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Büroalltag
„So arbeitet Deutschland“: Chancengleichheit, Arbeitsschutz und Purpose sind ein Wunschdenken
© Claudio Schwarz - Unsplash

„So arbeitet Deutschland“: Chancengleichheit, Arbeitsschutz und Purpose sind ein Wunschdenken

Michelle Winner | 14.07.21

In unserer Arbeitswelt gibt es immer noch strukturelle Benachteiligung aufgrund der Herkunft. Hinzu kommen fehlende Coronaschutzmaßnahmen im Niedriglohnsegment sowie Probleme bei der Bindung der Mitarbeiter:innen.

Chancengleichheit für alle, gute Arbeitsbedingungen und ein Sinn hinter der Arbeit – das wünschen sich viele Arbeitnehmer:innen für die Arbeitswelt von heute. Die Realität sieht jedoch oft anders aus, wie die „So arbeitet Deutschland“-Studie der Personalberatung SThree zeigt. In Zusammenarbeit mit YouGov wurden bereits zum achten Mal mehr als 2.000 in Deutschland lebende Personen befragt. Die Ergebnisse veranlassen zum Nachdenken und zeigen, welche strukturellen Probleme angegangen werden müssen.

Herkunft wirkt sich negativ auf die Chancen im Job aus

Haben alle Menschen die gleichen Chancen in Deutschland? Es ist ein vorherrschendes Wunschdenken in unserer Arbeitswelt, dass niemand aufgrund der Herkunft benachteiligt wird, doch die Realität sieht laut der Studie anders aus. 24 Prozent der Befragten sind überzeugt davon, dass ihr sozialer Hintergrund sich negativ auf die Karrierechancen auswirkt, und 28 Prozent sehen einen Migrationshintergrund ebenfalls als kritisch an. Die Studie macht an dieser Stelle auf ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft aufmerksam, dessen Ursprung oft in Vorurteilen liegt. Die Wahrnehmung von Personen mit Migrationshintergrund und ohne einen solchen unterscheidet sich hier stark, was zeigt, dass den Betroffenen von Diskriminierung Gehör geschenkt werden muss, um etwas ändern zu können.

© SThree

Hinzu kommt noch ein Generationskonflikt: Während ältere Arbeitnehmer:innen überzeugt sind, dass allein der Bildungsabschluss über die Karrierechancen entscheidet, sehen die 18- bis 24-Jährigen andere Faktoren, wie eben die Herkunft, als entscheidend an. Um das Wunschdenken „Chancengleichheit“ zur Realität zu machen, sehen 34 Prozent der Befragten den Staat in der Bringschuld. So sollen Kinder aus sozial schwachen Familien mehr gefördert werden (31 Prozent). Außerdem plädieren jeweils 14 Prozent für altersunabhängige Förderung sowie Maßnahmen zur Gendergerechtigkeit.

Mangelnder Arbeitsschutz im Niedriglohnsegment

Soziale Unterschiede machen sich auch im Pandemiealltag bemerkbar. 26 Prozent geben an, dass die Coronaschutzmaßnahmen in ihrem Unternehmen schleppend bis gar nicht umgesetzt wurden. Arbeitsschutz scheint vom Lohnsegment abzuhängen. Bei den Geringverdienern bis 500 Euro Gehalt im Monat wurden für 43 Prozent keine besonderen Coronaschutzmaßnahmen getroffen. Im Segment von 1.000 bis 1.500 Euro netto im Monat sind es 20 Prozent. Sonderregelungen wie Home Office, Coronatests oder individuelle Absprachen für Eltern sind laut der Studie ein Privileg der Mehrverdiener. Im Lohnsegment von 4.000 bis 4.500 Euro netto im Monat hatten lediglich vier Prozent das Problem von unzureichenden Coronaschutzmaßnahmen. Timo Lehne, Geschäftsführer von SThree, sagt dazu:

Diese Zahlen sind besorgniserregend. Eine gesellschaftliche Kluft zwischen Gering- und Besserverdienenden ist ein generelles Problem in unserer Gesellschaft – darf sich aber keinesfalls auf die Arbeitssicherheit und den Arbeitnehmerschutz auswirken. Der Schutz der Gesundheit ist kein Privileg, sondern ein Grundrecht.

Purpose oder Gehalt – Was ist wichtiger?

Viele Unternehmen stellen sich die Frage, wie sie ihre Mitarbeiter:innen langfristig binden. In den letzten Jahren wurde der Wunsch nach einem Purpose, also einer Sinnhaftigkeit der Arbeit, immer lauter. Die Studienergebnisse suggerieren jedoch, dass ein überdurchschnittliches Gehalt das wichtigste Mittel zur Bindung der Mitarbeiter:innen ist (49 Prozent). Selbst die Befragten, die sich derzeit noch im Studium befinden, legen ihren Fokus auf das Gehalt, dass ihre künftigen Arbeitgeber:innen bereit sind zu zahlen (60 Prozent). Grund für diese Einstellung dürfte unter anderem die Coronakrise sein, die den Wunsch nach finanzieller Sicherheit bei vielen geweckt hat. Doch neben dem Geld ist den Befragten auch die individuelle Wertschätzung (42 Prozent) sowie die Vereinbarung von Privatleben und Beruf (45 Prozent) wichtig.

© SThree

Doch die Sinnhaftigkeit der Arbeit rückt nicht nur in den Hintergrund. Für 23 steht durch die Pandemie im Fokus, dass ihre Arbeit in erster Linie eine Existenzsicherung sein muss. Doch gleichzeitig sehen die jungen Talente im Alter von 18 bis 24 Jahren die Coronazeit als Chance, über die Sinnhaftigkeit von Arbeit nachzudenken (53 Prozent). Unternehmen, die Maßnahmen zur Mitarbeiter:innenbindung ergreifen wollen, sollten dies also in erster Linie über das Gehalt tun, aber darüber hinaus nicht vergessen, ihren Mitarbeiter:innen den Sinn ihrer Tätigkeit bewusst zu machen.

© SThree

Die Studie zeigt deutlich, in welchen Bereichen unserer Arbeitswelt es Nachholbedarf gibt. Besonders der strukturellen Benachteiligung aufgrund der Herkunft muss entgegengewirkt werden, egal ob es sich dabei um Personen mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwachen Familien handelt. Zudem darf der Arbeitsschutz von Mitarbeiter:innen nicht abhängig vom Lohnsegment sein. Es liegt sowohl an Unternehmen als auch der Politik, hier einzuschreiten und Chancengleichheit sowie Sicherheit am Arbeitsplatz sicherzustellen.

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