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Digitalisierung
Trotz Digitalisierung: Jugendliche halten an traditionellen Berufen fest
© Ben White - Unsplash

Trotz Digitalisierung: Jugendliche halten an traditionellen Berufen fest

Michelle Winner | 24.01.20

Eine OECD-Studie zeigt, dass sich Berufe und Studium dem modernen Alltag anpassen, es der neuen Generation jedoch an Vorstellungsvermögen über die zukunftsorientierten Tätigkeitsfelder fehlt.

Der Wandel auf dem Arbeitsmarkt durch die Digitalisierung bringt viele neue Berufsbilder mit sich. Um dem gerecht zu werden, haben sich auch die Studiengänge verändert und zeichnen sich vor allem durch moderne Bezeichnungen aus. Diese können jedoch irreführend sein und verschleiern, worum es überhaupt geht. Und so zeigt nun eine OECD-Studie, dass Jugendliche sich an traditionellen Berufsbildern festklammern – und mit den neuen Berufs- beziehungsweise Studienbegriffen nichts anfangen können.

Traditionelle Jobs als Berufswunsch

Verglichen wurden die Ergebnisse der Pisa-Studie aus den Jahren 2000 und 2018 in 41 Ländern. Den 15-jährigen Teilnehmern wurde die Frage danach gestellt, in welchem Beruf sie im Alter von 30 arbeiten wollen würden. Und überraschenderweise haben sich die Antworten, trotz der großen Zeitspanne, kaum verändert. Jugendliche sehen sich selbst vor allen Dingen in traditionellen Berufsbildern. Die Folgen der Digitalisierung scheinen ihnen dabei nicht klar zu sein, denn auch Berufe, die drohen auszusterben, werden gern genannt. Doch wieso sind sich die Berufstätigen von morgen dessen nicht bewusst? Ein Grund dafür sind Gender Expectations und der soziale und kulturelle Hintergrund. In vielen Familien werden die traditionellen Berufsbilder als ideal angesehen, weil sie greifbarer sind und man sich unter der Tätigkeit etwas vorstellen kann. Hinzu kommen die altbackenen Geschlechterrollen, nach denen Jungs sich beispielsweise eher technisch und handwerklich orientieren oder Führungspositionen anstreben sollten.

Vergleich der Wunschberufe von Mädchen

2000 2018
1 Lehrerin Ärztin
2 Ärztin Lehrerin
3 Anwältin Managerin
4 Psychologin Anwältin
5 Krankenschwester/Hebamme Krankenschwester/Hebamme
6 Managerin Psychologin
7 Tierärztin Designerin
8 Journalistin/Autorin Tierärztin
9 Sekretärin Polizistin
10 Friseurin Architektin

Die Tabelle zeigt, dass sich trotz eines Unterschieds von 18 Jahren nur wenig am Idealbild eines Berufs verändert hat. Lehrerin und Ärztin sind sozial angesehene Tätigkeiten, die vor allem auch finanzielle Sicherheit versprechen. Außerdem sind technische Berufe kaum vertreten, was auf das Bestehen gewisser Gender Expectations hinweist. Jedoch zeugen Berufswünsche wie Polizistin oder Managerin davon, dass immer mehr Mädchen sich davon nicht mehr einschränken lassen wollen. Bei den Jungs zeigt sich ein ähnliches Bild:

2000 2018
1 Manager Ingenieur
2 Informatiker Manager
3 Ingenieur Arzt
4 Arzt Informatiker
5 Sportler Sportler
6 Lehrer Lehrer
7 Anwalt Polizist
8 KFZ-Mechatroniker KFZ-Mechatroniker
9 Architekt Anwalt
10 Polizist Architekt

Deutschland ist „weniger traditionell“

Diese Aussage ist mit Vorsicht zu genießen, doch insgesamt tendieren Jugendliche in Deutschland weniger häufig zu den traditionellen Berufen – insgesamt nur vier von zehn 15-Jährigen. Das läge unter anderem daran, dass die Schulen hierzulande gute Arbeit in Sachen Berufskunde betreiben. Nichtsdestotrotz finden sich in der aktuellen Top Ten der Wunschberufe für Mädchen und Jungen immer noch hauptsächlich traditionelle Berufe. Was zu einem weiteren Problem führt: Die Digitalisierung wird nicht genug thematisiert und die mit ihr verbundenen Veränderungen im Studium sowie im Arbeitsleben werden vergessen. Eine Studie der Unversity of Applied Sciences Europe zeigt, dass 62 Prozent der Abiturienten und Studienbewerber der Meinung sind, dass progressive Studiengänge unentbehrlich für die Zukunft des Arbeitsmarkts sind. Jedoch können sich nur weniger als 30 Prozent etwas unter all den neuen Bezeichnungen Vorstellen. Prof. Dr. Wolfgang Merkle, kommissarischer Prorektor Studium + Lehre an der University of Applied Sciences Europe, erklärt dazu:

Das erklärt die Schere zwischen dem dringenden Bedarf der Wirtschaft und der Tendenz bei Jugendlichen, lieber traditionelle Studiengänge zu wählen. Die Zukunftsfähigkeit Deutschlands wird von Wirtschaftsexperten immer mehr in Frage gestellt – insbesondere in Bezug auf Lehre und Ausbildung. Der Arbeitsmarkt in Deutschland verlangt nach neuen Ausbildungsinhalten. Wir Hochschulen müssen neue, inhaltlich progressive Studiengänge für die Digitalwirtschaft schaffen, um den Bedarf der Wirtschaft von morgen stillen zu können. Trotzdem ist die Akzeptanz im Markt noch zu gering. Als […] internationale Hochschule erleben wir ein sehr hohes Interesse von ausländischen Studierenden an modernen Studiengängen aus Deutschland. Das widerspricht dem Interesse von Studienbewerbern aus dem eigenen Land. Es wäre wichtig, dass an Schulen bessere Programme aufgesetzt werden, um Schüler an Themen wie Digitalisierung oder digitaler Arbeitsmarkt heranzuführen.

Um die Wirtschaft am Laufen zu halten und die Digitalisierung zu meistern, darf die Jugend, also die künftige Generation von Berufstätigen, nicht vergessen werden. Die Verfasser der Studie warnen davor, dass sich zu viele junge Menschen an Berufe festklammern, die schon bald durch die Automatisierung aussterben könnten. Deutschland sei dafür noch anfälliger als andere Länder. Genau deshalb ist es wichtig, die Digitalisierung zum Thema an Schulen zu machen und Jugendliche über Berufsbilder aufzuklären, die abstrakt klingen. Denn Berufe wie der Site Reliability Engineer dürften zukünftig essentielle Rollen spielen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die neue Generation für den Arbeitsmarkt der Zukunft gewappnet ist. Die gesamten Ergebnisse der Studie könnt ihr hier nachvollziehen.