Social Media Marketing

Mass Story Viewing: Warum deine Instagram Stories neuerdings mehr Views verzeichnen

Das sogenannte Mass Story Viewing greift auf Instagram gerade um sich. Was auf den ersten Blick unproblematisch erscheint, ist es nicht.

© pawel szvmanski - Unsplash

Instagram hat ein Bot-Problem. Das weiß jeder, der sich regelmäßig auf der Plattform aufhält. Nach den Bot-Kommentaren und Bot Likes kommen nun die Bot Views. Was bedeuten die dazugewonnenen Views offensichtlicher Spam Accounts in den Stories und wer profitiert davon?

User verzeichnen deutlich mehr Views in den Stories

Mein Haus, mein Auto, meine Yacht – das war einmal. Wer auf Instagram unterwegs ist, der weiß, dass die neue Währung Likes, Kommentare und Follower sind. Die unverhohlene Jagd nach immer mehr Interaktionen hat dazu geführt, dass Instagram ein großes Problem mit Botspam hat. Ist eine möglichst gute Performance der Beiträge notwendig, um Influencer zu werden oder zu bleiben, haben Unternehmen sich lange von falschen Metriken blenden lassen. Nachdem Werbetreibende ihre anvisierten Influencer inzwischen größtenteils eingehender auf Herz und Nieren prüfen dürften als noch vor wenigen Jahren, gestaltet sich Betrug hier wesentlich schwieriger.

Zum Glück haben die Stories seit ihrer Einführung enormen Aufwind erhalten und sind das neue Gold auf Instagram. Dass es in diesem Bereich bislang nicht zu Manipulation gekommen ist, grenzt an ein Wunder. Oder? Seit kurzem verzeichnen User deutlich mehr Views in ihren Stories, ausgehend von zwielichtigen Accounts, aber auch Accounts von Celebrities oder normalen Nutzern.

Beispiel: Bei einer etwa eine Stunde alten Story auf meinem privaten (Business-)Account sind 16 der insgesamt 33 Views von Spambots. Im Test weist die erste Story darüber hinaus keine Sticker auf, während die zweite sowohl Hashtag als auch Geo Location enthält. Entgegen bisheriger Vermutungen auf Reddit etwa, spielt es für die Fake Views keine Rolle, ob Sticker enthalten sind. Beide Stories verzeichnen einen hohen Anteil an Bot Views.

Fake Views auf Stories sind bei mir unabhängig von Stickern wie Hashtag oder Geo Location (Klick auf Bild für größere Ansicht). Bei den App-Anbietern lassen sich neben Stickern weitere Parameter auswählen.

Klicke ich in meinem Fall auf die User Handles, sieht das Ergebnis durchgehend ähnlich aus. Die Zuschauer-Accounts haben nur wenige Follower und sind häufig privat. Lediglich die Bio verweist auf einen Link und nennt den Nutzernamen, den man dort wohl folglich suchen soll. Andere Profile sind öffentlich und dort finden sich ausländische Handynummern sowie ein wenig Content, der Account ist erst auf den zweiten Blick als Spam auszumachen.

Spam Accounts als Story Viewer (Klick auf Bild für größere Ansicht). Neben diesen offensichtlichen Fakes nutzen, insbesondere in Russland, jedoch auch große Accounts und Celebrities die Dienste.

Im Grunde genommen ist eine Zunahme von Views nicht problematisch. Betrachtet man die bloße Zahl, wird sich der Großteil der Nutzer wohl über das Mehr an Zuschauern freuen. Die Bot Views stammen unter anderem von russischen Drittanbietern, die mit diesem Fake Engagement, das sogenannte Mass Looking (die richtige Übersetzung wäre „Mass Viewing“), handeln. Wer von dem Service Gebrauch macht, kann die Stories ausgewählter Accounts abonnieren und täglich tausende davon automatisiert ansehen lassen. Der Endnutzer profitiert von den Views, denn eine bessere Performance sorgt beim Algorithmus entsprechend für eine bessere Platzierung. Das eigentliche Ziel ist allerdings ein anderes.

Das Angebot der Dienstleister umfasst das Abonnieren der Stories ausgewählter Accounts anhand unterschiedlicher Parameter, das automatisierte Anschauen sowie auch das Entfolgen nach einer gewissen Zeit.

Was wird mit dem Mass Story Viewing bezweckt?

Die Fake-Zuschauer aus meinen Stories generieren nicht aus reinem Altruismus Views, sondern wollen, dass ich auf den Link klicke oder die Handynummer via WhatsApp kontaktiere, um letztendlich einen kostenpflichtigen Online Dating-Dienst in Anspruch zu nehmen. Würde lediglich ein einziger Fake Viewer meine Story anschauen, würde mich das nicht neugierig machen. Daher fluten gleich dutzende Bot Views meine Stories. Die Anzahl fällt auf und verleitet zum Klick auf das Profil.

Andere User wiederum, die derartige Services in Anspruch nehmen, wollen mit den Views Aufmerksamkeit bei anderen und schlussendlich neue Follower generieren. Dies funktioniert in erster Linie bei kleineren Accounts, die sich ihre einigermaßen überschaubare Anzahl an Viewern noch anschauen. Stelle ich nach einer gewissen Zeit fest, dass ich anscheinend neue loyale Zuschauer habe, gerate ich unter Umständen in Versuchung diesen zu folgen, wenn mich der Content anspricht. Am Ende handelt es sich bei den Fake Story Views aber um genau dieselbe Strategie wie beim Fake Engagement im Feed.

Wie der weißrussische Digital Marketer Konstantin Kanin auf seinem Blog berichtet, ist die Strategie vor einigen Monaten aufgekommen und erfreut sich derzeit in Russland einer hohen Beliebtheit bei Celebrities und Social Media-Sternchen. Diese nutzen entsprechende Apps und Anbieter für einen Zugewinn an Followern und geraten, damit öffentlich konfrontiert, öfter in Erklärungsnot („Ich interessiere mich für meine Fans und schaue hin und wieder, was sie so machen!“).

Ist Mass Story Viewing problematisch?

Für denjenigen Nutzer, der die zusätzlichen Views in seinen Stories ungewollt erhält, wird das Mass Story Viewing nicht zum Problem – sofern er keine Kooperationen mit Unternehmen hat und dabei Gefahr läuft gegen etwaige Verträge zu verstoßen. Transparenz ist hier das Zauberwort. Influencer und diejenigen, die es werden wollen, können sich die Mass Views allerdings auch selbst zuschanzen und dann wird es für Werbetreibende problematisch. Daher sollten Agenturen und Unternehmen betreffende Mitarbeiter über das neue Bot Engagement in den Stories zeitnah briefen.

Wie lässt sich gegen unerwünschte Views vorgehen?

Usern, die ein Mass Story Viewing von Fake oder Spam Accounts umgehen wollen, ist zu raten, ihre Stories nur „Engen Freunden“ zugänglich zu machen. Die Einstellung lässt sich ganz einfach direkt beim Setup der Story finden. Andernfalls können sie ihre Profile auf privat stellen oder die Mass Viewer blocken. Dies lässt sich innerhalb der Story vornehmen: Dort, wo die Viewer aufgelistet werden, genügt ein Klick auf die drei Punkte neben dem Usernamen, um eine Auswahl zu treffen. Allerdings dürfte dieses Vorgehen wenig nachhaltig, dafür aber unter Umständen mit einem enormen Aufwand verbunden sein.

Instagram blockt Accounts inzwischen, wenn diese zu viele Stories anschauen. Screenshot gefunden bei Konstantin Kanin

Wer mit dem Gedanken spielt, die Mass Story View-Strategie für seinen Account einzusetzen, um seine Follower aufzustocken, dem ist dringend davon abzuraten. Nicht nur, dass User immer empfindlicher auf Bot Engagement und Spam reagieren. Auch ist Instagram sich dieses neuen Problems bereits bewusst und straft User entsprechend ab. Zwar haben wir in unseren Hemisphären bislang noch nicht viel von Mass Story Viewing gehört, doch hat die Plattform bereits Nutzer für die Verwendung der Dienste gesperrt.

Über Tina Bauer

Tina Bauer

Studierte Sozialwissenschaftlerin mit Hang zu Online und Marketing. Seit 2014 bei OnlineMarketing.de, seit 2019 Senior Content Manager.

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