stellen abgebaut werden. Gleichzeitig stimmen die Qualifikationen der Arbeitsuchende nicht immer mit den Anforderungen offener Stellen überein. Das ifo Institut sieht darin ein Risiko: Trotz des Stellenabbaus könnten Unternehmen weiterhin Schwierigkeiten haben, ihren Personalbedarf zu decken.

Damit steht die deutsche Wirtschaft vor zwei Herausforderungen: Sie muss ihre industrielle Wettbewerbsfähigkeit verbessern und zugleich den beruflichen Wechsel von Beschäftigten aus schrumpfenden Branchen ermöglichen. Weiterbildung und Umschulung können helfen, Qualifikationsunterschiede zu verringern. Ob betroffene Arbeitnehmer:innen tatsächlich neue Beschäftigung finden, hängt jedoch ebenso davon ab, welche Stellen in ihrer Region verfügbar sind. Ragnitz warnt in einer Pressemitteilung des ifo Instituts aus Oktober7:

Deutschland erlebt einen verschärften Strukturwandel. Ausgerechnet die Branchen schrumpfen, die bisher unseren Wohlstand getragen haben. Die neuen Jobs entstehen meist nicht dort, wo Deutschland besonders produktiv und innovativ ist. Das kann unser Wachstumspotenzial künftig bremsen.


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