Social Media Marketing

#DeleteFacebook, ein Firefox Add-on & kein Präzedenzfall: Der Nutzer im Zwiespalt

Unter dem Hashtag #DeleteFacebook sammelt sich die Bewegung zur Abkehr vom Sozialen Netzwerk und Firefox bietet ein Add-on gegen Facebook Tracking. Doch ist dies nur Aktionismus? Und was bedeutet es, wenn nicht?

Screenshot YouTube, © Facebook

Der Skandal um Facebook und an die Cambridge Analytica abgeflossenen Daten beherrscht weiter den Diskurs um den Social Media-Riesen. Mit der Aufforderung Delete Facebook raten Datenschützer, Politiker und Co. zum Ausstieg bei Facebook. Bei der Macht der Plattform muss man sich jedoch fragen: wird diese Bewegung anhalten? Und welche Konsequenzen sind zu fürchten, wenn sie im Sande verläuft?

Delete Facebook wohl nur begrenzt eine Option

Einige bekannte Größen haben es vorgemacht und ihre Accounts bei Facebook gelöscht. So hat Playboy bei PN Newswire eine Erklärung veröffentlicht, warum man das Netzwerk verlassen werde. Auch Elon Musk hat dafür gesorgt, dass die offiziellen Seiten von Tesla und SpaceX nicht mehr verfügbar sind. Und diese hatten laut The Verge immerhin je knapp 2,6 Millionen Follower.

Bei Twitter finden sich unter #deletefacebook noch reihenweise Nutzer, die ihre Verbindung zur Plattform ebenfalls kappen.

Andere Nutzer rufen unter #boycottfacebook vielmehr dazu auf, den Account nicht zu löschen, aber das Netzwerk mit Inaktivität zu strafen.

Allerdings darf die Frage gestellt werden, ob die Bestrebungen zur Abwendung von Facebook von Dauer sind. Bei Tesla und SpaceX scheint es zumindest bislang eher um ein symbolisches Moment zu gehen. Denn die Accounts der Unternehmen auf Instagram – das Facebook schließlich gehört – sind weiterhin aktiv. Der Aufschrei ist in der Tat groß. Und es zeichnet sich ab, dass die harsche Kritik auch weiterhin dazu führen wird, dass massenhaft Nutzer Facebook verlassen. Aber wird sich das Soziale Netzwerk, das ohnehin längst etwas von seinem einstigen Glanz eingebüßt hat, wirklich grundlegend ändern? Das bleibt zu bezweifeln, denn viele Nutzer werden ob der Praktikabilität bei Facebook bleiben. Das dürfte auch für viele Unternehmen gelten, die ihre soziale Reichweite bei kaum einem anderen Netzwerk ähnlich aufrechterhalten könnten. Damit kommen die User in den Zwiespalt zwischen Alternativlosigkeit und der Unsicherheit in Bezug auf die Datensicherheit.

Und es gibt inzwischen bereits Optionen, die bei diesen Bedenken zumindest eine oberflächliche Lösung darstellen.

Der Facebook Container bei Firefox

Beim Firefoxbrowser kannst du jetzt ein Add-on installieren, mit dem du bei Facebook bleiben kannst, ohne dass die Plattform deine Surfgewohnheiten mitschneidet. Der Facebook Container soll verhindern, dass Facebook deine Bewegungen im Netz trackt.

Facebook Container für Firefox, © Firefox

Damit kann die Netzaktivität von Facebook isoliert werden, und zwar insofern, dass Links in isolierten Tabs geöffnet werden. So soll beispielsweise vermieden werden, dass du nach der Produktsuche auf anderen Seiten die entsprechenden Artikel bei Facebook postwendend beworben bekommst.

Diese Option bietet sich als Ansatz an, um Facebook einige Daten vorzuenthalten. Dass jedoch die Daten der Nutzer das große Kapital des Unternehmens darstellen und dass damit Geschäfte gemacht werden, sollte nicht überraschen. Besonders, wenn in Betracht gezogen wird, dass die Plattform kostenlos ist und den Usern überaus viele Features und Möglichkeiten bietet. Die Werbemaschine Facebook hat in der digitalen Gesellschaft, vor allem in Social Media, eine Sonderstellung inne. Und die Annahme, jedweder Austausch von Daten und Zahlungen beruhe stets nur auf ethisch vertretbaren Grundlagen, lässt sich mit Gutgläubigkeit umschreiben.

Doch was womöglich im Verborgenen längst schwelte, ist nun zum medialen Flächenbrand geworden. Welche Konsequenzen muss Facebook aber wirklich fürchten?

„Empfindlichere Strafen“ und finanzielle Einbrüche

Die Politik hat schon Hebel in Bewegung gesetzt, um Facebook mindestens zu rügen. Mark Zuckerberg möchte allerdings nicht persönlich vor dem britischen Parlamentsausschuss für Digitales, Kultur und Medien erscheinen, wie die Tagesschau berichtet hat. Dafür sollen hohe Mitarbeiter des Unternehmens abgestellt werden. Mit einigen Mitarbeitern hat auch die neue Justizministerin Katarina Barley jüngst gesprochen. Aus einer Pressemitteilung der Bundesregierung geht hervor, dass man bei Facebook Fehler eingestanden und Verbesserungen versprochen habe. Das sei der Bundesregierung jedoch nicht genug. Eine strengere Überwachung sei künftig ebenso nötig wie „empfindlichere Strafen“, betonte Barley. Zudem forderte die Ministerin mehr Transparenz in Bezug auf Facebooks Algorithmen und machte deutlich, dass die Anwendung vorhandener Rechtsmittel konsequent durchgesetzt werden müsse; und dass sich Großkonzerne den Standards nicht entziehen dürften.

Genau hier setzt jedoch ein Problem an. Durch seine monopolistische Stellung scheint Facebook über manchen Dingen zu stehen. Ja, finanziell könnte Facebook nun den schlechtesten Monat seit 2012 erleben, wie Ad Age zu berichten weiß. Knapp 100 Milliarden US-Dollar Marktwertverlust musste das Unternehmen im Zuge des Skandals hinnehmen. Und ein Blick auf den Kurvenverlauf der Facebookaktie an der Börse spricht Bände.

Die Facebook-Aktie an der US-Börse

Natürlich werden viele, auch namhafte, Nutzer die Plattform verlassen. Doch genauso wollen oder können Millionen User dies nicht tun. In einem Bericht von QUARTZ wird diesbezüglich argumentiert, dass sehr viele Menschen Facebook für ihre täglich Arbeit oder ihr eigenes Unternehmen benötigen. In manchen Ländern sei die Plattform beinah ein Synonym für das Internet überhaupt. Wenngleich etwas überspitzt, ist diese Analogie nicht völlig abwegig – und ein Grund dafür, dass Facebook trotz des Skandals um Cambridge Analytica nicht fallen wird. Straucheln, aber nicht fallen. Denn die Zahl der globalen Internetnutzer liegt bei knapp über vier Milliarden; 2,1 Milliarden davon gehen bislang zu Facebook. Und das Unternehmen kontrolliert natürlich auch Whatsapp und Instagram, die zusammen auf eine ähnliche Nutzerzahl kommen.

Cambridge Analytica droht zum Präzedenzfall zu werden, aber in trügerischem Sinne

Mit der Aufdeckung der „Verluste“ von Daten Facebooks, welche Cambridge Analytica für die eigenen Zwecke missbrauchte, ist die Öffentlichkeit für die großen Gefahren, die ein so mächtiges Unternehmen wie Facebook mit sich bringt, sensibilisiert worden. Doch als Präzedenzfall kann diese Affäre nicht im Hinblick auf hartes Durchgreifen oder gar Selbstzerstörung gelten. Denn die Politik und Unternehmen belassen es mehr oder weniger bei Rüffeln und Rügen. Diese kommen Facebook zwar teuer zu stehen – werden in der Rückschau womöglich aber nur wie ein weiteres Hindernis wirken. Immerhin könnte dem Sozialen Netzwerk wohl derzeit nur ein Exodus von Abermillionen Nutzern gefährlich werden, oder das geschlossene Fernbleiben von wichtigen Werbekunden. Dieses Szenario bleibt aber, zugegebenermaßen auch mangels vergleichbarer Alternativen, unwahrscheinlich.

Die Zwickmühle, in der viele Facebook-Nutzer sich nun befinden, könnte letztlich sogar den Ausschlag dazu geben, dass der Vorfall zum Exempel aus falschen Motiven mutiert. Denn wenn ein derartiger Eingriff in die Datenrechte und das Vertrauen der Nutzer keine schwerwiegenden und grundlegenden Konsequenzen nach sich zieht, könnten künftige Verstöße als kalkuliertes Risiko eingestuft werden. Dabei geht es nicht um einen Vorsatz, denn Facebook möchte seiner Community Datenschutz, Social Media-Freiheiten und -Features und die passenden Ads bieten. Aber die Maschinerie ist inzwischen so mächtig, dass es selbst für das Unternehmen zur unermesslichen Aufgabe wird, die Potentiale des Datenmissbrauchs und anderer Verstöße zu erkennen und zu unterbinden.

Und in einer so daten- und profitgetriebenen Branche, in der Facebook und Cambridge Analytica, aber ebenso unzählige Andere Werbepartnerschaften eingehen, darf der logisch denkende Internetznutzer nicht davon ausgehen, dass jede Datenverarbeitung bestimmten Richtlinien in allen Punkten gerecht wird. Daher dürfte die Überraschung derzeit gar nicht so groß sein. Für Viele ist der Skandal dennoch ein guter Anlass, um sich von Facebook abzumelden.

Doch sicher nicht für die Mehrheit. Und Facebook selbst reagiert naturgemäß heute mit der Überarbeitung ihrer Privatsphäre-Tools. Diese ist in Zusammenarbeit „mit Aufsichtsbehörden, Gesetzgebern und Datenschutz-Experten“ entstanden. Aber eben erst jetzt, wo alle Welt über #deletefacebook nachdenkt.

Über Niklas Lewanczik

Niklas Lewanczik

Niklas hat an der Uni Hamburg Deutsche Sprache und Literatur sowie Medien- und Kommunikationswissenschaften studiert und schreibt als Redakteur über Social Media, SEO und innovative Themen im Kontext des digitalen Marketing. Wenn er sich nicht gerade dem Marketing zuwendet, dann womöglich den Entwicklungen im modernen Fußball oder dem einen oder anderen guten Buch.

Ein Gedanke zu „#DeleteFacebook, ein Firefox Add-on & kein Präzedenzfall: Der Nutzer im Zwiespalt

  1. Alexander Nink

    Nun, es bleibt abzuwarten. Die große Abwanderung erwarte ich nun nicht!

    Allerdings ist dies nun ein kräftiger Schuß vor dem Bug für Facebook. Andere Netzwerke können sich wieder mehr etablieren.

    Einige Online-Martketer stöhnen jetzt schon, und schieben den Schwarzen Peter nicht Facebook zu, sondern den Benutzern. „Warum gebt ihr auch so viel Preis“, obwohl gerade Online Marketer mit diesen Daten arbeiten. Nun geben Sie Tipps wie man seine Daten auf Facebook schützen kann.

    Eigentlich eine verzwickte Situation!

    Die graue Linie ist bei der Grafik schon interessant, die hätte ich gern gesehen vor Cambridge Analytica!

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