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Unternehmenskultur
Das Triage-System: Entscheidungen treffen wie in der Notaufnahme
© Piron Guillaume - Unsplash

Das Triage-System: Entscheidungen treffen wie in der Notaufnahme

Michelle Winner | 11.10.19

Täglich stehen wir vor Entscheidungen - egal ob beruflich oder privat. Stress ist meist vorprogrammiert. Eine Methode aus der Medizin kann Entscheidungsmuffeln jedoch helfen.

In unserem täglichen Leben werden wir ständig mit Situationen konfrontiert, die Entscheidungen erfordern. Dabei kann es um einfache Sachverhalte gehen, wie die Wahl des Abendbrots, oder eben auch weltbewegendes. Manchmal entsteht eine regelrechte Flut an Entscheidungen und oft wird verlangt, diese sofort zu treffen. Besonders im Arbeitsalltag wird einem oft die Pistole auf die Brust gesetzt: „Was sollen wir tun? Entscheide jetzt oder nie!“ Kein Wunder, dass viele von uns auf Dauer überfordert sind, gestresst werden und irgendwann damit beginnen, immer entscheidungsunfreudiger zu werden. Ein Trick aus der Notaufnahme kann uns jedoch helfen, wieder Herr der Lage zu werden und selbst zu wählen, wann welches Problem angegangen wird.

Das Triage-System

Vielleicht kennt ihr es aus Arztserien: Eine Katastrophe passiert und die Ärzte vor Ort teilen die Betroffenen nach Schweregrad ihrer Verletzungen ein. Dabei wird entschieden, wer sofortige Hilfe benötigt, wer später behandelt werden kann oder bei wem jede Hilfe zu spät ist. Dieses System wird auch in Notaufnahmen hier in Deutschland und anderen Ländern der Welt angewandt, mit dem Unterschied dass davon ausgegangen wird, dass jedem eintreffenden Verletzten geholfen werden kann. Die Methode hat vor allem einen Vorteil: Anstatt überstürzt zu handeln, verschaffen sich Krankenschwestern und Ärzte die Zeit zur Einschätzung der Situation. Sie können abwägen, bei wem sofortige Hilfe unabdingbar ist und wer noch etwas warten kann. Diese kleine Pause bringt Ruhe in den Strom der Entscheidungen – und auch wir können davon profitieren.

Natürlich hängen, in den meisten Fällen, keine Menschenleben von unseren Entscheidungen ab. Doch dafür teilweise Arbeitsplätze, das Bestehen eines Unternehmens und vieles mehr. Wer überfordert davon ist, kann sich ein Beispiel am Triage-System nehmen und so wieder zu Atem kommen. Dafür solltest du dir beim Fällen von Entscheidungen folgende Fragen stellen:

Profitiert meine Entscheidung von mehr Zeit?

Manchmal scheint es so, als wenn du eine Entscheidung sofort treffen musst. Doch ist das wirklich so? Auch wenn alles hektisch wirkt, kannst du versuchen abzuwägen: Option A wäre eine sofortige Lösung, doch was ist mit Option B? Wenn du dir die Zeit nimmst, selbst wenn es nur Minuten sind, dir einen weiteren Lösungsansatz anzusehen und zu bewerten, bekommst du vielleicht eine neue Sicht auf das Problem selbst. Anhand dessen fällst du am Ende vermutlich eine bessere Entscheidung, als wenn du dich auf die erstbeste Option einlässt. Gerade im Kampf gegen die Konkurrenz oder lebensverändernden Entscheidungen profitierst du davon, alle deine Möglichkeiten zu kennen.

Versuche ich lediglich Zeit zu schinden?

Im Gegensatz zum vorherigen Absatz kann zu viel Zeit jedoch dafür sorgen, dass das Unvermeidbare hinausgezögert wird. Es gibt Entscheidungen, die getroffen werden müssen, auch wenn sie unangenehm sind. Natürlich kannst du in einem solchen Fall auch all deine Optionen prüfen, doch ab einem bestimmten Punkt ist dein Zögern reines Zeitschinden. Besonders Phrasen wie „Mal sehen, vielleicht ergibt sich noch was“ sind ein Indikator dafür, dass die Entscheidung eigentlich schon fest steht, du dich jedoch davor drückst sie zu fällen.

Habe ich alle nötigen Informationen?

Im Beispiel der Notaufnahme sind Informationen ein wichtiges Instrument im Entscheidungsmanagement. Ärzte basieren ihre Behandlungsmethode darauf, was sie über den Patienten und seine Verletzungen oder Symptome wissen. Gleichzeitig ist es jedoch so, dass es kaum möglich ist alle Informationen zu haben. Es kann immer sein, dass nach und nach neue Erkenntnisse dazu kommen – wie auch in unserem Arbeitsalltag. Wenn du eine Entscheidung fällen sollst, führe dir eins vor Augen: Du musst nicht alle Informationen haben, sondern die relevanten. Weißt du genug, um eine Entscheidung treffen zu können, triff diese. Gleichzeitig solltest du flexibel sein und agil. Denn plötzlich kann von links oder rechts eine neue Info kommen, die dein Vorgehen aus der Bahn wirft. In diesem Moment musst du souverän umplanen, den neuen Input verarbeiten und deinen Weg anpassen.

Warum wird mir die Pistole auf die Brust gesetzt?

In vielen Fällen sind es andere, die uns dazu zwingen wollen, Entscheidung sofort zu treffen. Der dadurch ausgelöste Stress in Kombination mit der Angst, die Kollegen zu enttäuschen oder Fehler zu machen, kann für die Psyche fatale Folgen haben. Wenn dir also jemand Druck macht, solltest du als Erstes hinterfragen, wieso die Person das tut. Oft liegt es daran, dass dein Kollege selbst einen Zeitplan mit Deadlines hat, die eingehalten werden müssen. Nichtsdestotrotz musst du deine Entscheidung nicht übereilen. Versuche stattdessen mit der betroffenen Person zu reden und gemeinsam zu brainstormen. So ergeben sich neue Blickwinkel, die wiederum zu neuen Lösungsansätzen führen können.

Das Triage-System ist eine gute Orientierung für alle Entscheidungsmuffel, aber auch für die, die in ihrer Situation überfordert sind. Manchmal haben wir einfach das Gefühl, die Zeit renne unaufhaltsam und Verzögerungen wären ein No-Go. Doch wenn Ärzte und Krankenschwestern sich Bedenkzeit verschaffen können, kannst du das auch. Egal ob eine Woche oder wenige Sekunden: verstehe und analysiere deine Situation und wirf einen Blick auf deine Möglichkeiten. So kannst du besser abwägen und effizientere Entscheidungen treffen. Denn mal ehrlich: Lieber etwas Zeit nehmen und den richtigen Weg wählen, anstatt auf Hauruck entscheiden und es später bereuen.