SEO - Suchmaschinenoptimierung

Gender Bias bei Google? Wie gut rankt die Zahnärztin für Zahnarzt?

Wer nach Berufsgruppen googelt, gibt meist die maskuline Form ein. Doch wie rankt eine Ärztin oder Anwältin? Die Unterschiede sind enorm, wie Malte Landwehr herausgefunden hat.

Screenshot Google

Das Beispiel ist einfach: wer einmal „Zahnarzt“ und „Zahnärztin“ googelt, erhält klar verschiedene Ergebnisse. Die Gender-Unterscheidung, zumindest sprachlich, bedeutet auch differente SERPs. Doch ist Google wirklich so sehr auf die maskuline Form gepolt, dass es für explizit feminin eingetragene Berufsgruppen schwer wird, Traffic zu erlangen? Malte Landwehr von Searchmetrics hat den Test gemacht – und erstaunliche Ergebnisse hervorgebracht.

72 Prozent des Suchvolumens für maskuline Berufsgruppen

Um der Diskussion rund um Gender Bias bei der Suchmaschine eine neue Perspektive hinzuzufügen, hat Malte Landwehr von Searchmetrics, seines Zeichens SEO-Experte, eine eigene Analyse durchgeführt, von der er bei Facebook berichtet. Dazu hat er 65 Berufe sowohl in der weiblichen als auch männlichen Schreibweise geprüft. Die erste Erkenntnis macht eine vergleichende Analyse jedoch schon hinfällig. Die Ergebnisse bei den unterschiedlichen Suchanfragen unterscheiden sich so sehr, dass eine Vergleichbarkeit nicht möglich ist. Als Beispiel führt er die verschiedenen SERPs für die Suchanfragen „Zahnarzt“ und „Zahnärztin“ an.

Landwehrs Test zu Zahnarzt und Zahnärztin (mit einem Klick aufs Bild gelangt ihr zur größeren Ansicht), © Malte Landwehr

Reproduzieren wir die Suchanfragen, erhalten wir auch unterschiedliche Ergebnisse. Zudem finden sich für die Anfrage „Zahnarzt“ gleich vier Anzeigen, für „Zahnärztin“ keine.

Zahnarzt vs. Zahnärztin bei der Googlesuche (mit einem Klick aufs Bild gelangt ihr zur größeren Ansicht), Screenshot Google

Ob Berlin oder Hamburg, die Ergebnisse differieren klar. Im Test stellte Landwehr fest, dass 72 Prozent des Suchvolumens für Berufsgruppen auf maskuline Formen entfallen. Nur bei einer seiner 65 getesteten Berufsgruppen war die feminine Form mit einem höheren Suchvolumen bedacht: bei der Kosmetikerin.

Weitere Werte zur Suche im Gender-Kontext

Nicht nur, dass das Suchvolumen für maskuline Formen wie Steuerberater oder Anwalt meist höher war, bei 80 Prozent der Begriffe lag dieses Volumen für feminine Begriffe sogar unter zehn Prozent. Und bei 95 Prozent der Berufe waren 99 Prozent des Suchvolumens an die maskuline Schreibweise gebunden.

Während wir nicht reproduzieren konnten, dass bei der Unterscheidung von „Immobilienmakler“ und „Immobilienmaklerin“ zunächst Maps bei der männlichen, ein Video Slider bei der weiblichen Form erscheint, tauchten die Videos in den SERPs an unterer Stelle doch auch auf.

SERPs für Immobilienmakler und Immobilienmaklerin bei Malte Landwehr (mit einem Klick aufs Bild gelangt ihr zur größeren Ansicht), © Malte Landwehr

Das gleiche Ergebnis wie Landwehr erhalten wir jedoch, wenn wir nach „Möbelbauerin“ suchen. Google geht davon aus, dass wir den „Möbelbauer“ meinen und gibt entsprechende Ergebnisse preis.

Bei der Möbelbauerin wird direkt auf den Möbelbauer verwiesen (mit einem Klick aufs Bild gelangt ihr zur größeren Ansicht), Screenshot Google

Die Diskussion um die Gender-Frage bei Google

Was bedeuten diese Ergebnissen nun? Einerseits basieren sie auf dem, was die Mehrheit der Suchenden eingibt. Und das wird in den meisten Fällen eine maskuline Form sein. Das ist, vereinfacht gesprochen, einer historisch gewachsenen Vereinfachung geschuldet, ließe sich argumentieren. So sagen die meisten wohl „Ich gehe zum Arzt“ oder „Sie brauchen einen Anwalt“, ohne damit zu meinen, dass es immer die männlichen Vertreter sind. Immerhin sind diese und viele andere Berufe schon sehr lange keine Männerdomänen mehr. Daher ist auch davon auszugehen, dass Suchende, die bei Google Zahnarzt eingeben, keine Unterscheidung machen würden zwischen weiblichen und männlichen Vertretern der Berufsgruppe.

Andererseits ist es für Zahnärztinnen und Co. schwierig, Traffic über die Suchmaschine zu erhalten, wenn nicht auf die maskuline Form hin optimiert wird. Die Diskussion bleibt spannend: geht es tatsächlich um Gender Bias, könnte Googles Algorithmus die männlichen und weiblichen Formen als gleichberechtigt erkennen, unter der Prämisse, dass die Suchenden nicht speziell nach Geschlecht suchen? Aber was wäre dann, wenn eine Person spezifisch einen Frauenarzt sucht? Oder umgekehrt, dann könnte Google nicht die besten und passendsten Ergebnisse liefern. Interessant ist auch, dass die Autocomplete-Funktion von Google die weiblichen Formen oft gar nicht bedenkt, wie ein User im Kommentar angibt. Hier ein Beispiel:

Autocomplete, die Imkerin fehlt, Screenshot Google

Es bleibt gewissermaßen bei einem Problem des Reproduzierens. Die Nutzer setzen im Gros auf männliche Begriffe, Googles Technologie reagiert entsprechend und die femininen Formen müssen spezifisch gesucht werden, was, wie Landwehr zeigt, doch sehr selten vorkommt; noch verstärkt durch das Autocomplete-Phänomen. Zum Problem wird dann, dass, obwohl wir mit dem meist auch kürzeren männlichen Suchbegriff Frauen wie Männer meinen, meist nur Männer in den SERPs auftauchen. Es sei denn, dass Frauen auf männliche Keywords hin optimieren; was sie tun müssen, um mehr Traffic zu erlangen. Ob das so gendergerecht ist, ist diskutabel. Sicherlich ist der Algorithmus nicht gleichberechtigend, allerdings ist er aus Nutzungsmustern erwachsen, die erst aufgebrochen werden müssten. Die Frage ist: wer muss den ersten Schritt machen, Google oder die Nutzerschaft? Wahrscheinlicher dürfte sein, dass Google weibliche wie männliche Entitäten gleich einschätzt. Denn dass die User vermehrt die femininen Formen googlen, erscheint auf kurze Sicht noch illusorisch. Wer übrigens beide Begriffe eingibt, erhält auch Ergebnisse aus beiden Geschlechtern.

Verfolgt die Diskussion bei Malte Landwehrs Post und schaut euch seine Erkenntnisse an.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

3 Gedanken zu „Gender Bias bei Google? Wie gut rankt die Zahnärztin für Zahnarzt?

  1. Jan Tappé

    Hallo liebe Kollegen, hallo Niklas,

    der Artikel selber und die dahinterstehende Fragestellung ist interessant. Allerdings scheint es so, als wurde hier dem Simpson Paradoxon nicht Rechnung getragen.

    Nehmen wir Zahnarzt vs. Zahnärztin als Beispiel. Der Vergleich und damit der vermeintliche Gender Bias bei Google in den Suchergebnissen würde nur dann die Wirklichkeit abbilden, wenn die Anteile der jeweiligen Populationen gleich wären.

    Zur Erklärung: Bei einer Suche nach Zahnarzt/-ärztin ist die Suchintension in der Regel das Finden einer Zahnärztlichen Praxis. Die eigentlichen Suchergebnisse sind dann immer aber auch mit dem jeweiligen eingetragenen Arzt oder mit der eingetragenen Ärztin verbunden, sprich als Suchergebnis taucht dann Herr oder Frau Dr. Tralala als Praxisinhaber auf.

    Nun verhält es sich jedoch so, dass die Mehrheit der angestellten Zahnärzte (=64%) weiblich sind und damit nicht Praxisinhaber*1. Hier liegt also ein typischer Fall des Simpson Paradoxon*2 vor.

    Eine interessante weiterführende Aufgabe wäre es nun, ein entsprechende Untersuchung durchzuführen, die es erlaubt, das Simpson Paradoxon zu egalisieren.

    Kollegiale Grüße aus Kiel
    Jan

    *1 Quelle: https://www.quintessenz-news.de/frauen-auf-der-ueberholspur-wie-weiblich-wird-der-dentalmarkt/
    *2 https://en.wikipedia.org/wiki/Simpson%27s_paradox

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    1. Niklas LewanczikNiklas Lewanczik Artikelautor

      Hallo Jan,

      ein spannender Aspekt, den man auch noch analysieren könnte. Die hinter den einzelnen Suchergebnissen liegende Wahrheit lässt sich allerdings auf den ersten Blick von Suchenden kaum erfassen. Und womöglich wird der Suchende, wenn ihm ein Ergebnis wie Praxis Herr Dr. XY angezeigt wird, dort aber viele Zahnärztinnen angestellt sind, doch zunächst das Bild des männlichen Inhabers verinnerlichen. Es geht ja zunächst darum, auf welche Keywords hin Unternehmensseiten optimieren müssen, um bei Google gut zu ranken (und im Zweifel auch für Zahnarzt, wenn viele Zahnärztinnen dort arbeiten oder wenn die Inhaberin selbst Zahnärztin ist). Mit mehr semantischer SEO wäre das wohl möglich.
      So aber zeigen sich zumindest auf den ersten Blick Unterschiede, die natürlich oberflächlich sind, aber das Bild, das der Suchende in den SERPs wahrnimmt und von dem er ausgeht, um ggf. weiter nachzuforschen.
      Dennoch wäre eine Betrachtung unter Berücksichtigung des Paradoxons sicher sehr spannend.

      Beste Grüße

      Antworten
  2. Mark Lehmann

    Das ist Gott sei Dank nicht das Problem meiner Kunden. Glück gehabt, denn die Chefs sind zufälligerweise männlich. Hmm… Den Beitrag werde ich mir aber merken für mein nächsten weiblichen Kunden, falls es Diskussionen geben sollte bezüglich der zu optimieren keywords.

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