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Experteninterview: Prof. Dr. Mario Fischer

Prof. Dr. Mario Fischer ist einer der wenigen Online-Wissenschaftler in Deutschland und teilt ein paar interessante Meinungen zur Branche.

Prof. Dr. Mario Fischer

Prof. Dr. Mario Fischer

Dr. Mario Fischer ist Professor für E-Commerce an der Hochschule für angewandte Wissenschaften (FH) in Würzburg, leitet das tms Beratungsinstitut und ist Herausgeber des Fachmagazins

Mario, du bist einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland, die das Thema Online Marketing für sich entdeckt haben. Mittlerweile hast du an der FH Würzburg einige hundert Nachwuchstalente auf den Weg gebracht, wofür dir in der Branche viele dankbar sind. Warum glaubst du, ist es so schwierig, das Thema Online Marketing besser in der akademischen Bildung zu verankern?

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Oh – vielen Dank für die Blumen ;-) Was Du da zu Recht als Problem ansprichst, ist tatsächlich nicht so einfach zu lösen. Es hat aus meiner Sicht zwei zentrale Ursachen. Die sicherlich Hinderlichste ist in der Art und Weise der akademischen Organisationen zu sehen. Um zum/zur Professor(in) berufen zu werden, muss man natürlich zu Recht neben fachlichen auch wissenschaftliche Kompetenz nachweisen. In der Regel wird dieser Nachweis über eine erfolgreiche und gut bewertete Promotion, also den Doktortitel erbracht. Es gibt sicher sehr viele fähige Leute in der Branche, die wenigsten können aber mit einem solchen Titel aufwarten. Erschwerend kommt dazu, dass Hochschulen nur einen Bruchteil von dem bezahlen, was jemand in dieser Branche auf dem freien Markt verdient bzw. verdienen könnte. Die Bewerber/innen-Lage ist hier also recht dünn – wovon ich ein Lied singen kann, da wir gerade eben im letzten Oktober einen neuen Studiengang “E-Commerce” gestartet haben und es extremst schwer ist/war, geeignete Bewerber zu finden. Und nochmal erschwerend muss man berücksichtigen, dass der Staat auch immer erst mal entsprechende Stellen schaffen muss. Einen neuen Lehrstuhl an einer Universität zu gründen, ist eine teure Angelegenheit – und das geht auch nicht von heute auf morgen, die Mühlen mahlen hier zum Teil halt einfach zu langsam – im Vergleich zum rasanten Fortschritt im Web bzw. E-Commerce.

Vom Platzmangel in den zum Teil alten Bauten will ich gar nicht reden. So lange diese Lehrstühle (noch) nicht da sind, gibt es dann leider auch keinen entsprechenden wissenschaftlichen Nachwuchs. Das gibt vielleicht einen kleinen Eindruck, warum das alles so lange – viel zu lange- dauert.
Die zweite Ursache hängt ein wenig damit zusammen: Dass man so etwas auch studieren kann, ist im Mindset der Schüler noch nicht angekommen. Bevorzugt gesucht werden die klassischen Studienfächer. Unser neuer Studiengang E-Commerce hat inhaltlich wirklich alles drin, was man sich wünschen kann.

Ich habe ihn ganz stringent zusammen mit den Kollegen auf die Bedürfnisse des Marktes entwickelt und man kann davon ausgehen, dass man uns die Absolventen regelrecht aus den Händen reißen wird. Wir hatten eine Menge guter Promotion vor dem Start wie z. B. einen Artikel in der Chip mit immerhin mehr als einer Viertel Mio. Lesern. Trotzdem kommen die Erstsemester hauptsächlich aus dem Raum Würzburg – eine Wahrnehmung von außerhalb fand bisher praktisch nicht statt. Was ich damit sagen will: Die jungen Schüler sind zwar extrem interessiert an dem Thema, kümmern sich aber nicht eigenständig darum, ob und wo man das studieren könnte. Neben Wedel (eine private Hochschule) sind wir derzeit die einzige Hochschule, die E-Commerce grundständig als Studium anbietet. Alleine vom Interesse her müssten wir Tausende von Bewerbern haben, tatsächlich waren es bisher nur ca. 120 zum Start. Die jungen Leute haben das trotz unserer “Marketingmaßnahmen” noch nicht auf dem Schirm. Unsere Anfänger müssen ja nun auch noch 3,5 Jahre studieren und stehen erst DANN dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Ein Wahnsinn, wenn man sieht, wie der Arbeitsmarkt schon jetzt nach akademisch ausgebildeten Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen praktisch lechzt. Ja, das scheint mir das korrekte Wort dafür zu sein ;-)

Deine beiden Website Boosting Bücher gehören zu den ersten und besten Büchern in der Online Marketing Branche. Waren sie auch erfolgreich?

Bei nun fast 30.000 verkauften Exemplaren und einiger Jahre in der Top 10 Liste bei Amazon im Bereich “Web und Internet” würde ich mich trauen, diese Frage zu bejahen. Ich bekommen noch heute fast täglich Dankesmails von Lesern, die mit dem Buch ihre Websites nach vorne und zu mehr Umsatz gebracht haben. Das freut mich wirklich sehr!

Du beschäftigst dich insbesondere auch mit SEO. Ähnlich wie beim Branding ist es dort mit der Messbarkeit und Erfolgsanalyse einzelner Maßnahmen ja oft sehr schwierig. Kriegt der Wissenschaftler in dir da nicht oft schlechte Laune, wenn man sich am Ende doch nur sagen kann “Das hat aber Matt Cutts so empfohlen”?

Nein, das ist ja auch nicht so. Den Erfolg kann man glaube ich meist schon ganz gut messen, wenn definiert wurde, was für ein Unternehmen konkret “Erfolg” bedeutet. Spannend ist ja immer die Frage dahinter, wie der Erfolg genau zu Stande kommt bzw. warum jetzt eine Seite besser rankt, als eine andere. Wir haben es bei Google ja mit einer riesigen Black Box zu tun (einige hundert Milliarden Webseiten rein und gerankte Ergebnisse wieder raus). Man kann -im Prinzip- sehen, was in diese Box rein läuft und noch genauer, was raus kommt. Das eigentliche Problem liegt ja nicht in der zumindest grob machbaren Analyse möglicher Rankingfaktoren, sondern darin, dass andere Seiten ja auch erheblichen Einfluss haben. Eine Seite kann ja nur deswegen nach oben rutschen, weil die Seiten darüber irgendetwas gemacht haben, was negativ wirkt. Stringente Ursache-Wirkungsbeziehungen “nachzuweisen” sind damit wissenschaftlich gesehen praktisch unmöglich. Aber gerade das ist es ja was so reizvoll ist – die hohe Herausforderung!
Patientengruppen unterschiedliche Medikament zu verabreichen und dann z. B. die Blutwerte zu vergleichen fände ich persönlich eher unspannend. Der ständige Wandel und seine Wirkungen, praktisch jeden Tag passiert was Neues.
Das ist aus meiner Sicht eines der besten Arbeitsfelder. Was Matt empfiehlt, ist bekanntermaßen nicht immer das, was auch den Erfolg bringt. Man muss schon genau hinhören und zwischen den Zeilen lesen, wenn er Dinge klarstellt oder auch Warnungen ausspricht.

Welche Marketingkanäle haben aus deiner Sicht für die nächsten Jahre das größte Wachstumspotenzial und was muss passieren, dass dieses ausgeschöpft werden kann?

Da kann ich nur nachplappern, was alle sagen: Die Verbindung zwischen Mobile und Local. Die Vernetzungsmöglichkeiten lokaler Suche (etwas “lokal” suchen und eine Suche “lokal” ausführen) mit Webinhalten werden uns wohl die nächste Zeit beschäftigen. Ob so viel von der “SoschlMedia”-Hype übrigbleibt, wie manch einer vermutet, da bin ich mir noch nicht so sicher. Es wird sich erst noch zeigen müssen, ob Menschen, die im “Chatmodus” sind, in nenneswertem Umfang auch für Werbung empfänglich sind und wie weit die oft zitierten “persönlichen Empfehlungen” -die es ja eh schon immer gibt!- hier einen spürbaren Push bringen werden. Spannend wird sicher die Verknüpfung von Inhalten aus dem “klassischen” Fernsehen mit vernünftiger Werbung. Also wenn ich mir z. B. eine Folge Two and an half Man ansehe und mir die Uhr von Charly Sheen (schlechtes Beispiel, ich weiß) gefällt, würde ich das Bild gerne einfrieren, darauf klicken und Infos darüber bekommen. Da ist noch ein weiter Weg hin, aber das fände ich 100 mal spannender als mir in einer aufgezwungenen Werbeunterbrechung Tampons ansehen zu müssen. Da liegt sicher ein ganz enormer Marketingkanal verborgen. Und ich bin mir noch nicht mal sicher, ob ein “immer noch mehr”
Investment in die schon bestehenden Marketingkanäle der Schlüssel zu mehr Umsatz ist. Man schaufelt immer mehr Traffic auf Seiten und fast niemand macht sich mal Gedanken, warum noch immer 97% dieser Besucher nichts kaufen.
Hier liegt meiner Einschätzung nach das wahre E-Commerce Gold vergraben.
Insofern würde ich Teile des Budgets für Online Marketing dorthin steuern, statt es in immer neue Kanäle zu pumpen. Oft ist der schon bestehende Traffic mehr als ausreichend. Man macht nur zu wenig daraus. Ich bin mir aber jetzt nicht sicher, ob Du das von mir hören wolltet… ;-)

Doch, genau das wollte ich hören. Vielen Dank für die interessanten Antworten, Mario und weiterhin viel Erfolg!

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