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Arbeitszeit oder Alltagszeit: Diese Länder betrügen im Home Office am meisten

Arbeitszeit oder Alltagszeit: Diese Länder betrügen im Home Office am meisten

Larissa Ceccio | 04.02.26

Während viele übers Home Office debattieren, liefert eine große YouGov-Studie den Realitäts-Check. Und ja: Europas Beschäftigte nutzen ihre Arbeitszeit privat – Deutschland noch am zurückhaltendsten. Doch wer „mogelt“ am meisten, wie viel Zeit verschwindet im Privaten und wie schlecht ist das Gewissen dabei wirklich?

Sorry an alle Home Office Fans, diese Studie bestätigt die Befürchtungen vieler Unternehmen, die dagegen sind. Seit Corona und dem Aufkommen von Home Office finden Meetings im Hoodie und Calls vom Küchentisch statt – und offenbar hat sich auch das Verhältnis zur Arbeitszeit stark verändert. Eine neue europäische Umfrage zeigt: Beruf und Privatleben verschmelzen im Home Office stärker als viele zugeben würden.

Genau dieses Spannungsfeld haben wir bereits in unserem Artikel zum Phänomen Hushed Hybrid – heimliches Home Office trotz Präsenzpflicht – beleuchtet. Im Artikel geht es darum, warum das zum Problem werden kann und welche Praxistipps Unternehmen helfen, die Situation in den Griff zu bekommen.



Zwischen Heimlichkeit und Home Office:
4 Tipps gegen Hushed Hybrid

Eine Frau liegt auf dem Sofa und arbeitet
© Artem Podrez – Pexels


So ehrlich arbeitet Europa im Home Office

Die repräsentative YouGov-Erhebung im Auftrag von Galaxus unter über 5.000 Erwerbstätigen zeigt: Angestellte in Deutschland geben vergleichsweise häufig an, im Home Office ausschließlich beruflich zu arbeiten. Auf dieser Basis wirkt Deutschland fast vorbildlich – zumindest aus Unternehmenssicht. In der Schweiz ist es nur jede fünfte Person, in Frankreich und Italien sogar nur jede zehnte. Der Rest nutzt die Nähe zum Non-Work-Alltag offenbar häufiger für kurze Abstecher zu Instagram und Co., private Nachrichten oder andere persönliche To-dos. Die Studie zeigt auch, wie lange die Pausen in den jeweiligen Ländern ausfallen.

Während viele Menschen in Deutschland und der Schweiz unter einer halben Stunde privater Nutzung pro Tag bleiben, kippt das Verhältnis in Frankreich. Zwei Drittel überschreiten diese Marke dort, fast jede zweite Person nutzt sogar mehr als eine Stunde Arbeitszeit für Privates – europäischer Spitzenwert.

Balkendiagramm zeigt für Deutschland, Österreich, Schweiz, Italien, Frankreich und den europäischen Durchschnitt, wie viele Minuten Arbeitszeit im Home Office für private Aktivitäten genutzt werden, unterteilt in Kategorien von null Minuten bis mehr als zwei Stunden.
So viele Minuten pro Tag verwenden Beschäftigte im Home Office für private Tätigkeiten – Vergleich mehrerer europäischer Länder, © Galaxus/YouGov

Dennoch bleibt Home Office auch hierzulande strukturell fest verankert. Deutschland gilt weiterhin als Home Office-Hochburg. Die eigentliche Frage müsste nicht lauten, ob Menschen überhaupt im Home Office arbeiten sollen, sondern wie diese vergleichsweise noch neue Arbeitsrealität geregelt werden sollte. Und theoretisch lassen sich auch im Büro private Nachrichten beantworten oder Kaffeeklatsch mit Kolleg:innen abhalten. Entscheidend ist somit weniger der Ort, sondern der Umgang mit Arbeitszeit. Doch wie sieht es denn im Büro mit privaten To-dos aus?

Schlechte Nachricht für Home Office-Befürworter:innen: Im Büro wird deutlich weniger gemogelt. Der Anteil der Personen mit null Minuten Privatzeit ist höher, lange private Zeitblöcke schrumpfen. Zuhause ist die Grenze zwischen „kurz Slack checken“ und „kurz Waschmaschine anstellen“ laut der Studie anscheinende einfach fließender.

Balkendiagramm zeigt für mehrere europäische Länder, wie viele Minuten pro Arbeitstag im Büro für private Aktivitäten wie Social Media oder private Nachrichten genutzt werden, aufgeteilt in Zeitkategorien von null Minuten bis über zwei Stunden.
Wie viel Arbeitszeit Beschäftigte im Büro für private Tätigkeiten nutzen – Ländervergleich nach Minuten pro Tag, © Galaxus/YouGov

„Gen (Z)eitbetrüger:innen“?

Jüngere Beschäftigte werfen Job und Privatleben besonders gern in einen Topf. In der Altersgruppe zwischen 15 und 29 Jahren gibt ein großer Teil an, im Home Office täglich mehr als eine Stunde für nicht-berufliche Aktivitäten zu nutzen.

Balkendiagramm zeigt, wie viel Zeit verschiedene Altersgruppen im Homeoffice für private Aktivitäten während der Arbeitszeit nutzen; Anteil über einer Stunde ist bei 15 bis29-Jährigen am höchsten.
Jüngere Beschäftigte verbringen im Home Office deutlich häufiger mehr als eine Stunde täglich mit privaten Tätigkeiten als ältere Altersgruppen, © Galaxus/YouGov

Mit zunehmendem Alter sinkt dieser Anteil deutlich.

Diagramm zur privaten Nutzung von Arbeitszeit im Büro nach Altersgruppen; zeigt geringere Zeitanteile für private Tätigkeiten als im Homeoffice, besonders bei älteren Beschäftigten.
Vor Ort im Büro sinkt die private Nutzung der Arbeitszeit in allen Altersgruppen – ältere Beschäftigte geben am häufigsten an, gar keine Zeit für Privates zu verwenden, © Galaxus/YouGov

Die Studie liefert keine Hinweise darauf, ob Jüngere deshalb ineffizienter arbeiten oder schlicht schneller fertig sind. Auffällig ist dagegen, was nicht auffällt: Zwischen den Geschlechtern gibt es kaum Unterschiede. Männer und Frauen nutzen Arbeitszeit ähnlich häufig für private Dinge.

Was wir wirklich tun, wenn wir angeblich arbeiten

In den unterschiedlichen Ländern wird die Arbeitszeit auf unterschiedliche Weise auch für private Dinge genutzt. Hier kommt der Vergleich:

In Frankreich und Deutschland stehen Social Media und privates Chatten besonders weit oben. In der Schweiz wird stattdessen gern durch Nachrichtenportale gescrollt. In Italien und Österreich wird überdurchschnittlich häufig privat telefoniert. Auffällig ist außerdem, dass Kochen oder Essen zubereiten vor allem in Deutschland häufig vorkommt – eine Tätigkeit, die viele eher mit Italien verbinden würden. Zwischen Excel-Tabelle und Slack Channel öffnet sich so immer wieder ein kleines Fenster zur privaten Welt, manchmal nur einen Klick entfernt, manchmal eine ganze Mahlzeit.

Infografik zeigt die häufigsten privaten Tätigkeiten während der Arbeitszeit in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz, darunter Social Media, Chatten, Telefonieren, News lesen, Kochen und Onlineshopping.
Beliebteste private Tätigkeiten während der Arbeitszeit im Ländervergleich, © Galaxus/YouGov

Schlechtes Gewissen? Eher mittel

Große Schuldgefühle? Fehlanzeige. In Italien hat die Mehrheit kein Problem mit privaten Minipausen während der Arbeitszeit. In Österreich plagt es rund ein Drittel zumindest gelegentlich. Deutschland, Schweiz und Frankreich liegen irgendwo dazwischen. Insgesamt zeigt sich: Für viele Beschäftigte ist die Grenze zwischen Job und Privatem längst flexibler geworden.

Balkendiagramm zum schlechten Gewissen bei privaten Aktivitäten während der Arbeitszeit in Österreich, Frankreich, Schweiz, Deutschland und Italien; Mehrheit wählt „selten“ oder „nein, überhaupt nicht“.
Gewissensfrage bei privater Nutzung von Arbeitszeit, © Galaxus/YouGov

Das ist kein reines Disziplinthema, sondern Ausdruck eines Kulturwandels. Arbeitszeit wird zunehmend als Ergebniszeit verstanden. Entscheidend ist, was am Ende rauskommt, nicht ob acht Stunden durchgehend auf den Bildschirm gestarrt wird.

Und hier kommt KI ins Spiel. Automatisierung und KI-Tools übernehmen immer mehr Routine-Tasks. Das kann Freiräume schaffen – für Kreatives, strategische Entscheidungen, konzeptionelles Arbeiten. Genau das, worin Menschen gegenüber KI ihren eigentlichen Mehrwert haben. Gleichzeitig wächst damit ein Risiko. Wenn gewonnene Zeit nicht in höherwertige Aufgaben fließt, sondern vor allem in private Ablenkung, wird die eigene Rolle angreifbar. Wer sich auf „Nebenbei-Arbeiten“ einpendelt, während KI produktiver wird, macht sich mittelfristig ersetzbarer.

Wie sollen Unternehmen damit umgehen?

Manche Unternehmen würden das Home Office am liebsten ganz zurückdrehen – und einige tun es bereits. International sorgten etwa Konzerne wie Amazon oder Meta mit verschärften Präsenzregeln für Schlagzeilen, während in Deutschland Unternehmen wie SAP, Otto, VW oder einzelne Mittelständler:innen ihre Remote-Optionen wieder einschränken und stärker auf Büroanwesenheit setzen. Dahinter steckt oft dieselbe Sorge: Wenn Arbeit weniger sichtbar ist, scheint sie schwerer kontrollierbar.

Doch kurze private Unterbrechungen müssen nicht automatisch Produktivitäts-Killer sein. Untersuchungen zeigen sogar, dass sogenannte Micro Breaks (Unterbrechungen von weniger als zehn Minuten) das Wohlbefinden steigern und Müdigkeit reduzieren können, was wiederum mit besserer Energie und Leistungsfähigkeit einhergeht. Problematisch wird es eher, wenn Erwartungen unklar sind. Dann entstehen Grauzonen – Stichwort Hushed Hybrid.

Unternehmen stehen deshalb vor einer strukturellen Aufgabe, die über Zeiterfassung hinausgeht. Es geht um klare Ziele statt reiner Präsenzlogik, transparente Kommunikation zu Erreichbarkeit und Deadlines, realistische Arbeitslast – und vor allem Vertrauen. Arbeit wird zunehmend als Ergebniszeit verstanden, nicht als reine Anwesenheit.



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Warum Produktivität ohne Flexibilität kaum möglich ist

Büro vs. Home Office
© Anna Tarazevich – Pexels bearbeitet via Canva

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