Human Resources
Chef:in werden? Nein, danke: Mehrheit in Deutschland will nicht befördert werden

Chef:in werden? Nein, danke: Mehrheit in Deutschland will nicht befördert werden

Marié Detlefsen | 21.08.26

Viele Beschäftigte in Deutschland wollen gar nicht mehr unbedingt in die Führung. Stattdessen geht es ihnen eher darum, sich weiterzuentwickeln, neue Skills zu lernen und fachlich besser zu werden. Das zeigt eine aktuelle Studie – so sollten Unternehmen jetzt darauf reagieren.

Karriereleiter rauf, mehr Verantwortung, größerer Titel – genau darauf haben viele Beschäftigte in Deutschland offenbar gar nicht mehr so viel Lust. Statt möglichst schnell nach oben zu kommen, stehen andere Ziele höher im Kurs.

Das zeigt die aktuelle Talent-Trends-Studie 2026 der Personalberatung Michael Page. Nur 18 Prozent der Beschäftigten in Deutschland nennen eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel. Im europäischen Vergleich ist das ziemlich wenig. Anders sieht es beispielsweise in Südeuropa aus: In Portugal nennen 48 Prozent der Befragten eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel. In Italien sind es 29 Prozent, in Polen 27 Prozent. Deutschland liegt damit am unteren Ende des Vergleichs. Einen ebenso niedrigen Wert weist laut Studie Österreich mit 18 Prozent auf.

Abbild eines Säulendiagramms, wie viele Angestellte in verschiedenen Ländern befördert werden wollen. Während in Portugal etwa 48 Prozent auf eine Beförderung hoffen, ist dies nur bei 18 Prozent der Arbeitnehmer:innen in Deutschland der Fall.
Während in Portugal 48 Prozent eine Beförderung als wichtigstes Karriereziel nennen, sind es in Deutschland nur 18 Prozent, © Michael Page

Karriere muss nicht nach oben führen

Doch warum ist der Aufstieg für so viele gar nicht mehr so wichtig? Für viele scheint die Rechnung schlicht nicht aufzugehen: 65 Prozent der Beschäftigten in Deutschland würden laut Michael Page eine Beförderung samt Gehaltserhöhung ablehnen, wenn ihr persönliches Wohlbefinden darunter leidet. Mehr Verantwortung ist vielen den zusätzlichen Stress offenbar einfach nicht wert.

Was vielen dagegen wichtig ist: sich beruflich weiterzuentwickeln. 49 Prozent möchten neue Fähigkeiten erwerben, 44 Prozent sich weiterbilden oder zusätzliche Qualifikationen erwerben. 36 Prozent wollen ihre Expertise im aktuellen Tätigkeitsbereich vertiefen.

Denn fachlich besser zu werden, Neues zu lernen und den eigenen Marktwert zu steigern, kann persönlich mehr bringen als einfach nur mehr Geld gegen mehr Stress. Neue Technologien, Digitalisierung und insbesondere Künstliche Intelligenz sorgen ohnehin dafür, dass sich Tätigkeiten und Anforderungen in vielen Berufen wandeln. Wer seine Fähigkeiten erweitert und Fachwissen vertieft, ist auf diese Veränderungen besser vorbereitet.

Warum sind Deutschland und Österreich so weit hinten?

Warum Deutschland und Österreich beim Beförderungswunsch so weit hinten liegen, erklärt die Studie nicht. Auffällig ist aber, dass beide Länder aus wirtschaftlich schwachen Jahren kommen. Deutschland verzeichnete 2025 nur ein Wirtschaftswachstum von 0,2 Prozent. Im Juli 2026 waren zudem mehr als drei Millionen Menschen arbeitslos, gleichzeitig blieb die Nachfrage nach Arbeitskräften schwach. In Österreich sieht es ähnlich aus. Nach zwei Rezessionsjahren wuchs das Bruttoinlandsprodukt 2025 nur leicht, auch für 2026 wird lediglich ein geringes Wachstum erwartet. Im Juli waren dort knapp 299.000 Menschen arbeitslos.

Die verhaltene wirtschaftliche Lage könnte mit dazu beitragen, dass Beschäftigte stärker auf Sicherheit und die eigene berufliche Entwicklung schauen als auf den nächsten Titel.

In Portugal und Polen wiederum wächst die Wirtschaft derzeit stärker und dort streben auch deutlich mehr Beschäftigte eine Beförderung an. Die kaufkraftbereinigten Durchschnittslöhne liegen in Deutschland und Österreich zugleich deutlich höher. In Ländern mit niedrigeren Einkommen kann der Gehaltssprung durch eine Beförderung deshalb attraktiver sein.

Ob Konjunktur und Einkommen tatsächlich erklären, warum der Beförderungswunsch so unterschiedlich ausfällt, lässt sich aus der Studie allerdings nicht ableiten.

Unternehmen müssen bei Karriereangeboten umdenken

Für Arbeitgeber:innen heißt das: Mit Führungspositionen und neuen Jobtiteln allein lassen sich viele Beschäftigte offenbar nicht mehr überzeugen. Wer gute Leute gewinnen und halten will, muss es ihnen auch ermöglichen, sich fachlich weiterzuentwickeln. Michael Baier, Geschäftsführer von Michael Page, sieht deshalb auch die Unternehmen gefordert:

Fachkräfte investieren gezielt in ihre Expertise, nicht in Titel. Dieser Trend prägt den Arbeitsmarkt, und Arbeitgeber müssen ihn ernst nehmen, wenn sie Talente gewinnen und halten wollen. Arbeitgeber sollten ihre Aus- und Weiterbildungsangebote klar sichtbar machen.

Gerade durch den technologischen Wandel wird das wichtiger. Wenn sich Aufgaben durch KI und Digitalisierung verändern, brauchen Beschäftigte Möglichkeiten, neue Fähigkeiten aufzubauen und ihr Wissen aktuell zu halten. Baier sagt:

In einem Arbeitsmarkt, in dem Künstliche Intelligenz Berufsbilder verändert, wird kontinuierliches Lernen zum Erfolgsfaktor für beide Seiten.

Für Unternehmen steckt darin gleich mehrfach Potenzial: Weiterbildung kann Beschäftigte länger binden, neue Karrierewege eröffnen und gleichzeitig dafür sorgen, dass wichtiges Know-how im Unternehmen bleibt. Dafür braucht es nicht immer die nächste Beförderung. Auch anspruchsvollere Projekte, zusätzliche Qualifikationen, mehr fachliche Verantwortung oder der Aufbau von Spezialwissen können Entwicklung ermöglichen – und für viele attraktiver sein als ein neuer Titel.


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