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Büroalltag
Profilbild auf LinkedIn geht viral: Muss die Arbeitswelt immer professionell sein?
Quelle: LinkedIn Lauren Griffiths

Profilbild auf LinkedIn geht viral: Muss die Arbeitswelt immer professionell sein?

Michelle Winner | 06.10.20

Vom Business-Foto zum Freizeitbild: Dieser simple Wechsel hat eine Debatte rund um die Themen Professionalität und Authentizität in der Berufswelt während Corona entfacht.

Stell dir vor, du änderst dein Profilbild und aus dem Nichts reagieren mehrere hunderttausend Menschen darauf. So ist es Lauren Griffiths, HR Consultant bei Cisco, auf LinkedIn ergangen. Sie änderte ihr Profilbild vom professionellen Business-Foto zum ehrlich-offenen Freizeitbild. Dieser erste Post bescherte ihr inzwischen über 850.000 Likes und fast 30.000 Kommentare. Doch wieso das Aufsehen?

Authentizität während der Coronakrise beweisen

Feuchtes Haar, kein Make-Up, bequeme Klamotten – so präsentiert sich Griffiths auf ihrem neuen Profilbild bei LinkedIn. In ihrem Post erklärt sie die Entscheidung für den Wechsel. Das auf Hochglanz polierte Bild im Blazer würde nicht widerspiegeln, wer Griffiths eigentlich sei, ganz besonders jetzt, wo auch sie die Folgen der Coronakrise und des Home Offices zu spüren bekommt. So schreibt sie:

Why I Changed my LinkedIn Profile Pic
Recently, I took a long hard look at my LinkedIn profile photo – the woman staring back at me had newly highlighted hair and a fresh cut, a pressed blazer, a hint of a smile that showed just the right amount of teeth to let you know she was serious but could be lighthearted when needed. I remember standing in my power pose as my husband snapped the photos. We poured through about 80 shots before we found the one that looked perfectly polished. But the person I was exuding then is not always who I am, and certainly, not who I am right now.

Griffiths geht es um Authentizität. Anstatt so zu tun, als würde die schwierige Situation während der Krise keine Auswirkungen auf sie haben, möchte sie zeigen, wie es wirklich ist: Beruf und Privates vermischen sich durch das Corona-Home-Office und das hat Folgen. So heißt es in ihrem Post weiter:

Today’s remote world has blurred the lines between my professional and personal selves, so I’ve chosen to represent that in my photo. Barely dried hair, comfy pullover, ripped jeans – slightly frazzled from having just gotten 3 kids ready for ’school‘ – but smiling and ready for work. I’ve witnessed and read enough on authentic leadership to know that being genuine and vulnerable will get you a lot farther in your career than a glossy headshot.

The New Normal ist ungeschminkt

Im Interview mit dem Spiegel zeigt sich Griffiths völlig überwältigt von den Reaktionen auf ihren Post. Sie meide Social Media sonst, weil ihr die Privatsphäre wichtig sei. Sie wollte mit ihrem Beitrag nur ihre Gefühle ausdrücken und ihre Ansicht vertreten, dass Corona die Arbeitswelt stark verändert hat. Viel zu oft habe sie erlebt, dass sich Kollegen dafür entschuldigen, nicht top-gestyled im Videomeeting zu erscheinen. Inzwischen sei dies jedoch zum Normalzustand während der Krise geworden. Und genau deshalb hat sie sich auch für das neue Bild entschieden: Sie möchte mit ihrem Online-Auftritt kein Märchen erzählen und sich so zeigen, wie sie auch in digitalen Meetings auftritt. Hier noch einmal der Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Profilbild:

Links im Business Dress, rechts leger und authentisch: Was punktet eher in der Arbeitswelt? © Lauren Griffiths

Griffiths erzählt im Spiegel-Interview außerdem, dass sie froh ist über die überwiegend positiven Reaktionen auf ihren Post. Die Diskussionen darunter verselbstständigten sich jedoch schnell: Ging es anfangs noch um sie, wurde schon bald darüber diskutiert, ob das natürliche Bild oder das professionelle bessere Chancen bei einer Bewerbung hätten. Griffiths betitelt dies als „spannend“, denn auf beiden Bildern ist sie selbst zu sehen. Die gleiche Frau mit dem gleichen Lebenslauf und den gleichen Qualifikationen. Ihr Profilbildwechsel regte eine Debatte darüber an, wie leicht die Menschen sich vom Aussehen beeinflussen lassen.

Bedeuten Anzug und Kostüm automatisch Kompetenz?

Einige der Kommentare unter Griffiths‘ Bild würden diese Frage bejahen. Ihr altes Profilfoto wirke kompetenter und die User würden der Person darauf mehr zutrauen, als der auf dem Freizeitbild. Griffiths ist froh darüber, die Debatte angestoßen zu haben. Denn diese beschränkt sich nicht nur auf den Business Dresscode, sondern geht viel weiter: Personen werden Karrierechancen aufgrund ihres Bewerbungsfotos genommen, weil sie Tattoos oder bunte Haare haben, weil sie eine dunklere Hautfarbe haben, weil sie ein Kopftuch tragen. Die Liste lässt sich noch weiterführen. Mit ihrem Post schaffte Griffiths ein Bewusstsein für diese Problematik, die oft vergessen wird.

Gegenüber dem Spiegel erklärt Griffiths außerdem, dass die Debatte noch viel facettenreicher ist. So ging es in den Kommentaren auch darum, wie Frauen in der Arbeitswelt allgemein wahrgenommen werden, welche Erwartungen an sie gestellt werden und wie sie Home Office und Kindererziehung meistern. Letzteres bewertet Griffiths selbst positiv: Sie hat viele Unternehmen gesehen, die flexibel und mit Verständnis auf Eltern im Home Office reagieren und diese auch unterstützen.

Wie professionell muss die Arbeitswelt sein?

Wenn Griffiths‘ Post eines beweist, dann, dass es in unserer Arbeitswelt noch viele Baustellen gibt. So offen und modern wie die Gesellschaft auch manchmal scheint, bleiben doch immer gewisse traditionelle Ansichten und Vorurteile erhalten, die sich nur schwer ablegen lassen. Besonders oft greift in Karrierefragen der Halo-Effekt: Dieser sorgt beispielsweise dafür, dass wir professionell wirkende Personen im Anzug bewundern und ihnen mehr Kompetenzen zuschreiben, als jemandem in Pulli und Jeans. Doch wie siehst du das? Findest du Griffiths‘ Aktion mutig und stimmst du ihr zu, dass gerade die Arbeitswelt unter der Coronakrise mehr Authentizität verlangt? Oder bleibst du dabei, dass Beruf und Privates streng getrennt bleiben müssen? Muss es für Kompetenz und Professionalität immer ein Anzug sein, oder reicht auch der Hoodie alla Silicon-Valley-Style? Lass es uns in den Kommentaren wissen und diskutiere mit.

Patrick Lux am 07.10.2020 um 22:35 Uhr

Ist das immer eine Frage des entweder oder? Oder geht nicht auch beides zusammen? Ist ihr altes Bild wirklich das, was man von einer Personallerin erwartet oder nur das was sie dachte was sie darstellen müsste?

Sympathie UND Professionalität in einem Foto sind keine Dinge die sich ausschließen. Die Bilder von ihr erfüllen so beide nicht ihren Zweck.
Und ja, ich bin befangen. Ich bin Fotograf.

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