Politik

Google Walkout: Knapp 17.000 protestieren weltweit für einen Wandel in der Branche

Der global organisierte Walkout wurde zum großen Protestmarsch gegen Ungleichbehandlung und den Umgang mit sexueller Belästigung bei Google.

Google Walkout For Real Change,© @nitashatiku, WIRED

Es war wohl der Bericht der New York Times, der das Fass zum Überlaufen brachte. Mitarbeitende bei Google organisierten den Walkout aus Protest gegen eine Unternehmenskultur, deren Umgang mit sexueller Belästigung und Aufrechterhaltung patriarchalischer Strukturen inakzeptabel geworden war. In zahlreichen Unternehmensstandorten gingen Tausende auf die Straße, um gegen Zwangsschlichtungen, für mehr Transparenz und Gleichbehandlung zu protestieren.

Der Walkout wird zur massiven Bewegung

Beinah 17.000 Mitarbeitende von über 40 Standorten waren beim organisierten Google Walkout dabei. Die Leute verließen gestern gesammelt ihre Arbeitsplätze, um ihre Rechte einzufordern und die Unternehmenskultur bei Google zur Debatte zu stellen.

Auslöser war womöglich ein Bericht der New York Times gewesen. Darin wurde dargestellt, dass der ehemalige Entwickler Googles, Andy Rubin, trotz der glaubhaften schweren Vorwürfe der sexuellen Belästigung in seiner Zeit bei Google und der darauf folgenden Ausbootung mit einem Abfindungspaket in Höhe von 90 Millionen US-Dollar bedacht worden war. Darüber hinaus stellt der Bericht dar, dass schon zuvor hochrangige Mitarbeiter trotz ähnlicher Vorwürfe mit Abfindungen ausbezahlt worden waren. Google selbst hatte mit einem Brief an die Belegschaft reagiert, der herausstellte, dass man jeden Fall sexueller Belästigung sehr ernst nehme; und dass daher bereits 48 Mitarbeitende, darunter 13 hochrangige wegen sexueller Belästigung entlassen wurden – allein in den letzten zwei Jahren. Damit konnte man intern jedoch keinen Protest verhindern. Dieser formierte sich aus einem wachsenden Unmut heraus:

I feel like there’s a pattern of powerful men getting away with awful behavior towards women at Google‚ or if they don’t get away with it, they get a slap on the wrist, or they get sent away with a golden parachute, like Andy Rubin. And it’s a leadership of mostly men making the decisions about what kind of consequences to give, or not give,

so eine anonyme Mitarbeiterin.

Gegen sexuelle Belästigung, für Transparenz und Gleichbehandlung

Das Ungleichgewicht, das bei Google trotz womöglich anders lautender Annahmen zu herrschen scheint, ist nun Anlass für den Protest. Dass es sich dabei nicht um eine kleine Splittergruppe handelt, zeigt die Zahl der Teilnehmenden. In San Francisco war eine große Menge anzutreffen, genauso aber auch in Dublin, wo die europäische Zentrale des Unternehmens zuhause ist.

Frauen wie Männer sprachen sich durch ihr Auftreten – und Wegbleiben vom Arbeitsplatz – deutlich für eine Veränderung der Praktiken im Unternehmen aus. Bei Google und womöglich in der Tech-Branche überhaupt sind sexuelle Belästigung, strukturelle Unterdrückung von Personengruppen oder Ansichten und Intransparenz noch immer ein großes Problem. Daher definiert die Organisation Google Walkout For Real Change klare Ziele.

Die Ziele des Google Walkout For Real Change, © Google Walkout For Real Change

Dabei steht an erster Stelle, dass in Fällen von Diskriminierung und sexueller Belästigung keine „Zwangsschlichtung“ stattfinden darf, also eine obligatorische Schlichtung, die wenig individuell ist. Im Zuge dessen wird ebenso gefordert, dass die Untersuchung von sexueller Belästigung im Unternehmen transparent und öffentlich dargestellt wird. Des Weiteren sollen bessere Möglichkeiten geschaffen werden, um derlei Fälle sicher und anonym melden zu können; die umfassend Geltung haben. Ein Vorschlag lautet hier, dass der Chief Diversity Officer direkt an den CEO – in Googles Fall also Sundar Pichai – Bericht erstattet. Außerdem soll ein Arbeitnehmendenvertreter in den Vorstand eingeführt werden.

Dass sexuelle Belästigung auch bei Google kein Einzelfall oder Randphänomen ist, zeigt nicht nur ein Bericht der NYT. Denn beim Google Walkout wurden anonymisierte Darstellungen von Frauen vorgelesen, die im Unternehmen Diskriminierung oder sexuelle Belästigung erlebt hatten.

Eine gleiche Bezahlung bleibt ebenso ein zentrales Thema

Eine klare Politik zur Unterbindung und Bestrafung solcher Praktiken ist vonnöten. Wie sehr, das wird mit dem großen Protest mehr als deutlich. Dabei sprechen sich die Mitarbeitenden ebenfalls für eine Gleichbehandlung in Sachen Bezahlung und Fortbildung sowie Chancengleichheit überhaupt aus. Obwohl wir das Jahr 2018 schreiben, müssen Frauen auch oder gerade in der Tech-Szene für diese eigentlich nur logischen Gegebenheiten kämpfen. Das tun sie beim Walkout mitunter mit Humor.

Allerdings sollte dieser Google Walkout von Google, der Tech-Branche und Arbeitgebern überhaupt nicht als gut gemeinte Versammlung aus Protest gegen einige Phänomene abgetan werden. Die große Bereitschaft der Mitarbeitenden sich öffentlich zu positionieren zeugt eher davon, dass sich mehr Widerstand gegen etablierte Muster der Ungleichbehandlung in Unternehmen regt. Es ist Zeit, dass Führungskräfte und Vorstände weltweit endlich anerkennen, dass es keine auf Geschlecht, Ethnie oder Alter etc. basierende Unterschiede bei Menschen geben darf, die für ein Unternehmen arbeiten. Weder bei der Bezahlung noch bei der Behandlung. Und dass für sexuelle Belästigung keine Entschuldigungen, Legitimationen und kein Schutz des Täters angemessen sind.

Der Google Walkout For Real Change macht stark auf die Thematik aufmerksam, die einen Großteil der Branche betreffen dürfte. Google sieht sich nun im Auge der Öffentlichkeit und sollte reagieren; aber nicht aus diesem Grund, sondern aus Überzeugung und Integrität heraus. Doch manchmal braucht es eine Aktion wie diese, um Veränderung zu bewirken. Die Organisation tut also allen Arbeitnehmenden einen Gefallen. Den Diskurs um Gleichbehandlung und den Umgang mit sexueller Belästigung zu fokussieren ist ein gesellschaftlich relevantes Thema. Es zeigt, dass noch immer etwas falsch läuft. Jetzt ist die Zeit für Unternehmen und Organisationen sich klar zu positionieren.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

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