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Büroalltag
Good Vibes Only? So schädlich ist Toxic Positivity am Arbeitsplatz
Amanda Jones - Unsplash

Good Vibes Only? So schädlich ist Toxic Positivity am Arbeitsplatz

Caroline Immer | 20.10.20

Toxic Positivity - was erst einmal wie ein Widerspruch klingt, ist der zwanghafte Versuch, keinerlei Negativität in das eigene Leben zu lassen. Wir erklären, wie schädlich das für die psychische Gesundheit und den Arbeitsalltag sein kann.

Wer hat es noch nicht erlebt: Man hatte einen schlechten Tag, vielleicht sogar eine schlechte Woche, und möchte einfach mal dem Ärger Luft machen und seinen Frust rauslassen. Doch von Freunden, Familie oder Kollegen, welchen man von seinem Kummer erzählt, hört man nur: „Das wird schon wieder. Denk positiv!“ Schön und gut – optimistisch zu bleiben ist erst einmal nichts Schlechtes. Doch „Good Vibes Only“ sind nicht immer nur wünschenswert – denn negative Empfindungen nicht zuzulassen ist ungesund. Psychologin Dr. Jacinta M. Jiménez erklärt auf ihrem Blog und auf LinkedIn, was genau Toxic Positivity ist und warum diese schädlich für den Arbeitsalltag sein kann. Die wichtigsten Erkenntnisse fassen wir dir hier zusammen.

Was ist Toxic Positivity?

Das menschliche Gehirn ist ein wundersamer Ort, an dem eine unglaubliche Vielfalt verschiedenster Empfindungen produziert wird. Und einige dieser authentischen Gefühle sind nun mal alles andere als positiv. Daher scheint es auf den ersten Blick nur logisch, alles, was jene Emotionen verursachen könnte, zu vermeiden. Und Negativität, wenn sie sich doch mal in unseren Gedanken breit macht, schleunigst durch positive Gedanken zu ersetzen. Doch so einfach ist das nicht.

Wer ständig versucht, die eigenen negativen Empfindungen durch „Feel Good“-Emotionen zu ersetzen und erstere dadurch gar nicht erst zulässt – oder genau das anderen rät – praktiziert womöglich Toxic Positivity. Denn es ist oft alles andere als einfach, in jeglichen Situationen positiv zu bleiben – und kann sogar schädlich sein. Eine Studie der American Psychologocial Association ergab, dass das Streben nach Glück oftmals mit einer zwanghaften Fokussierung auf alle nicht-positiven Gefühle einhergeht, was uns letztendlich noch unglücklicher machen kann. Eine weitere Studie des Journal of Personality and Social Psychology legt nahe, dass die Akzeptanz negativer Emotionen im Gegensatz zur Vermeidung dieser dazu führt, dass wir auf kurze sowie lange Sicht lernen, mit diesen besser umzugehen.

Wieso erzwungene Positivität am Arbeitsplatz schädlich sein kann

Wenn wir ständig versuchen, den Blick nur auf die positiven Dinge zu richten, können reale Erfahrungen von Schmerz, Unwohlsein oder Ärger oftmals übersehen oder gar unterdrückt werden. Das ist weder im privaten, noch im beruflichen Kontext von Vorteil. Denn wer immer nur die volle Hälfte des Glases sehen will, übersieht das Glas als Ganzes – genau wie der, der nur die leere Hälfte sieht.

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© Dr. Jacinta M. Jiménez via LinkedIn

Doch welchen Schaden kann Toxic Positivity am Arbeitsplatz anrichten? Dr. Jiménez nennt drei Möglichkeiten:

1. Toxic Positivity lässt kein kreatives Spannungsfeld zu

Ein gewisses Maß an Unzufriedenheit kann oftmals ein hervorragender Motivator sein. Wer ständig nur glücklich ist – oder sich einredet, dass er oder sie das ist – wird vermutlich auch nichts an der aktuellen Situation ändern. Einige der größten Figuren der Weltgeschichte – man denke etwa an Martin Luther King – erreichten ihre Ziele nur, weil sie die Welt gerade nicht durch die rosarote Brille betrachteten. Sobald wir unsere Ärgernisse anerkennen, können wir uns eine alternative Situation vorstellen: Ein kreatives Spannungsfeld entsteht.

© Dr. Jacinta M. Jiménez via LinkedIn

2. Toxic Positivity behindert das Einfühlungsvermögen

Ein Großteil der Arbeitenden hat in der einen oder anderen Art mit Menschen zu tun. Und wer die Probleme und Sorgen seiner Kunden verstehen und angebrachte Lösungen finden will, braucht ein gewisses Maß an Empathie. Doch das kann gar nicht erst entstehen, wenn keinerlei negative Emotionen zugelassen werden. Darüber hinaus werden Probleme am Arbeitsplatz wie etwa Mobbing oder fehlende Diversität und Gleichstellung womöglich gar nicht erst gesehen.

3. Toxic Positivity ermöglicht keinen authentischen Dialog

Unsere gemeinsame Erfahrung von Menschlichkeit ist oftmals das, was es uns erlaubt, etwa mit Kollegen in einen authentischen Dialog zu treten. Wer weiß, dass die Menschen um einen herum auch von Zeit zu Zeit mit negativen Empfindungen und Erfahrungen zu kämpfen haben, fühlt sich in seinem Umfeld sicher und gehört, wenn er oder sie die eigenen Erfahrungen mit anderen teilt. Doch in einem von Toxic Positivity geprägten Umfeld wird jeder, der auch mal seinen Unmut gegenüber einer Idee oder Situation äußert, womöglich als Miesepeter abgestempelt.

Die Vielfalt der Emotionen gibt unserem Leben Tiefe

Die Realität ist: Ausnahmslos jeder von uns wird in seinem Leben auch mal mit unangenehmen Emotionen und Erfahrungen konfrontiert sein. Zwar ist es hilfreich, zu lernen, auch die schönen Seiten des Lebens anzuerkennen und zu genießen. Doch immer nur positiv zu denken kann nahezu unmöglich sein. Unangenehme Gedanken und Gefühle kontinuierlich zu unterdrücken führt oftmals nur dazu, dass diese später umso unangenehmer wieder auftauchen. Wird die negative Emotion jedoch akzeptiert, schränken wir ihre Macht über uns ein.

Das Schöne am Menschsein ist doch die Vielfalt an Empfindungen und Erfahrungen, die uns das Leben bietet. Denn diese geben unserem Leben Tiefe. Nichts spricht dagegen, in unangenehmen Situationen optimistisch zu bleiben oder die eigenen negativen Gedanken auch mal zu hinterfragen. Dennoch ist es ratsam, die eine oder andere negative Emotion einfach mal zuzulassen, sie zu erfahren, und dann ganz zwanglos wieder gehen zu lassen – oder die Inspiration zuzulassen, die sie uns für eine bessere Zukunft bietet.