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Büroalltag
Perspektiven von Studierenden in der Coronakrise: Gefangen zwischen Optimismus und Finanzierungsängsten

Perspektiven von Studierenden in der Coronakrise: Gefangen zwischen Optimismus und Finanzierungsängsten

Michelle Winner | 04.03.21

Abgesagte Praktika und verlorene Nebenjobs führen nicht nur zu finanziellen Problemen, sondern auch zu fehlender Berufserfahrung. Das macht sich beim Berufseinstieg bemerkbar.

Bereits im Mai 2020 berichteten wir über eine Studie von der Recruiting-Plattform JobTeaser, die die Auswirkungen der Coronapandemie auf junge Talente und deren Chancen zeigt. Nun gibt es einen ausführlichen Report, indem die aktuelle Lage sowie die Probleme und Ängste von Studierenden untersucht wurden. Dabei macht sich vor allem bemerkbar, dass Optimismus und Sorgen eng beieinander liegen.

Steigender Zukunftsoptimismus bei den Studierenden

Im Rahmen der Untersuchung wurden im September 2020 insgesamt 1572 Studierende aus Deutschland und Österreich befragt sowie 38 Unternehmen. Die Antworten wurden mit denen vom Beginn der Pandemie verglichen. Dabei zeigt sich: Während sich in der ersten Befragung noch 90 Prozent der Studierenden Sorgen über die Entwicklung und Auswirkungen der Krise machten, sind es nun nur noch knapp zwei Drittel. Obwohl es also bis zum Punkt der zweiten Befragung kaum Fortschritte hinsichtlich Pandemieeindämmung und Impfstrategie gab, sind die Befragten zuversichtlicher. Doch dieser Optimismus bezieht sich nur auf die Allgemeinsituation. Andere Sorgen plagen die Studierenden umso mehr. Svenja Rausch, Expertin für Karriereorientierung, Kommunikation und Marketing bei JobTeaser, erklärt:

Während im April ein Viertel der befragten Studierenden angab, dass sie finanzielle Ängste plagen, traf das im September 2020 schon auf jede:n Dritte:n zu. […] so sind Stellenausschreibungen für Werkstudentenjobs und bezahlte Praktika stark zurückgegangen. Nach wie vor ist der finanzielle Druck für viele Studierende enorm hoch. Doch nicht nur die finanzielle Situation ist eine echte Herausforderung. Auch die Beziehungen zu Kommiliton:innen und das gesamte Campusleben sowie der Austausch an den Hochschulen leiden unter der Pandemie. Dabei sind Austausch und Erfahrungswerte für junge Menschen unerlässlich, um in eine erfolgreiche berufliche Zukunft nach dem Studium zu starten.

Rausch nennt Studierende die „großen Verlierer der Krise“. Besonders der Ausfall der typischen Nebentätigkeiten, wie etwa Kellnern, macht sich bemerkbar und anstatt das Studium so selbst finanzieren zu können, sind viele Studis nun entweder auf Unterstützung der Eltern angewiesen oder müssen sich zusätzlich verschulden. Doch auch der Einstieg in den Arbeitsmarkt ist durch Einstellungsstopps und schrumpfende Recruiting-Budgets schwieriger geworden. Abgesehen davon fehlen vielen Studierenden auch die sozialen Kontakte und die Chance auf Netzwerken an der Uni. An dieser Situation wird sich auch in diesem Jahr wenig ändern, denn die meisten Universitäten haben auch für das Sommersemester 2021 Remote Learning angekündigt.

Gestrichene Praktika und fehlende Berufserfahrung machen sich bemerkbar

Studierende, die sich noch mitten im Studium befinden, spüren den Einfluss der Pandemie auf ihre Berufsplanung weniger. Anders sieht es bei jenen aus, die ihren Abschluss im Auge haben und eigentlich in die Bewerbungsphase einsteigen wollen. Hier geben 85 Prozent an, dass die Coronakrise die Berufsplanung erschwert. Rausch erklärt, wie sich die Situation auf dem Arbeitsmarkt für die Studierenden verändert hat:

Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und der Karriereplattform LinkedIn ist die Zahl der Stellenausschreibungen im Frühjahr um gut 20 Prozent zurückgegangen. Zugleich verdoppelte sich die Anzahl der Bewerbungen pro Stelle zwischen März und Mai. Gerade Bewerber:innen mit wenig oder keiner Berufserfahrung haben bei solch einer Konkurrenzsituation das größte Nachsehen. Damit hat die Coronakrise den Arbeitsmarkt gedreht. Vor der Krise konnten sich Studierende viele Einstiegsstellen aussuchen – mittlerweile ist es selbst für High Potentials schwieriger geworden, den passenden Job zu finden.

Es zeigt sich also, dass die mangelnde Berufserfahrung negative Auswirkungen mit sich bringt. Darunter fallen natürlich die Nebenjobs, aber vor allem auch die fehlenden Praktika. Insgesamt haben 30 Prozent der Befragten ihren sicheren Praktikumsplatz krisenbedingt wieder verloren. Ähnlich sieht es auch mit Nebenjobs aus: Hier werden die Studierenden teilweise in der Luft hängen gelassen, wie Student Christian im Interview mit Job Teaser erzählt:

Meine Bachelor Abschlussarbeit absolvierte ich ebenso wie davor mein Praxissemester bei der Porsche AG in Weissach. […] meine Betreuer waren so zufrieden mit mir, dass sie mir eine Stelle als Werkstudent anboten. Diese hätte ich im Juli 2020 angetreten, jedoch wurde aufgrund von Corona ein Einstellungsstopp verhängt und damit auch meine Werkstudentenstelle auf unbekannte Zeit verschoben bzw. abgebrochen. Bis heute habe ich noch keine endgültige Absage erhalten und hoffe daher, dass ich die Stelle immer noch antreten werde.

Studierende wünschen sich mehr Unterstützung seitens der Hochschulen

Gerade die Career Centers der Hochschulen sind jetzt gefragt. So gaben 50 Prozent der Befragten an, dass sie sich eine persönliche Beratung wünschen, um ihre Chancen zu erkennen und auf Bewerbungsprozesse vorbereitet zu werden. 40 Prozent wünschen sich hingegen konkrete Hilfe und mehr Informationen hinsichtlich der akademischen Anforderungen für ihre Karriereplanung. Zudem sollen die Hochschulen auch mehr Kontakte mit Absolventen knüpfen, um so Coachings zu ermöglichen und eventuell auch Kontakte herzustellen, die bei der Praktikumssuche hilfreich sind. Und auch Rausch betont, dass trotz Remote Learning die persönliche Betreuung der Career Center nicht nachlassen darf – schließlich gibt es genug digitale Möglichkeiten wie Live Streams oder Video Calls, um diese zu ermöglichen.

© JobTeaser

Rausch legt die Verantwortung der Berufsorientierung jedoch nicht nur den Hochschulen in den Schoß, sondern gibt auch selbst konkrete Tipps, die Studierenden bei der Jobsuche helfen können:

  • Flexibilität hinsichtlich Branche, Unternehmen und Standort zeigen
  • Nebenjobs in Branchen suchen, die derzeit stark suchen (Logistik, Lieferdienste, Supermärkte)
  • Lücke im Lebenslauf durch Überbrückung verhindern (Ehrenamt, wenn möglich Praktikum)
  • Eigene Geschichte offen in der Bewerbung erzählen (wieso fehlen z.B. praktische Erfahrungen)
  • Freie Zeit für Weiterbildungen nutzen (Sprachkurse, IT Skills)
  • Karrierenetzwerke und Social Media zur Vernetzung mit Alumni nutzen

Trotz Optimismus bleibt Zukunft für Studierende ungewiss

Insgesamt sehen knapp 50 Prozent der Studierenden der Zukunft positiv entgegen, doch immer noch 21 Prozent der Befragten sind überwiegend pessimistisch eingestellt. Besonders die fehlenden sozialen Aspekte des Studiums sowie Finanzierungsängste machen den Studierenden zu schaffen. Zwar gibt es Überbrückungshilfen, doch diese erhalten nicht alle Studis. Viele sind daher auf zinslose Darlehen, BAföG oder Kredite angewiesen, die zu einer Verschuldung führen. Die Politik darf die jungen Talente nicht vergessen und gleiches gilt auch für die Hochschulen: Karriere-Services müssen unbedingt weiter angeboten werden, um den Studierenden eine Perspektive zu bieten. Die neue Generation von Arbeitskräften dürfen nicht als Verlierer:innen aus der Coronapandemie hervorgehen.

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