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Unternehmenskultur
Google verpasst Mitarbeitenden Maulkorb zu Antitrust-Thematik
© Benjamin Dada - Unsplash

Google verpasst Mitarbeitenden Maulkorb zu Antitrust-Thematik

Caroline Immer | 14.10.20

Google hat eine Monopolstellung erreicht und lässt aufgrund seines enormen Einflusses kaum Wettbewerb zu. Doch jene Angelegenheiten werden intern - wenn überhaupt - nur mit äußerster Geheimhaltung diskutiert.

Die US-amerikanische Antitrust-Gesetzgebung soll die Wirtschaft vor monopolistischen Business-Praktiken schützen. Es soll verhindert werden, dass Unternehmen eine Monopolstellung erlangen. Stattdessen soll der faire Wettbewerb aufrechterhalten werden. Doch in vielen Fällen entspricht diese Vorstellung nicht der Realität. Das US-amerikanische Subcommittee on Antitrust, Commercial and Administrative Law of the Committee on the Judiciary hat kürzlich einen Bericht zu den Praktiken von Facebook, Google, Amazon und Apple veröffentlicht. Laut diesem hätten die Riesen-Konzerne ihre Macht missbraucht. Ihr Einfluss müsse aktiv eingeschränkt werden. Nun hat die New York Times publik gemacht, wie Google in der Vergangenheit intern mit Antitrust-Angelegenheiten umgegangen ist.

Über alles wird gesprochen – nur über Antitrust nicht

Trotz der normalerweise recht offenen Diskussionskultur bei Google bleibt ein Thema meistens außen vor: Antitrust. Denn Angelegenheiten bezüglich Googles Monopolstellung und des Wettbewerbs werden in dem Unternehmen zu großen Teilen vermieden. Weder in E-Mails, bei Meetings und erst recht nicht bei Vorstellungsgesprächen wird das Thema angesprochen. So wurde ein Bewerber, nachdem er in einer E-Mail an Sundar Pichai, Googles CEO, eine Frage zu den möglichen Antitrust-Auswirkungen eines von Google geplanten Mergers gestellt hatte, zwar nicht direkt vom Verfahren ausgeschlossen, aber dennoch negativ beurteilt. So verriet ein Insider, dass bei Google hinterfragt wurde, ob jemand, der sich mit einer solchen Frage an Pichai wendet, tatsächlich für den Job geeignet sei.

Google muss nach dem ernüchternden Bericht des US-Untersuchungsausschusses ebenso wie andere Tech-Riesen mit einigen Einschränkungen und Veränderungen in der Digitalwelt rechnen. Dennoch wird die Angelegenheit in den internen Google-Foren, wo normalerweise über alles Mögliche debattiert wird, nicht angesprochen. Denn die oberen Etagen von Google wissen: Mit kartellrechtlichen Angelegenheiten ist nicht zu spaßen. Dass über diese intern nicht diskutiert werden darf, scheint eine unausgesprochene Abmachung zu sein. Die Realität ist: Googles Mitarbeitende profitieren davon, dass Google mittlerweile zum Monopol geworden ist und mit keiner namhaften Konkurrenz zu kämpfen hat.

Mitarbeitende angeblich kein Interesse an Antitrust-Problemen

Google wurde in der Vergangenheit schon oft mit kartellrechtlichen Fällen konfrontiert. Nachdem das Unternehmen 2013 nach einer zweijährigen Untersuchung der FTC (Federal Trade Comission) das Glück hatte, dass diese zu keinen für Google schädlichen Ergebnissen gekommen war und ein Rechtsstreit somit vermieden wurde, scheint das Unternehmen ein stärkeres Bewusstsein für regulatorische Risiken entwickelt zu haben. Antitrust wurde folglich vermehrt bei internen Strategien und Vorgehensweisen beachtet. Dennoch blieben jene Angelegenheiten für einen Großteil der Mitarbeitenden von keinem großen Interesse. Für viele war das Kartellrecht angeblich nichts, womit sie sich beschäftigten oder überhaupt beschäftigen wollten. Trotzdem wurden alle Mitarbeitenden des Unternehmens geschult, dass man sich bei Google für einen fairen Wettbewerb einsetze, die Konkurrenz jedoch nicht zu einem Einflussfaktor bei der Arbeit werden solle.

So umgeht Google rechtliche Schwierigkeiten

Trotz des angeblichen Desinteresses vonseiten der Mitarbeitenden setzt Google weitreichende Maßnahmen um, um Kommunikation über Antitrust-Angelegenheiten nicht an die Öffentlichkeit gelangen zu lassen. In einem jährlichen Online-Kurs wird den Mitarbeitenden beigebracht, wie sie in E-Mails und Dokumenten kommunizieren sollen. So heißt es in dem Kurs etwa:

We are not out to ‘crush,’ ‘kill,’ ‘hurt,’ ‘block,’ or do anything else that might be perceived as evil or unfair.

In Meetings selbst würden, sobald die Diskussion sich hin zu Themen rund um Googles Monopolstellung und den Wettbewerb bewege, keine Mitschriften mehr gemacht, wie Mitarbeitende berichten. Darüber hinaus werden auch E-Mails, in welchen es nicht um rechtliche Angelegenheiten geht, oftmals als „A/C Priv“ (attorney-client privilege) gekennzeichnet. Dies hat den Zweck, im Fall der Fälle dem Justice Department oder ähnlichen Instituten die internen Informationen zumindest vorerst vorenthalten zu können, da diese mit jener Kennzeichnung als „geheime Kommunikation“ deklariert werden können. Es bleibt abzuwarten, ob sich die Kultur des Schweigens und der Geheimhaltung rund um Antitrust bei Google auch in Zukunft halten wird, oder ob sich das Unternehmen endlich offen zu seiner unbestrittenen Monopolstellung und dem damit verbundenen Machtmissbrauch äußern wird.